Bush-Messer: Schalldämpfer gegen das Desaster - DER SPIEGEL
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Bush-Messer Schalldämpfer gegen das Desaster

John Kerry hat beim Kampf ums Weiße Haus ein massives Problem. Nach den Vorwahlen ist der demokratische Herausforderer aus den Schlagzeilen geraten. George W. Bush kennt diese Sorge nicht - sein Amt garantiert Nachrichten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Heute ist ein guter Tag, heute interessiert sich in Amerika so gut wie niemand für Politik, heute ist das Basketball-Endspiel der College-Mannschaften und, wie schön für das Wahlkampf-geprüfte Land, zwei Außenseiter stehen sich im Finale gegenüber: Connecticut und Georgia Tech.

Es muss schon viel passieren, ehe sich Amerika von diesem heiligen Abend vor dem Fernsehapparat abbringen ließe. Mit George W. Bush und John Kerry und deren langem, überlangem Wahlkampf bleibt das Land ja noch genau sieben Monate geschlagen. Jede sportliche Ablenkung ist da willkommen. Der demokratische Herausforderer verweilt in der Rekonvaleszenz nach einer kleinen Operation an der Schulter.

Die beste Nachricht in der vergangenen Woche betraf seine Finanzlage: Rund 50 Millionen Dollar hat er eingesammelt, was für den ungebrochenen Willen der demokratischen Millionäre spricht, die Republikaner aus dem Weißen Haus zu vertreiben. Im Übrigen musste schon jeder Herausforderer des Präsidenten vor Kerry die Zeit nach der informellen Nominierung fürchten, denn danach verschwindet er fast zwangsläufig in der Versenkung. Vorbei die Tage, an denen er in den Primaries von Sieg zu Sieg eilte, vorbei die öffentliche Aufmerksamkeit, vorbei der Charme des Novizen, dessen Charme darin besteht, dass er ein Novize ist.

Dass der Wahlkampf so früh so furios ausgebrochen ist, trifft deshalb Kerry mehr als Bush. Ein Präsident ist zwangsläufig in den Nachrichten. Das hilft ungemein. Dazu kommt, dass etliche der ungeheuer intensiven Aufregungen in Washington offenbar ganz schnell verrauschen, anstatt sich wie starke Schallwellen kraftvoll ins Land hinein zu verbreiten. So kommt es, dass die neuesten Meinungsumfragen eher günstig für Bush ausfallen und eher ungünstig für Kerry. Auf diesen Schalldämpfer-Effekt vertrauen die Republikaner und zumindest in dieser Phase liegen sie damit richtig.

Denn wenn es nach dem politischen Lehrbuch ginge, wie es die Demokraten schreiben, wäre die vergangene Woche zum größtmöglichen Desaster der Regierung Bush geraten. Wieder ein Zugeständnis - Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice muss an diesem Donnerstag in aller Öffentlichkeit unter Eid vor einer überparteilichen Kommission Auskunft erteilen, wie groß der Wissensdrang im Weißen Haus, den Terrorismus betreffend, vor dem 11. September 2001 wirklich war. Wieder tote Amerikaner im Irak - und ihre Leichen als Kriegsbeute durch Falludscha geschleift.

Die Geduld Amerikas mit dem täglichen Blutzoll ist erstaunlich, auch wenn niemand heute schon wissen kann, wie die Amerikaner die Lage im Irak rund um den Wahltag einschätzen werden - als bittere Notwendigkeit, die ihren Segen auf mittlere Sicht entfalten wird, oder als traurige Verirrung einer Weltmacht, die ihren eigenen Illusionen aufgesessen ist.

Gute Nachricht für den Amtsinhaber hielt vorige Woche die Wirtschaft bereit: 308.000 neue Jobs im März, ganz schön viel. Natürlich wird der Präsident in dieser Woche darauf herumreiten. Die satte Zahl ist ein weiteres Indiz dafür, wie schwer es sein wird, Bush aus dem Weißen Haus zu vertreiben.

Der Bush-Messer bleibt daher dort, wo er ist: auf halbe-halbe. Dabei liegt der Präsident stabil bei seinen 50 Prozent Wahrscheinlichkeit, dass er wieder gewählt wird. John Kerry aber muss fürchten, ein bisschen abzubröckeln, wenn ihm nichts Neues einfällt. Er kümmert sich darum: Binnen acht Wochen will er seinen Kandidaten für die Vizepräsidentschaft benennen - früher als je in der Geschichte amerikanischer Präsidentschaftswahlen.