Bush-Messer Wo ist John Kerry?
New York - Wo ist John Kerry? Wer sich wundert, was der Hoffnungsträger der US-Demokraten in den letzten Tagen so alles getrieben hat, derweil Rivale George W. Bush aus den misslichen Schlagzeilen nicht herauskam, braucht heute nur den "Inquirer & Mirror" aufzuschlagen, die Lokalzeitung der feinen Ferieninsel Nantucket in Massachussetts (Leserzahl zur Hochsaison: circa 30.000). "Kerry gesichtet", schlagzeilt das Blatt viel sagend, darunter ein Foto des Senators, wie er nebst Gattin Teresa die (spanischsprachige!) Abendmesse in St. Mary's Our Lady verlässt.
Kerry, so ist anderswo zu hören, habe übers Wochenende mal ganz gemütlich auf Nantucket ausgespannt, wo Teresa ein Neun-Millionen-Dollar-"Cottage" besitzt, samt Hollywood-Schaukel im Vorgarten. Eine Sommerfrische mit Hindernissen allerdings: Erst habe sich Kerrys Anflug wegen des schlechten Wetters verzögert, dann habe sein Tourenrad einen Platten gehabt, schließlich habe ihm eine Flaute das Fallschirmsurfen vermasselt, zu dumm. Zumindest zum Fischdinner mit den Kennedys reichte es wohl; ansonsten ging die Präsenz des präsumtiven Präsidenten im Trubel des lokalen Filmfestivals unter, zu dessen Publikumsattraktionen eine Open-Air-Strandvorführung des hier gedrehten Grusel-Klassikers "Der Weiße Hai" zählte.
Kein Wunder, dass Kerry im Wahlkampf nicht so recht zu Potte kommt. Dabei bot ihm die letzte Woche mal wieder ordentlich Munition gegen Bush: Erneut beherrschte der Terrorausschuss die nationale Debatte, indem er diesmal Bushs letzten Irak-Kriegsgrund entzauberte, die Komplizenschaft Saddam Husseins bei den 9/11-Anschlägen - nie explizit unterstellt, doch stets impliziert und bis heute von 70 Prozent der Amerikaner für bare Münze genommen. Erneut wurde ein US-Zivilist grausig enthauptet: in Saudi-Arabien. Erneut starben im Irak allein in einer Woche zwölf Soldaten, darunter elf Amerikaner, für einen Krieg, den die Mehrheit der Wähler schnellstens beenden will. An der Heimatfront summt die Konjunktur zwar, doch auch hier murren die Leute weiter.
Kerry steht heute in schlechterem Licht da
Trotzdem: Bushs Popularität hat sich wieder leicht von den Tiefstwerten der letzten Wochen erholt. Inzwischen halten sich Positiv- und Negativ-Werte die Waage, jedes Menetekel verschwindet in der statistischen Fehlerquote. Demoskopen sprechen vom "Reagan-Effekt": Die Gedenk-Orgie für den "Gipper" hat dem Chef-Trauerer Bush am Ende doch noch vorübergehenden Aufwind gegeben. Kerry dagegen, so fürchten einige Demokraten, leide am "Clinton-Effekt", da die Memoiren des Bush-Vorgängers dessen alte Feinde im rechten Lager zu neuen Tiraden inspirierten.
In den meisten Wahlumfragen hat sich Bush so wieder einen sanften Vorsprung vor Kerry zurückerobert. Dies ist nicht zuletzt auch einer dreimonatigen, 85 Millionen Dollar teuren Diskreditierungskampagne gegen Kerry zu verdanken, die das Weiße Haus kürzlich offiziell wieder beendet hat. Deren Resultat, nicht ganz so dramatisch wie erhofft, aber immerhin: Die US-Wähler sehen Kerry heute in schlechterem Licht als zu Beginn der Bushschen Anti-Offensive im März; Kerrys Imagebonus aus den Vorwahlen schmolz im Dauerfeuer der landesweiten Negativ-Spots dahin.
Kerry spielt unterdessen den Phantomkandidaten: Kurzurlaubt oft ("Ich habe viel zu tun", musste er neulich sogar einem nachfragenden Reporter versichern), äußert sich nur verhalten, tritt vor kleinem Publikum auf, während Bush in großen Häusern spielt, lässt die Nation weiter über seinen Vize rätseln und verlässt sich weitgehend auf TV-Spots in den umkämpften Wechselwählerstaaten wie Ohio, Michigan und Pennsylvania. 32 Millionen Dollar hat er dafür allein im Mai ausgegeben, zehn Millionen mehr als "Big Spender" Bush; am Ende kamen beide wieder da an, wo sie losgegangen waren - im ungefähren Patt.
So viel Geld, so wenig bewirkt: Der Bush-Messer verneigt sich vor der mysteriösen Welt amerikanischer Wahlkämpfe - und peilt sich also diese Woche wieder auf eine 40-prozentige Chance zur Wiederwahl Bushs ein.
Noch was in eigener Sache: Mit Interesse stellt der Bush-Messer fest, dass er inzwischen in allerlei Internet-Blogs zitiert (und oft kritisiert) wird, vor allem aus der Bush-nahen Ecke. Einer davon, auf einer linksalternativen (!) Website aus London, übersetzt ihn dabei jedoch flott als "The Bush Knife", als ging's um Klingenware aus Solingen. So scharf wären wir gerne.