Bushs Krieg Der Sturzflug des Siegers
Hamburg - Einen "Krieg wie keinen anderen" hatte Präsident George W. Bush seiner Nation versprochen. Heute, fast ein Jahr nachdem 40 amerikanische Marschflugkörper und zwei Stealth-Jagdbomber vom Typ F-117A mit ihrer tonnenschweren Bombenlast am 20. März 2003 die Jagd auf Saddam Hussein eröffneten steht fest: Der Mann, der kaum sechs Wochen später am 1. Mai auf dem Deck des Flugzeugträgers "Abraham Lincoln" vor der kalifornischen Küste bei San Diego mit kaum beherrschtem Stolz das "Ende der Hauptkampfhandlungen" im Irak bekannt gab, hat Recht behalten. Unter den Riesenlettern des Schriftzugs "Auftrag ausgeführt" verkündete er damals den vielleicht schnellsten Pyrrhussieg der Weltgeschichte.
Der Blitzfeldzug im Zweistromland, an dessen Ausgang nur Phantasten zweifeln konnten, fand weit mehr Opfer, als die Strategen der Supermacht vorgesehen hatten. Nicht nur der Irak, zuvor schon entkräftet von zwei Kriegsjahrzehnten und fast erstickt unter dem eine Dekade dauernden Uno-Embargo, lag nach der militärischen Niederlage Saddams in Trümmern. Auf der Strecke blieb weit mehr: Alte Allianzen wurden schwer beschädigt; das internationale Rechtssystem, aber auch das amerikanische Staatsfundament von Bürger- und Menschenrechten zerbarsten fast unter der Last, die ihnen die älteste Demokratie der Welt aufbürdete.
Nicht zuletzt fiel Washingtons neue Globalpolitik der demonstrativen Alleingänge angesichts der Herkulesaufgabe beim Wiederaufbau des Iraks bald in sich zusammen. Eine futuristische Militärdoktrin, die auf blitzkriegsmäßige Vorstöße hoch beweglicher Kommandotruppen nach einem bis dahin ungekannten Mega-Bombardement ("Shock and Awe") setzte, erwies sich als zu kurzatmig, um auch der anschließenden Sicherheitsprobleme im eroberten Irak Herr werden zu können. Und die fragwürdige Politik der Prävention, Bushs Knüppel-aus-dem-Sack für alle "Schurkenstaaten", scheiterte bereits, als sie zwischen Euphrat und Tigris einem ersten Realitätstest unterzogen wurde.
Der Fluch der Bushs
In dem Maß, in dem die Kriegsgründe - von Saddams angeblicher Terrorpatenschaft bis zu seinen Massenvernichtungswaffen - als Kartenhaus aus Lügen entlarvt wurden, schwand bei den betrogenen Bürgern das Vertrauen in ihre Regierungen, die sie offenbar wider besseres Wissen in den Krieg geführt hatten. Geheimdienste wurden politisiert - und sahen sich wenig später desavouiert. Jetzt erst, nach dem Blitzkrieg gegen Babylon, erfüllt sich, was George W. Bush gleich nach den verheerenden Terroranschlägen vom 11. September 2001 in Washington, Pennsylvania und New York prophezeit hatte: "Nichts wird so sein wie zuvor."
Doch dass sich dieser Wandel so ganz anders vollzieht, als George W. erwartet hat, bringt ihn womöglich in den Sog des "Bush-Fluchs", der schon seinem Vater George Herbert Walker 1992 zum Verhängnis wurde. Der stieg zunächst im Aufwind des ersten Bush-Kriegs am Persischen Golf 1991 auf ungeahnte Höhen in der Wählergunst und verlor dennoch nur ein Jahr später - nach nur einer Amtsperiode - sein Amt an den bis dato weithin unbekannten demokratischen Gegenkandidaten Bill Clinton.
Diese Schmach hatte der Sohn ungeschehen machen wollen. Nun bedroht sie ihn selber. Den Sturzflug hat George W. bereits begonnen. Wie Blei zieht ihn der Siegeslorbeer von Bagdad unter den Popularitätswert seines voraussichtlichen Herausforderers bei den US-Präsidentschaftswahlen im November, des demokratischen Senators John Kerry. George W. Bush, so scheint es, könnte wenn auch nicht das letzte so doch das prominenteste Opfer seines mesopotamischen Pyrrhussiegs werden.
Kriegspläne aus den Schubladen der Neokonservativen
Schon früh taten sich Brüche auf in dem Drehbuch des Rachefeldzugs gegen Saddam, den "Mann, der versucht hat meinen Vater zu töten", wie Bush junior einst geklagt hatte. Die Hardliner aus den neokonservativen Denkfabriken Washingtons brachten ihre Kriegspläne gegen den Irak bereits mit, als sie 2001 unter Verteidigungsminister Donald Rumsfeld das Heft im Pentagon in die Hand nahmen. Vergeblich bauten sie darauf, dass die Welt, die der vom Terror ins Mark getroffenen Supermacht solidarisch in Afghanistan beigestanden hatte, nun auch gegen Bagdad zu Felde ziehen würde.
Nur widerwillig und unter dem Druck der Briten bat Washington im Uno-Sicherheitsrat in New York um Unterstützung der Weltgemeinschaft. Doch die Beweismittel - fadenscheinige Behauptungen über Kontakte zwischen Saddam und dem Terrorpaten Osama Bin Laden sowie über ein angeblich bedrohliches Arsenal an irakischen Massenvernichtungswaffen - reichten nicht aus, um die Weltöffentlichkeit kriegsbereit zu stimmen. Dass neben den üblichen Verdächtigen aus Peking und Moskau vor allem langjährige Verbündete in Paris und Berlin gegen die Kriegspläne der USA mobil machten, führte zu einem Bruch, der womöglich nie wieder völlig zu kitten sein wird.
Als London versuchte, mit einer zweiten Irak-Resolution im Uno-Sicherheitsrat wenigstens den Schein von Legitimität zu wahren, erklärte Kriegsherr Rumsfeld kühl, man sei auf die Hilfe der Briten nicht angewiesen: "Amerika kann das alleine." Vor einem solchen Alleinvertretungsanspruch gerät auch das Völkerrecht zur Makulatur. Das nahezu einhellige Urteil maßgeblicher Rechtswissenschaftler, ein Krieg ohne das Plazet des Sicherheitsrats stelle einen flagranten Verstoß gegen internationales Recht dar, hielt Bush nicht davon ab, am 20. März mit einem lässigen "Let's do it!" den Einmarschbefehl zu geben.
Zunächst verlief der Vorstoß wie nach Drehbuch. "Schnell und beweglich", mit kleinen Truppenkontingenten und tiefen Vorstößen, sollte nach der neuen Taktik der US-Militärs eine technologisch weit überlegene Angriffsarmee ihren zahlenmäßig stärkeren Gegner aus dem Gleichgewicht bringen. "Tage, allenfalls ein, zwei Wochen" werde es dauern, bis der Irak überrannt sei, tönte Richard Perle, die graue Eminenz des Pentagon, gegenüber dem SPIEGEL.
Kein Jubel für die Befreier
Vergeblich warnten besonnenere Köpfe wie der Politikprofessor Charles Kupchan von der renommierten Georgetown University, es werde womöglich "nur Tage oder Wochen dauern, bis die Amerikaner mit Kugeln statt mit Blumen von der Bevölkerung begrüßt werden". Während die "eingebetteten" Journalisten, zum Teil selber uniformiert, aus den gepanzerten Angriffsspitzen eine Erfolgsstory nach der anderen über die "beispiellosen Eilmärsche" absetzten, bahnte sich hinter der Front das nicht vorhergesehene Drama an. Schon das winzige Hafenstädtchen Um Qasr wurde zum Teil mehrmals täglich als erobert gemeldet, ehe nach über einer Woche Invasionstruppen dort endgültig die Kontrolle übernahmen. Auch die Millionenstadt Basra, Zentrum des schiitischen Widerstands gegen Saddam, fiel den Briten keineswegs kampflos in die Hände. Und als sie schließlich fiel, jubelten weder dort noch sonst wo im eroberten Zweistromland die Massen den selbsternannten Befreiern aus der "Koalition der Willigen" zu.
Stattdessen entstand entlang der immer längeren Nachschubrouten eine neue Front nach der anderen. Saddams Truppen, die der offenen Feldschlacht fast überall aus dem Weg gegangen waren, schienen nun jenen Guerillakrieg führen zu wollen, den der Despot seinen Gegnern angedroht hatte. Erst Monate nach dem Fall Bagdads offenbarte eine erste umfassende Studie des Pentagon, wie nahe die Supermacht einem logistischen Debakel gekommen war. Der Nachschub, in immer größerem Maß zivilen Unternehmen überlassen, stand zeitweilig vor dem völligen Zusammenbruch. Zum Glück für Washington brachen Saddams Truppen, selbst die angeblich so kampfstarke Republikanische Garde, noch schneller zusammen als die Versorger von Kellogg, Brown & Root, der Firma, ohne deren Zuarbeit das Pentagon offensichtlich kaum noch Krieg führen kann.
Das eigentliche Debakel setzte jedoch erst ein, nachdem George W. Bush das "Ende der Hauptkampfhandlungen" verkündete. Zu sehr, so zeigte sich, hatten die US-Strategen für ihre Nachkriegsplanungen auf die Einflüsterungen der amerikanischen Exil-Iraker vertraut, die ihnen jubelnde Menschenmassen an den Straßenrändern versprochen hatten. Statt dessen trieben zunächst im Sunniten-Dreieck zwischen Tikrit, Bagdad und Falludscha, später auch im kurdischen Norden und schiitischen Süden des Irak, immer neue und immer blutigere Anschläge die Verlustrate bei den Invasoren wie der irakischen Zivilbevölkerung unablässig in die Höhe.
Verpuffte PR-Erfolge
Ein Jahr nach Kriegsbeginn liegt die Gesamtzahl der getöteten Amerikaner mindestens dreimal so hoch wie nach offizieller Beendigung der Hauptkampfhandlugen. Immer drängender wirbt Washington bei den zuvor düpierten Partnern um Entsatz. Die Uno, bei der Entscheidung zum Krieg als irrelevant abgetan, soll nun als Aufräumkommando die undankbare Aufbauarbeit koordinieren dürfen - und wurde prompt selbst zum Ziel radikaler Iraker: Bei einem Selbstmordanschlag auf das Uno-Gebäude in Bagdad am 19. August starben Kofi Annans persönlicher Gesandter, der Brasilianer Sergio Vieira de Mello, und 20 weitere Menschen. Von der Uno organisierte Wahlen noch in diesem Jahr, wie sie sich die Amerikaner wünschen, hat ein Erkundungsteam aus dem New Yorker Hauptquartier jüngst für unrealistisch erklärt. Auch Washingtons bange Hoffnung, die Nato möge zur Entlastung ins Zweistromland einrücken, belegt das klägliche Scheitern der Bush-Philosophie vom einsamen Sheriff im wilden Osten. Zwar wurde, im Gegensatz zum Terror-Paten Bin Laden, der Tyrann Saddam kurz vor Weihnachten gefasst. Doch der PR-Erfolg verpuffte, was seine Wirkung auf die Popularitätswerte des Präsidenten angeht, alsbald.
Und ob die Verfassung, die Anfang dieser Woche feierlich unterzeichnet wurde, eine friedliche und demokratische Ordnung garantieren kann, steht in den Sternen: Die Führer der schiitischen Bevölkerungsmehrheit warten nur auf die angekündigten Wahlen, um dann ihr ganzes Gewicht in die Waagschale zu werfen. Ob die in der Verfassung vorläufig festgeschriebenen Minderheitenrechte, speziell für die Kurden, wie die bundesstaatliche Ordnung Bestand haben werden, ist darum noch keinesfalls ausgemacht. Der Irak könnte noch auseinander brechen, gar in einen Bürgerkrieg abgleiten - Kräfte, die darauf hin arbeiten, gibt es Allerorten. Für die Kontrolle und den Schutz eines Millionen-Volks wären dann wohl nicht einmal die 300.000 Mann ausreichend, die Bill Clintons Irak-Stratege Kenneth Pollack, einer der wichtigsten Kronzeugen für den Krieg gegen Saddam, dem Pentagon als Minimum anempfohlen hatte.
Die Grenzen der militärischen Leistungsfähigkeit der USA vor Augen, erweist sich so auch die so selbstbewusst verkündete Präventionsstrategie der Bush-Administration letztlich als Luftnummer: Einen weiteren Feldzug, noch dazu gegen die weit stärker als Saddam gerüsteten Syrer, Iraner oder Nordkoreaner könnte das US-Militär kaum schultern. Anders als Pyrrhus von Epirus, der sich im 3. Jahrhundert vor Christus gegen die Römer zu Tode siegte, wird Bush allerdings wohl nicht am Aderlass auf dem mesopotamischen Schlachtfeld scheitern. Es sind die politischen Wunden, die er dort erlitten hat, die gleichwohl sein Ende einläuten könnten.