Castro-Countdown In freudiger Erwartung der Todesbotschaft
Miami - Rechtsanwalt Aldo Leiva hat extra seinen Urlaub in Arizona abgesagt. "Ich will jetzt nicht wegfahren", sagt er. "Ich kann's nicht." Denn dies ist der Moment, auf den er sein Leben lang gewartet hat. "Dies ist der Moment, weshalb ich nach Miami gekommen bin. Der Moment, weshalb ich Jura studiert habe. Alles hat darauf hingeführt. This is it!"
Leiva sitzt in einem Büro an der 27th Avenue in dem Stadtteil Miamis, den sie - obwohl längst überall Exilkubaner wohnen - Little Havana nennen. Denn inzwischen hat ja jeder Dritte hier kubanische Wurzeln, ob in erster, zweiter oder dritter Generation. Und alle scheinen sie, wie Aldo Leiva, auf diesen Moment in der Geschichte gewartet zu haben.
Dieser Moment wäre natürlich eine Wende in Kuba. Den 80. Geburtstag Fidel Castros verbrachten Miamis Exilkubaner gestern denn auch in nervöser Erwartung - hatte man doch seit dessen Operation kein Lebenszeichen mehr vom Commandante gesehen. "Wenn sie ihn uns nicht vorführen", sagte Leiva, "wissen wir endgültig, es ist vorbei." Doch dann erschienen die Fotos in der "Juventud Rebelde": der Máximo Líder im Adidas-Trainingsanzug, mitgenommen - doch, immerhin, lebendig. .
"Vergiss die alten Forderungen. Die Kuh ist tot"
Und so sind die ersten Jubelfeiern, die sich vorige Woche noch in den Straßen Little Havanas abspielten, verklungen. Stattdessen macht sich an der Calle Ocho, der Pulsader Little Havanas, jetzt eine atemlose Stille breit, während hinter den Kulissen das begonnen hat, was Leiva "unsere eigentliche Arbeit" nennt - die Vorbeitungen der Exilgemeinde für eine, so glauben sie, trotzdem unausweichliche Öffnung der Heimat. "Tot oder lebendig, der Wandel auf Kuba muss jetzt kommen", sagt Leiva. "Die Ära Fidel Castro muss enden."
Und dafür wird Leiva in diesen Tagen selbst mit zu sorgen versuchen - als Führungsmitglied der Cuban-American National Foundation (CANF), der mächtigen Exilantenlobby. Lange war die als erzkonservativ verschrien, als Betonkopf-Fraktion, die ihre Insel am liebsten im Sturm zurückerobern wollte und auf nichts anderes hinarbeitete als ihre eigene Heimkehr.
Planen sie nun also den Run auf Havanna? Oder gibt es zumindest schon ein kollektives Kofferpacken? Mitnichten. Die Zeiten haben sich geändert und mit ihnen die CANF. "Klar gibt es Leute, die ihre Farm verloren haben und nun ihre Kuh zurückfordern", sagt der CANF-Vorsitzende Jorge Mas Santos schmunzelnd. "Vergiss es. Die Kuh ist tot."
"Keine Marineinfanteristen in Havanna"
Stattdessen verfolgen die einflussreichen Exilanten für die Zeit nach Castro inzwischen eine andere Strategie: Sie versuchen aus 90 Meilen Entfernung, Kubas "Demokratisierung von innen" zu fördern. So hat die CANF jetzt gleich einen Aufruf zum Widerstand nach Kuba gesendet: "Die Zeit ist da, dass Ihr vortretet." Der ging über "geheime Kanäle" (Leiva) nicht nur an Dissidenten, sondern auch an viele Funktionäre in der Partei und an Militärs.
Klartext: Auch bei einer Wende auf Kuba wird es keine Rückeroberung durch die Exilanten geben, keine Massenauswanderung, keine Flotilla auf Havanna. Egal, was sie am Tresen des "Café Versailles" murmeln, dem Exilantentreff an der Calle Ocho, vor dem TV-Satellitentrucks parken und Journalisten auf die Live-Revolution lauern. Egal, wie viele Flaggen, Wimpel und T-Shirts Maria Gonzalez an ihrem Stand in Little Havana in den letzten Tagen verkauft hat ("Hunderte!"). Egal, wie oft sie in "Papo's Barber Shop" Castros Ende bejubeln. Egal, wie viele Hörer bei Radio Mambi anrufen und behaupten, "die Boote bestückt" zu haben.
"Kuba kann nicht zurückgefordert werden", sagt Leiva. "Nicht von uns. Die Vergangenheit ist vorbei." Die Gerüchte einer militärischen US-Invasion, die durch Little Havana geistern, hält er für ganz besonderen Unsinn: "Ich will keine Marineinfanteristen in Havanna sehen."
"Das äußerste Opfer"
Neue Töne, nicht nur für die Hardliner bei der CANF. Doch heute gehören ja die meisten US-Exilkubaner einer anderen Generation an. Leivas Eltern flohen 1959 aus Kuba, er selbst wurde in New York geboren. "Nach Kuba zurückzugehen stand für mich nie zur Debatte", sagt er. "Meine Wurzeln sind hier."
Verständlich: Miami hat sich zur Boom-Stadt des 21. Jahrhunderts gemausert, deren Wohlstand - oder die Hoffnung darauf - man nur schwer hinter sich lässt. "Miami ist das Herz der Welt", prahlt Armando Codina, der bekannteste Immobilienmogul der Stadt.
Codina, mit rotem Einstecktuch und Gold-Rolex, empfängt den Besucher in seiner Firmenzentrale im Nobelviertel Coral Gables. Heute noch wird er emotional, wenn er von seiner Ankunft in Florida erzählt: Anfang der sechziger Jahre, während der "Operacíon Pedro Pan", mit der Castro über 14.000 Kinder in die USA schickte - ohne Eltern. Codina war 15. "Meine Mutter brachte das äußerste Opfer."
"Lange angekündigt"
Zurück will er freilich nicht. Er sieht sich Miami - wo er zum Multimillionär geworden ist - mehr verbunden als Havanna. "Miami hat mehr für mich getan, als ich je für Miami tun kann." Und so findet auch Condina, dass die Wende den Kubanern selbst überlassen bleiben müsse.
Trotzdem werden damit für Gruppen wie die CANF, das Cuban Committee for Democracy (CCD) des Schweinebucht-Veteranen Alfredo Duran und das Institute for Cuban and Cuban-American Studies (ICCAS) alte Planspiele Realität. "Dies hat sich lange angekündigt", sagt ICCAS-Direktor Jaime Suchlicki, der einen Machtübergang in Havanna schon Mitte Juli prophezeit hatte - vor Castros Darmoperation.
Das ICCAS sitzt in einem Flachbau auf dem Campus der University of Miami. Auf den Fluren prangen Zeichnungen des Malecón, des Uferboulevards Havannas, und der dortigen Catedral de San Cristobal, außerdem alte Schwarzweiß-Fotos und Karten Kubas. Suchlicki - der in Havanna geboren wurde, 1960 als 18-Jähriger floh und keine Familie mehr in Kuba hat - hat in seinem Büro ein signiertes Foto von US-Präsident George W. Bush hängen.
"Wir stehen erst am Anfang"
Sicher, sagt Suchlicki, nach Castros Tod werde Miami wohl "zwei Tage lang stillstehen". Wie Leiva hält er aber Visionen einer massenhaften Familienzusammenführung nach Castros Tod für "wishful thinking" - einen frommen, wenn auch verständlichen Wunsch. Ebenso wenig glaubt auch er an eine Invasion: "Kuba muss sein Schicksal selbst in die Hand nehmen."
Wiewohl mit sanfter Handreichung aus Miami: Suchlicki und seine elf Mitarbeiter haben ihre Kuba-Kontakte ebenfalls intensiviert. "E-Mail, Post, Connections über Botschaften", sagt er. "Manches geht verloren, vieles kommt durch."
So hat das ICCAS jetzt Tausende CD-ROMs nach Kuba geschickt. Diese klandestinen Postwurfsendungen sind nichts anderes als handliche Demokratie-Ratgeber: Sie enthalten "Informationen" für einen "Übergang zum Post-Castro-Kuba" - Tipps für eine neue Verfassung, einen "Telekommunikationsplan", Essays über die Vorzüge der Marktwirtschaft, die Privatisierung und die Tricks des westlichen Rechtssystems.
"Wir stehen erst am Anfang", sagt Aldo Leiva. "Ich werde erst feiern, wenn ich Kubas ersten demokratisch gewählten Präsidenten sehe." Und wo wolle er das dann feiern - in Miami oder in Havanna? Wenigstens mit einem Schnellbesuch? Da stockt Leiva, als sei das die Gretchenfrage seiner Generation. "Ich weiß nicht", sagt er kopfschüttelnd. "Ich weiß nicht."