Chai Time: Schnitzeljagd mit Taliban - DER SPIEGEL
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Chai Time Schnitzeljagd mit Taliban

Plötzlich wollen alle mit den Taliban verhandeln. Aber wie trifft man eigentlich einen Kommandeur der Radikalislamisten - und wo? SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Hasnain Kazim hat sich auf die Suche gemacht - und eine Odyssee erlebt.
Straßenszene in Islamabad: Treffen in einem schummrigen Restaurant
Straßenszene in Islamabad: Treffen in einem schummrigen Restaurant

Straßenszene in Islamabad: Treffen in einem schummrigen Restaurant

Foto: MUHAMMED MUHEISEN/ AP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein einziges Mal hatte ich ihn selbst am Telefon. "Kommen Sie alleine", hatte der Mann gesagt, mit einer unerwartet freundlichen Stimme. Ob ich nicht wenigstens einen pakistanischen Journalistenkollegen mitbringen dürfe, der den Kontakt hergestellt hatte und für mich von Paschtu in Urdu übersetzen könnte, fragte ich.

Er überlegte, holte tief Luft, dann sagte er: "Na gut. Aber bitte sonst niemanden." Aufgelegt.

Wenige Tage zuvor hatte ich gehört, dass dieser hochrangige Taliban-Kommandeur aus der westpakistanischen Bergregion Waziristan nach Islamabad kommen werde, um hier, in der Hauptstadt, bei einflussreichen Leuten um Unterstützung zu werben.

Taliban

Pakistan

Ich kenne zwar ein paar , insbesondere die Sprecher der Radikalislamisten lernt man als Journalist in zwangsläufig irgendwann kennen. Sie rufen an und erklären einem ungefragt die Welt, kündigen Anschläge an, verdammen den Westen oder dementieren Behauptungen von Regierungen über Schläge gegen ihre Stellungen - alles in der Hoffnung, dass man ihre Sicht der Dinge verbreitet, vielleicht sogar zum Komplizen wird. Manchmal wollen sie auch einfach nur herausfinden, wie gerade die Stimmung ist. Trotzdem spricht man mit ihnen, warum sollte das journalistische Gebot, alle Seiten zu hören, hier nicht gelten?

Als ich Kontakt zu dem Top-Taliban aufnehmen wollte, war jedoch kein Sprecher so gesprächsbereit wie sonst. Ich fragte also meinen Bekannten Iqbal, Reporter beim pakistanischen Fernsehen mit guten Kontakten zu den Taliban, ob er etwas über den Besuch des Kommandeurs in Islamabad wisse und ein Treffen organisieren könne.

"Warum nicht?", sagte Iqbal. "Ich ruf dich an, sobald ich mehr weiß."

Taliban-Besucher in Islamabad

Zwei Tage später meldete er sich und sagte, der Mann komme tatsächlich in die Stadt. Er sei grundsätzlich bereit, sich mit mir zu treffen, wolle aber den Ort bestimmen und vorher mehr über mich erfahren. Zum Beispiel, worüber ich mit ihm sprechen wolle, was genau ich schreiben wolle und ob ich Muslim sei.

"Sag ihm, dass ich mich einfach mit ihm unterhalten möchte, um mehr über die Pläne der Taliban zu erfahren. Wie stellen sie sich ihre Zukunft vor? Ob ich etwas schreibe, hängt davon ab, ob er etwas Interessantes, etwas Neues zu sagen hat." Ich überlegte, was Iqbal ihm zur Religionsfrage antworten sollte. Vom Namen her bin ich Muslim, allerdings verrät er meine schiitische Herkunft. Die Taliban jedoch sind Sunniten und betrachten Schiiten als Ungläubige. Iqbal schaute mich verlegen an. "Er will selbst mit dir sprechen. Ich soll ihn anrufen und dir das Telefon weiterreichen." Er überlegte. "Sag nichts zu deiner Religion, wenn er nicht fragt. Er wird schon erkennen, was du bist." Ich schwieg - und der Talib fragte bei unserem einzigen Telefongespräch auch nicht nach.

Am Tag des Treffens holte mich Iqbal am Nachmittag mit seinem weißen Kleinwagen ab. Der Taliban-Kommandeur hatte ihm den Treffpunkt genannt: ein schickes Restaurant in der Stadtmitte. Ich ahnte schon, was uns nun bevorstand. "Bist du dir sicher, dass du das richtig verstanden hast?", fragte ich trotzdem. "Wart's ab", antwortete Iqbal knapp.

Wir machten uns auf den Weg zum Restaurant. Iqbal fuhr langsam, wir waren viel zu früh. Sein Mobiltelefon lag auf seinem Schoß. Immer wieder schaute er in den Rückspiegel. Er hielt Ausschau nach Verfolgern.

Handlungsanweisungen per Telefon

Wir parkten. Iqbal machte keine Anstalten, das Auto zu verlassen. "Worauf wartest du? Lass uns gehen und im Restaurant warten." - Iqbal: "Wart's ab."

Sein Telefon klingelte, eine schreckliche Melodie aus einem Bollywood-Film.

"Ja, wir sind da. Mmh. Achaah, Achaah, in Ordnung. Gut. Okay, wir machen uns auf den Weg." Er legte auf und startete den Wagen. Ich hatte richtig vermutet: Uns war ein neuer Treffpunkt genannt worden. "Und? Wohin?" Iqbal schaute mich an. "Eine Moschee, am östlichen Stadtrand."

Leider fiel mir in diesem Moment das Buch "Ein mutiges Herz: Leben und Tod des Journalisten Daniel Pearl" ein, das ich vor ein paar Jahren gelesen hatte. Der Kollege vom "Wall Street Journal" wollte sich auch mit einem Extremisten treffen, war ebenfalls von Ort zu Ort dirigiert und am Ende entführt und enthauptet worden. Das war 2002.

Worauf ließ ich mich gerade leichtsinnigerweise ein? Sollte ich nicht wenigstens meine Frau per SMS über den neuen Treffpunkt informieren? Sie würde vor Sorge krank werden, zumal sie nichts von dem Treffen wusste. Wir haben die Vereinbarung, dass ich ihr von den schlimmen Sachen immer erst im Nachhinein erzähle. Ich verschickte also keine Nachricht. Und Daniel Pearl verdrängte ich aus meinen Gedanken.

"Ach, stell dich nicht so an. Hast du Angst?"

Die Moschee lag kaum sichtbar hinter einer verwitterten Mauer, ein altes, verfallenes Gebäude aus grauem Beton. Wir zogen unsere Schuhe aus und betraten den Gebetsraum, ausgelegt mit einem weichen, grünen Teppich. Ein alter Mann hockte mit dem Rücken zu uns und betete. War er das? Als er mit dem Gebet fertig war, stand er auf, nickte uns zu und ging. Wir setzten uns auf den Boden. Iqbal tippte etwas in sein Telefon.

"Lass uns nach Hause fahren", sagte ich.

"Quatsch. Du willst ihn doch treffen, oder?"

"Ja, aber ich habe mir das anders vorgestellt. Nicht am Arsch der Welt."

"Ach, stell dich nicht so an. Hast du Angst?"

Angst. Hat man als Reporter Angst? "Ja, hab ich."

Iqbal lachte. "Gott wird uns beschützen."

Ich war wütend auf Iqbal. Er hatte mich schon einmal in eine unangenehme Situation gebracht, beim Besuch des katholischen Priesters in der Fatima Church in Islamabad, wohin ich ihn mitgenommen hatte, weil er etwas über die Lage der Christen in seinem eigenen Land erfahren wollte. Aber die ganze Zeit fragte er den armen Mann nur, ob er wirklich keinen Sex habe und wie sich das Zölibat anfühle. Es war furchtbar peinlich. Und mitten im Gespräch sprang Iqbal dann auch noch auf und sagte, jetzt sei Gebetszeit. Er rollte seinen mitgebrachten Teppich aus und fiel im Pfarrhaus in Richtung Mekka auf die Knie. Der Pfarrer lächelte angesäuert.

Angst vor Terroristenjägern

Eine ewige Stunde verging. Dann drang wieder diese Bollywood-Melodie aus Iqbals Telefon. "Verstehe, verstehe. Ja, schon unterwegs." Ächzend stand er auf, reichte mir die Hand und zog mich auch auf die Beine, die vom langen Sitzen auf dem Boden eingeschlafen waren. "Komm. Wir sollen zu einer Tankstelle kommen, am anderen Ende der Stadt."

Auch dort warteten wir, diesmal nur eine halbe Stunde, bis uns der nächste Anruf zu einem Park dirigierte und ein weiterer Anruf uns, noch eine halbe Stunde später, zu einem kleinen, unauffälligen Restaurant führte.

"Er hat Angst, dass wir in Wahrheit Terroristenjäger sind", sagte Iqbal. "An einem oder mehreren der Orte, an denen wir gewartet haben, haben seine Leute kontrolliert, ob wir auch wirklich alleine kommen. Oder ob uns vielleicht Polizisten folgen, ohne dass wir es wissen."

Die Schnitzeljagd wie aus einem schlechten Thriller hatte also einen Sinn.

Wir betraten das Restaurant und bestellten Tee, bis zum nächsten Anruf würde es bestimmt wieder dauern. Ich hatte keine Lust mehr auf einen weiteren Ort, draußen wurde es schon dunkel. Ich beschloss, die ganze Sache abzublasen, wenn er hier nicht auftauchen sollte. Iqbal und ich waren die einzigen Gäste.

"Es freut mich, dich zu sehen, Bruder"

Nach fünf Minuten betrat ein Mann, vielleicht Anfang dreißig, mit brauner Paschtunenmütze, olivgrüner Jacke und langem Bart das Restaurant. Er blickte sich um, schaute uns durchdringend an, nickte unmerklich und verschwand wieder. Eine Minute später kam er wieder zur Tür hinein, gefolgt von einem etwa vierzigjährigen Mann mit langem Bart und Paschtunenmütze. Der Taliban-Kommandeur.

"Asalam aleikum", sagten wir.

"Waleikum salam", antwortete der Ältere, und Iqbal stand tatsächlich auf, um die beiden zu umarmen. Ich hatte keine andere Wahl als seinem Beispiel zu folgen. Auf die Männer machte das Eindruck. "Es freut mich, dich zu sehen, Bruder", sagte der Talib. Ich dachte: Er sagt tatsächlich Bruder zu mir.

Sein Begleiter bestellte ebenfalls Tee, dann machte er die Bedingungen für das Gespräch klar: keine Namen, kein genauer Ort - und auf gar keinen Fall ein Foto! Außerdem dürfe der Artikel frühestens in fünf Tagen erscheinen, dann nämlich hätten sie Islamabad längst wieder verlassen.

Macht man so etwa mit? Andererseits: Was bleibt einem anderes übrig? Es gibt demokratische Politiker, Top-Manager und Popstars, die ähnlich unverschämt sind in ihren Vorgaben.

Halbe Stunde wichtigtuerisches Gerede

Ich hatte erwartet, dass der Begleiter mich nun durchsucht, aber nichts dergleichen. Die Männer baten nur darum, dass wir uns an einen anderen Tisch setzen. Sie suchten sich Plätze mit Sicht auf die Tür aus. Ob draußen noch mehr Begleiter waren? Der Kommandeur blickte zu Beginn unseres Gesprächs immer wieder zur Tür. Es war ganz klar: Der Mann hatte Angst davor, dass Bewaffnete die Gaststätte stürmen und ihn festnehmen oder gleich erschießen. Und ich hatte Angst, dass seine Leute hereinkommen und mich mitnehmen. Eine merkwürdige Situation: Da sitzen zwei Männer, die sich misstrauen, ja Angst voreinander haben, zusammen mit ebenso ängstlichen Begleitern, und trinken Tee in einem Restaurant, das man freiwillig nie aufsuchen würde.

Pakistan

Was folgte, war enttäuschend: Der Kommandeur erzählte das übliche Zeug vom "heiligen Krieg", dass die Amerikaner Schuld an allem seien und dass man sie bekämpfen müsse "bis zum bitteren Ende". Er verzichtete auf Paschtu, sprach stattdessen ein etwas holpriges Urdu, stellte so aber sicher, dass es keinen Übersetzungsumweg gab. Iqbal saß daneben und nickte nur die ganze Zeit. Der Kommandeur redete und redete. Zögen die Amerikaner sich aus Afghanistan zurück, würde dort und in "alles viel besser". Die pakistanische Armee sei ein "Haufen von Verrätern", die man bestrafen müsse. Ob man mit den Amerikanern verhandeln werde? "Niemals." Andere Kommandeure sagen etwas anderes.

Taliban

Nach einer halben Stunde stand der Begleiter des -Kommandeurs auf, woraufhin sich auch der Kommandeur erhob. "Es hat mich gefreut, dich kennenzulernen." Er umarmte uns wieder - und verschwand mit einem gemurmelten "Friede sei mit dir, Bruder". Eine halbe Stunde lang hatte er geredet - und nichts gesagt. Auf meine Fragen war er nicht eingegangen, hatte kein Wort darüber verloren, was er in Islamabad wollte, sondern hatte einfach sein Programm abgespult.

Und dafür das ganze Theater? Die Fahrerei von einem Ort zum anderen? Die ganze Vorbereitung, die Mühe, die Angst? Für eine halbe Stunde wichtigtuerisches Gerede?

Iqbal und ich verließen schleunigst die Gaststätte und fuhren in ein Restaurant am Super Market, im Stadtzentrum. Ich war froh, dass Iqbal die ganze Zeit dabei gewesen war, auch wenn er nichts gesagt hatte.

Auch ihm war die Erleichterung darüber anzusehen, dass das Ganze vorbei war. "Das nächste Mal", sagte er nun und lächelte, "fahren wir lieber wieder in die Kirche mit dem komischen Pfarrer."