China Die neuen Alliierten
Peking - China, größter Spieler auf Asiens politischer Bühne, hat dem Angriff der Amerikaner auf sein Nachbarland Afghanistan indirekt zugestimmt. Peking erwarte allerdings, dass militärische Schläge der USA gegen den Terrorismus nur auf "spezifische Objekte" gerichtet sind, um "unschuldige Zivilisten zu verschonen", betonte das Außenministerium. China verurteile jede Art von Terrorismus und hoffe, dass "so schnell wie möglich wieder Frieden geschaffen werden kann", hieß es in der Erklärung weiter.
Knapp vier Wochen nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington schließt sich Pekings Regierung damit eindeutig der internationalen Anti-Terrorismus-Koalition an. Ursprünglich wollte sie militärische Interventionen gegen ein souveränes Land nur mit Erlaubnis des Uno-Sicherheitsrates gutheißen. In dem Gremium hat China ein Vetorecht.
Mit ihrer Erklärung lassen die Chinesen allerdings die Möglichkeit offen, sich doch noch von den USA zu distanzieren, falls afghanische Zivilisten bei dem Angriff ums Leben kommen sollten.
Chinas neue Rolle
Pekings Führung sieht den Schulterschluss mit Amerika im Kampf gegen den Terrorismus als Chance an, die Rolle des Parias in der Weltpolitik zu verlassen und sich als ebenbürtiger Partner zu etablieren. Staats- und Parteichef Jiang Zemin telefonierte in den letzten Tagen mit zahlreichen Regierungschefs und führte damit die für Peking bislang unbekannte "Telefondiplomatie" ein.
China hat zudem, wie westliche Diplomaten in Peking berichten, hinter den Kulissen zwischen den USA und Pakistan vermittelt, das sich nach der Attacke auf die USA überraschend von den Taliban distanziert hat. Peking kündigte außerdem an, die Amerikaner mit Informationen über suspekte Geldtransaktionen zu versorgen, die in letzter Zeit über chinesische Staatsbanken abgewickelt wurden. Einer der verdächtigen Terroristen soll über die New Yorker Filiale eines Pekinger Geldinstituts 3000 US-Dollar überwiesen haben.
"Nieder mit den Amerikanern"
In den chinesischen Internet-Diskussionsforen reagierten Teilnehmer allerdings überwiegend kritisch auf den US-Angriff. Wer könne garantieren, dass der Vergeltungsschlag nicht einen noch "schlimmeren terroristischen Despoten" schaffe, fragte einer. Man müsse, so ein anderer, US-Präsident Bush wegen des Angriffs auf Afghanistan und die Taliban wegen ihrer Hilfe für Terroristen gleichzeitig "verdammen". "Nieder mit den Amerikanern", forderte ein dritter.
Die verheerenden Terroranschläge haben derweil unerwartete Folgen für die politische Landschaft Asiens. So scheint Bewegung in das schwierige Verhältnis zwischen China und Japan gekommen zu sein: Japans Ministerpräsident Junichiro Koizumi besuchte am Montag überraschend Peking. Er wollte die chinesische Führung persönlich über einen Gesetzentwurf informieren, der es den japanischen Streitkräften erlaubt, US-Truppen beim Einsatz gegen Terroristen logistisch zu unterstützen. Ziel war es, die schweren Bedenken der Chinesen auszuräumen.
Bewegung im chinesisch-japanischen Verhältnis
Peking reagiert auf das Vorhaben skeptisch, weil es ein Wiedererwachen des japanischen Militarismus fürchtet. Japans Armee darf seit ihrer Niederlage im Zweiten Weltkrieg nicht aktiv werden. Offiziell heißen die Soldaten im Land des Lächelns "Selbstverteidigungskräfte".
Nach einem Treffen mit Koizumi äußerte sich Chinas Premier Zhu Rongji zu den Plänen Tokios zurückhaltend, aber nicht ablehnend. Japan solle die Neubewertung seiner militärischen Rolle "weise" angehen, ermahnte Pekings Regierungschef.
Auf welche Haltung sich die Chinesen festlegen werden, dürfte sich erst in den nächsten Tagen herausstellen. Koizumi war bei seinem Blitzbesuch offensichtlich bemüht, die oft holprigen Beziehungen zwischen beiden Ländern zu glätten.
Schwerster Konfliktpunkt ist die nach Pekinger Ansicht nur halbherzige Entschuldigung Tokios für die Gräueltaten japanischer Besatzungstruppen in China in den dreißiger und vierziger Jahren. Bislang haben japanische Regierungen nur mündlich ihr Bedauern für die Massaker an Zivilisten ausgedrückt. Peking besteht aber auf einer schriftlichen Entschuldigung.
Der Japaner kam seinen Gastgebern einen Schritt entgegen. Er bitte "von ganzem Herzen" um Verzeihung, sagte Koizumi nach dem Besuch des Museums des chinesischen Widerstandes gegen die japanische Soldateska. Er kondoliere zudem "all jenen Chinesen, die Opfer von Aggression" wurden.