China Protest der Reichen
Peking - In Wangjing, einem neuen Stadtviertel im Nordosten Pekings, versammelten sich am Wochenende rund 200 Menschen, um gegen die Willkür ihrer Wohnungsbaufirma zu protestieren. Sie habe, so der Vorwurf, eine als Grünanlage vorgesehene Fläche an ein anderes Unternehmen verkauft - gegen die Absprache mit den Bewohnern und völlig gesetzwidrig. Pikant: Die kritisierte Firma gehört der Stadt Peking und somit der Regierung.
Auf dem umstrittenen Gelände soll ein 33-stöckiges Wohnhaus entstehen, das vielen Anwohnern die Sicht nehmen und den nahen Schulhof verdunkeln wird. "Als wir unsere Wohnungen kauften", sagt ein Bewohner des Hauses 426, "versicherte man uns, dass wir unsere Aussicht behalten werden. Wenn der Plan verwirklicht wird, werden unsere Rechte und Interessen schwer verletzt."
Für seine 100 Quadratmeter große Wohnung hat er vor vier Jahren umgerechnet rund 92.000 Euro bezahlt, zusätzlich investierte er für die Grundausstattung 23.000 Euro - kein Pappenstiel in einer Stadt, in der die Menschen durchschnittlich 1400 Euro im Jahr verdienen.
"Wir potestieren gegen die Geschäfte der Schwindler"
Wangjing zählt zu den besseren Vierteln, es gilt als Musterprojekt für moderne Stadtplanung. Hier wohnen hohe Funktionäre, Kaufleute und Manager von chinesisch-ausländischen Gemeinschaftsunternehmen. Die skandieren nun: "Korruption - Betrug!" und "Wir protestieren gegen die Geschäfte der Schwindler". An eine Wand haben sie die Schriftzeichen: "Den Premier betrügen, die Bevölkerung rücksichtslos behandeln" geklebt - gemeint sind damit offenbar unehrliche Kader. Einer hält einen Zettel in der Hand: "Das Viertel A5 will nicht schikaniert werden."
Redner beklagen über ein Megafon, dass die Wohnungsverwaltung ihre Versprechen nicht eingehalten habe: Ein als Freizeitstätte für Senioren vorgesehenes Gebäude werde kommerziell genutzt, die riesige Antenne auf einem Haus gefährde die Gesundheit, in den Kellern dürften sich gegen alle Sicherheitsvorschriften Garküchen breit machen. Außerdem, so fürchten die Demonstranten, werde die geplante Tiefgarage die Stabilität der anliegenden Häuser gefährden. Das Publikum applaudiert und würzt die Ansprachen mit Flüchen.
Polizisten greifen nicht ein
Polizisten schauen dem Treiben aus der Ferne zu und greifen nicht ein. Sie haben die Veranstaltung in letzter Minute genehmigt. Das Wohngelände dürfe aber nicht verlassen werden, berichtet einer der Organisatoren des Protests. Beamte in Zivil haben sich unter die Menge gemischt, Kameras filmen.
Als Ordnungshüter die Kassette eines ausländischen TV-Teams beschlagnahmen wollen, drängen die Bewohner sie ab. Es kommt es zu einem Handgemenge. "Es ist doch nicht verboten, wenn Ausländer dabei sind", sagt eine Anwohnerin.
Der kleine Protest der Reichen von Wangjing offenbart für die Partei Bedrohliches: Nicht nur verarmte Bauern und entlassene Arbeiter sind bereit, auf die Straße zu gehen. Auch die neue Mittelklasse nimmt die Willkür der Mächtigen nicht mehr hin und beginnt Rechte einzufordern. Das tut sie, wie in Wangjing, geschickt und überzeugend - als ob Proteste zum Alltag Chinas gehörten.
Sollte der Bau nicht gestoppt werden, planen die Anwohner vor Gericht zu ziehen. Doch Chinas Justiz urteilt - wie jeder der Demonstranten weiß - nicht unabhängig.
Der Bauherr des umstrittenen Gebäudes - eine chinesisch-Hongkonger Gemeinschaftsfirma - scheint sich jedenfalls nicht beirren zu lassen: Ab Juni, versichert ein Angestellter am Telefon, würden Wohnungen zum Kauf angeboten.