Chinas Imagekampagne Der sanfte Drache
Medienzar Murdoch, Chinas Präsident Hu: "Soft Power" als neue Devise
Foto: ? China Daily China Daily Information Corp - CDIC / Reuters/ REUTERSAus den Lautsprechern erklang der "Der Marsch der Freiwilligen", dann begrüßte Staats- und Parteichef Hu Jintao die Gäste. Für sie war der Saal extra renoviert worden, aus drei neuen riesigen Kronleuchtern funkelte das Licht.
Hochgewachsene Schönheiten im schwarzen Hosenanzug wiesen in perfektem Englisch die Plätze zu. Besonders wichtige Honoratioren waren in schwarzen Audis A6 zur Großen Halle des Volkes geschafft worden.
Mit großem Pomp veranstaltete Chinas staatliche Nachrichtenagentur Xinhua Anfang Oktober einen "Welt-Mediengipfel", zu dem die wichtigsten Nachrichtenagenturen aus aller Welt nach Peking kamen, darunter die Chefs von Google sowie Australiens Medienzar Rupert Murdoch. Wie, so debattierten die Delegierten, solle man sich auf die "digitalen Herausforderungen der Zukunft" vorbereiten?
Die Gastgeber hatten mit dem Gipfel noch etwas anderes im Sinn. Sie wollten eine Botschaft an die Welt senden: China will auf dem internationalen Medienmarkt fortan ein gewichtiges Wort mitreden, und dabei soll China in Zukunft besser wegkommen als bisher.
"Soft Power ist Kultur, Bildung und Diplomatie"
Nicht als unberechenbarer Drache, sondern als vernünftiges und verantwortungsvolles Mitglied der Weltgemeinschaft möchten die Chinesen erscheinen - als ein Staat, der nichts anderes im Sinn hat, als sich zum Nutzen der ganzen Menschheit friedlich zu entwickeln.
"Soft Power" heißt Pekings neue außenpolitische Devise - ein Begriff, den der US-Politikwissenschaftler Joseph Nye prägte. Wer "sanfte Macht" zeigt, wolle seine Ziele erreichen, ohne Gewalt anzuwenden, erklärt Nye. "Soft Power ist Kultur, Bildung und Diplomatie", ergänzt die amerikanische China-Expertin Elizabeth Economy.
Lange haben sich die Pekinger Diplomaten an die Devise des KP-Patriarchen Deng Xiaoping gehalten, den "Kopf einzuziehen und sich niemals an die Spitze zu setzen". Inzwischen funktioniert das nicht mehr. Im internationalen Handel, beim globalen Wettbewerb um Rohstoffe und bei der Sicherung der weltweiten Transportwege muss China immer stärker mit anderen Staaten konkurrieren. Politische Konflikte, wie der um Nordkorea, sollen nicht ohne China gelöst werden.
Pekings Führung hat aber erkannt: Wer im 21. Jahrhundert gehört werden, wer im Kampf um Einfluss und Rohstoffe mithalten will, muss in der Welt Sympathien wecken. Neidisch beobachten die KP-Diplomaten, wie leicht es US-Präsident Barack Obama zu fallen scheint, das von seinem Vorgänger George W. Bush schwer beschädigte Ansehen der USA zu reparieren. Ihr Staats- und Parteichef Hu Jintao hat mit seiner gestanzten Formelsprache und seinem streifen Auftreten gegen solch begnadete Selbstdarsteller wie Obama keine Chance.
Peking plant internationalen TV-Sender nach Vorbild von al-Dschasira
Chinas Antwort ist eine internationale Medienoffensive, mit der es ein Gegengewicht zu den großen Informationskanälen wie CNN und die BBC schaffen will. Sechs Milliarden Dollar ist die Regierung bereit, dafür auszugeben.
Chinas Medien müssen schneller als bisher "hinaus in die Welt gehen", verlangte Politbüromitglied Li Changchun, Pekings oberster Propagandist Ende vorigen Jahres. "Wenn wir unsere Fähigkeit zur Kommunikation zu Hause und international verstärken, hat das direkte Auswirkung auf den internationalen Einfluss und die internationale Position unserer Nation."
So soll die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua einen eigenen internationalen TV-Sender eröffnen. Vergangenheit sind die Zeiten, als die Agenturjournalisten lediglich "Auge und Zunge" der Partei waren, immer treu ergeben der Führung und ihrem revolutionärem Tun. Heute sollen sie auch das Image Chinas außerhalb der Landesgrenzen aufpolieren und Pekings "Sozialismus mit chinesischen Eigenschaften" in einem rosigen Licht darstellen.
Als Vorbild gilt der arabische Sender al-Dschasira, der 24 Stunden am Tag Nachrichten aus arabischem Blickwinkel ausstrahlt.
Zur medialen Offensive gehörten auch der diesjährige Gastlandsauftritt Chinas bei der Frankfurter Buchmesse und die staatlichen Zuschüsse für die Übersetzung chinesischer Bücher ins Deutsche und in andere Fremdsprachen.
Überdies sollen Konfuzius-Institute Kultur und Denkweisen im Ausland vermitteln, so wie es die Franzosen mit ihrer Alliance Française und die Deutschen mit den Goethe-Instituten schon lange Jahre versuchen.
Chinas Offensive in Europas Supermärkten
Chinesische Schriftzeichen pinseln, zarte Landschaften tuschen, über China diskutieren - in den Konfuzius-Instituten können nicht nur die Deutschen viel über das Reich der Mitte lernen. Seit 2004 haben die Chinesen fast 250 solcher Schulen in der ganzen Welt eröffnet, in der Bundesrepublik sind es bislang acht.
Die Leipziger Besucher des Instituts können etwas über die "unterschiedlichen Geschmacksrichtungen chinesischer Tees und deren originale Zubereitung" erfahren, die Hamburger über das traditionelle chinesische Instrument Guqin, eine Art Zither.
Die Berliner haben "Chinesisch zum Schnuppern" auf dem Programm oder, wie Anfang des Jahres, eine "Lange Nacht der Wissenschaften" zum Thema "60 Jahre Volksrepublik China", dazu einen "spannenden Vortrag über die Harmonische Gesellschaft".
Sogar kritische China-Beobachter dürfen aufs Podium. Irgendwann, so die Hoffnung der Pekinger Funktionäre, wird die Werbung fruchten und die Besucher Verständnis für die Diktatur in China zeigen.
Viele seiner Schüler seien amerikanische Staatsangestellte, freut sich der Chef des Konfuzius-Instituts an der Universität des US-Staats Maryland, Liu Quanshen. "Das heißt, dass wir den Mainstream der amerikanischen Gesellschaft erreichen."
Aufgerüttelt durch das PR-Desaster nach den Unruhen in Tibet
Peking hat sich die Konfuzius-Institute bislang rund 100 Millionen Dollar kosten lassen. Nun soll es auch an die Basis gehen, da wo sich die Volksmassen am häufigsten einfinden - in den Supermärkten. Xinhua-Journalisten sind jetzt auf die Idee gekommen, Nachrichten aus chinesischer Sicht auf den Bildschirmen in Europas Einkaufszentren zu verbreiten, ab Anfang 2010 soll es losgehen.
"Wir denken an 20 Minuten Nachrichten über wichtiges Geschehen in China", sagt Mi Ligong, Chef des neuen englischsprachigen Nachrichtensenders von Xinhua.
Noch allerdings fehlen die Partner, was Mi nicht abschreckt: "Wir haben nicht nur die Supermärkte in der EU im Auge, wir begrüßen weltweit jeden Kunden, der unsere Nachrichten senden will, auch online oder auf dem Handy."
Chinas Staatssender CCTV will fortan nicht nur auf Englisch, Französisch und Spanisch senden, sondern auch auf Russisch und Arabisch. Im zentralasiatischen Kirgistan besitzen die chinesischen TV-Macher bereits einen eigenen Kanal. Allerdings strahlen sie zunächst nur russischsprachige Programme aus.
Das englischsprachige Parteiorgan "China Daily" bekam jüngst Konkurrenz: die "Global Times", die kleine Schwester des KP-Blatts "Volkszeitung" veröffentlicht seit wenigen Wochen ebenfalls eine Ausgabe auf Englisch. Es werde "die Welt aus chinesischer Perspektive darstellen", kündigten die Redakteure an. Und auch das eher dröge KP-Theoriemagazin "Quishi " erscheint seit kurzer Zeit auf Englisch.
Aufgerüttelt hat Pekings Medienfunktionäre das PR-Desaster nach den Unruhen in Tibet im März vorigen Jahres, als Demonstranten in Europa und Amerika gegen den Olympischen Fackellauf protestierten und damit den Plan des Olympialandes China kaputt machten, sich der Welt als glänzende friedfertige Nation zu präsentieren.
Die Welt soll einsehen: Der Dalai Lama ist ein Schurke
Die Fragen, die sich entsetzte KP-Funktionäre damals stellten, beschreibt der kritische Pekinger Journalist Li Datong so: "Warum sind die Rufe 'Befreit Tibet' einiger Leute in den Augen der Welt überzeugender als die Hunderte von Milliarden Yuan, die die Regierung in Tibet investiert hat? Warum vertraut die westliche Öffentlichkeit den Informationen der Medien mehr als denen der chinesischen Regierung?"
Auf die weiche Tour wollen die KP-Strategen nun erreichen, dass die Welt endlich einsieht: Tibet gehört zu China, und der Dalai Lama ist ein Schurke. Die zweite Botschaft lautet: Taiwan ist ein abtrünniger Teil des Festlandes, der, falls sich die Insel für unabhängig erklären sollte, mit Gewalt zur Räson gebracht werden muss.
Der Wettstreit um die internationale Meinungshoheit ist allerdings schwierig. "China Daily" und "Global Times" sind an den Kiosken der Welt neben "Washington Post" und "Wall Street Journal" noch nicht zu finden.
Undenkbar scheint, dass Chinas Staatsfernsehen etwa den Dalai Lama interviewen würde. Chinesische Kommentatoren und Wissenschaftler sind denn auch skeptisch, ob das Soft Power-Konzept ihrer Regierung aufgeht. Solange es den Medien an Glaubwürdigkeit fehle, sei es "undenkbar, das Image des Landes zu verbessern", sagt Gong Wenxiang, Professor der Peking-Universität.
Einen weiten Weg Chinas zur sympathischen Großmacht sieht auch Shi Yinghong, Experte für Außenpolitik an der Pekinger Volksuniversität. Zunächst müsste das Land seine enormen Umweltprobleme lösen, die Armut auf dem Lande beseitigen und erfolgreicher als bisher die Arbeitslosigkeit bekämpfen. "Erst dann können wir eine große Soft Power werden."