Chinesischer Jetflieger: Märtyrer oder Haudrauf - DER SPIEGEL
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Chinesischer Jetflieger Märtyrer oder Haudrauf

Eine Delegation von US-Diplomaten verhandelt zurzeit in Peking über die Herausgabe des notgelandeten Aufklärers. Unterdessen versuchen die Amerikaner die Rolle des chinesischen Jet-Piloten in den Mittelpunkt zu rücken.
Von Marion Kraske
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Peking/Hamburg - Sein Absturz hat ihm zu unerwartetem Ruhm verholfen: Der chinesische Jetpilot Wang Wei, der bei der Kollision mit einem amerikanischen Spionageflugzeug am 1. April über dem Südchinesischen Meer wahrscheinlich ums Leben kam. Er hatte sich mit einem Schleudersitz aus dem Flugzeug heraus katapultiert und stürzte in die See. Tagelang versuchte die chinesische Armee vergeblich, Wang Wei zu finden. Inzwischen hat sie die Suche nach dem Vermissten eingestellt.

Dennoch spielt er in der diplomatischen Auseinandersetzung zwischen China und den USA weiterhin eine überragende Rolle. Chinas Staats- und Parteichef Jiang Zemin erklärte Wang inzwischen zum "Märtyrer". In den chinesischen Medien wird er zum Volkshelden hochstilisiert.

Das Bild, das die amerikanische Seite von Wang Wei zeichnet, ist indes ein anderes: Noch vor der Freilassung der 24-köpfigen Besatzung des US-Spionageflugzeugs bemühte sich das amerikanische Verteidigungsministerium, dem chinesischen Piloten ein Image als Haudrauf zu verpassen. Er sei ein "Hot Dog", wurde aus den Reihen des US-Militärs suggeriert. "Hot Dog" nennen Piloten einen Draufgänger, der halsbrecherische Manöver mit seinem Kampfjet vollführt.

Am Dienstag gab das Pentagon ein Foto an die Agenturen, das die Besatzung eines US-Aufklärungsflugzeugs bei einem früheren Einsatz von dem chinesischen Piloten gemacht habe. Dabei soll Wang Wei ein weißes Blatt Papier mit seiner E-Mail-Adresse ans Fenster seines Jets gehalten haben, so die Schilderung des amerikanischen Militärs. Die "New York Times" zitierte in diesem Zusammenhang einen Pentagon-Sprecher: "Offensichtlich wollte er angeben und zeigen, was er kann." Eine PR-Aktion des US-Militärs oder die wahre Seite des chinesischen Heldenfliegers?

Vermutungen, das amerikanische Militär lanciere das Foto gerade rechtzeitig vor Beginn der Verhandlungen der US-Delegation in Peking, liegen nahe. Washington pocht auf die Herausgabe des Spionageflugzeugs. Die Maschine vom Typ EP-3 ist mit modernster Abhörtechnik ausgestattet. Vor der Notlandung auf der chinesischen Halbinsel Hainan sei es der US-Crew jedoch nicht gelungen, alle geheimen Programme und Ausrüstungen zu vernichten, musste Verteidigungsminister Donald Rumsfeld nach der Rückkehr der amerikanischen Crew einräumen.

China will bei den laufenden Unterredungen ein Ende der amerikanischen Aufklärungsflüge erreichen. Diese Forderung hatte Präsident Bush noch am Wochenende vehement zurückgewiesen. Er kündigte an, die Spionagetätigkeit in der Region fortzuführen. Sie sei, so Bush, Teil der nationalen Sicherheit und leisteten einen Beitrag zur internationalen Stabilität.

Ungeklärter Luftzwischenfall

Eine Herausgabe des Flugzeugs macht China von den Untersuchungen des Luftzwischenfalls abhängig. Und hier kommt wieder Wang Wei ins Spiel. Die amerikanische Besatzung macht ihn wie für die Kollision verantwortlich. Danach flog der chinesische Jet knapp unter der linken Tragfläche der amerikanischen Propellermaschine, die auf automatische Steuerung eingestellt war. Als der Pilot höher steigen wollte, sei das Heck des Abfangjägers mit dem linken Propeller kollidiert. Der Jet sei zerbrochen, und Trümmerteile hätten auch den Antrieb der US-Maschine auf der rechten Seite außer Gefecht gesetzt. Soweit die amerikanische Schilderung.

Die chinesische Seite erklärt hingegen - wen wundert's - die US-Flieger hätten den Zusammenstoß verursacht. Danach hätten die Amerikaner gegen Flugregeln verstoßen, indem der Aufklärer plötzlich in einem weiten Winkel auf das normal fliegende chinesische Flugzeug abgedreht sei, es rammte und beschädigte.

Was sich also genau am 1. April über dem Südchinesischen Meer abspielte, bleibt wohl auch in Zukunft unklar. Vermutlich werden sich beide Seiten am Ende nicht auf eine Version einigen können. Unterschiedliche Interpretationen schließen jedoch die Lösung eines diplomatischen Knotens nicht aus. Das zeigte auch das jüngste Tauziehen um das Schicksal der in China festgehaltenen US-Crew. Die USA gaben lediglich ihr "Bedauern" über den Zwischenfall und den Tod Wang Weis zum Ausdruck. China hingegen wollte eine "Entschuldigung" vernommen haben - und ließ die 24 Amerikaner frei.