Clinton Abschiedstour durch Europa
Washington - Zum letzten Mal macht sich der bald scheidende amerikanische Präsident Bill Clinton an diesem Montag auf eine große Europareise. Seine Route führt ihn von Portugal über Deutschland nach Russland und in die Ukraine, vom äußersten Westen in den äußersten Osten des Kontinents.
Wer mag, kann darin Symbolisches erkennen: Clinton umfasst mit seiner Reise demonstrativ das ganze Europa. Er zollt der Europäischen Union Respekt beim Gipfeltreffen mit ihren Führern in Lissabon. Er macht in Berlin Aufwartung beim stärksten, einst folgsamsten und inzwischen nicht mehr so einfachen europäischen Partner Deutschland. Er erweist dem Parlament der verunsicherten Großmacht Russland die Ehre und wird dem jungen Präsidenten Wladimir Putin die Hand zu neuer Partnerschaft ausstrecken. In der Ukraine schließlich will er den übrigen Staaten der einstigen Sowjetunion demonstrieren, dass Demokratie und Marktwirtschaft mit Zuneigung der Supermacht belohnt werden.
Diese Reise soll so auch das europapolitische Vermächtnis des US-Präsidenten deutlich machen, in dessen achtjähriger Amtszeit sich die politische Landkarte und das Kräfteverhältnis auf dem Kontinent nachhaltig verändert haben. In mehreren Reden, hauptsächlich bei der Entgegennahme des Karlspreises in Aachen, wird Clinton Bilanz ziehen. Dass die Völker Europas heute im Wesentlichen frei, friedlich und demokratisch leben, wird er als die große Errungenschaft des letzten Jahrzehnts herausstellen, zu der die USA unter seiner Führung Wesentliches beigetragen haben.
"Diese Reise bietet Gelegenheit für eine Bestandsaufnahme der erreichten Fortschritte und dazu, die Vision weiter zu entwickeln, die der Präsident 1994 bei seiner ersten Europareise beschrieben hat: Zum ersten Mal in der Geschichte ein friedliches, ungeteiltes, demokratisches Europa", sagte sein Sicherheitsberater Samuel Berger am Wochenende in Washington.
Clinton, so sind seine Berater zu verstehen, wird die große Perspektive beim Blick zurück und voraus wählen. Da schrumpfen dann die Streitigkeiten des Alltags - vom Konflikt um Bananen und Hormonfleisch über die Frage der Raketenabwehr bis zur Zwangsarbeiterentschädigung - zu vorübergehenden Randthemen in einer ansonsten prosperierenden Partnerschaft. Dem Präsidenten ist deutlich daran gelegen, als ein Freund Europas in Erinnerung zu bleiben. Da keiner seiner beiden möglichen Nachfolger, George Bush und Al Gore, für besondere europäische Neigungen bekannt ist, könnte dies ein bleibender Eindruck sein. Er fügte sich trefflich zum Vermächtnis eines Präsidenten, der nach seinem Platz in der Geschichte sucht.
Von Holger Schmale