Clinton-Obama-Duell: Tod durch Triumph - DER SPIEGEL
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Clinton-Obama-Duell Tod durch Triumph

Wie lange noch? Der brutale Zweikampf von Hillary Clinton und Barack Obama gefährdet die Siegeschancen der Demokraten bei der Präsidentschaftswahl. Das Parteiestablishment wird unruhig - die Chancen für einen Frieden am Verhandlungstisch steigen.
Von Gabor Steingart
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Washington - Es gibt Siege, die enden tödlich. Im Boxsport ist der Tod nach dem Triumph geradezu ein Klassiker.

Erst vor einigen Wochen starb der Südkoreaner Choi Yo Sam, 33, nach einem packenden Weltmeisterschaftskampf. In der zwölften Runde ging er zu Boden, stand taumelnd wieder auf, wurde schließlich zum Sieger nach Punkten erklärt. Wenig später fiel er ins Koma. Die Ärzte erklärten schließlich den Hirntod.

Der Komapatient der amerikanischen Politik könnte die demokratische Partei sein. Im Zweikampf der Senatoren Hillary Clinton und Barack Obama haben beide böse Treffer wegstecken müssen. Täglich fügen sie sich neue Verletzungen zu. Jeder will den anderen politisch erledigen.

Die Schläge sind hart und zielen immer wieder auf die gleichen, leicht verletzbaren Partien. Er sei unerfahren, sagt sie. Er findet sie gestrig. Sie lässt verbreiten, dass beim Kauf seiner Villa ein örtlicher Mafioso hilfreich war. Seine Kampagnenmanager fordern die Offenlegung ihrer Steuererklärung.

Das Gesagte wird zum Geschoss

Sie bezweifelt, umrahmt von zwölf ranghohen Militärs, dass er fähig sei, als Oberster Befehlshaber der US-Armee zu dienen. Er sagt, ihr Urteilsvermögen in Fragen der Sicherheitspolitik sei nachweisbar unterentwickelt. Sie sagt, seine schönen Reden seien in Wahrheit geklaut. Er sagt, sie könne Amerika nicht begeistern.

So geht das nun seit Monaten. Die Konservativen müssen eigentlich nur mitschreiben. Wenn der demokratische Spitzenkandidat Ende August nominiert ist, werden dem Sieger des innerparteilichen Zweikampfes alle Äußerungen des heutigen Gegenspielers noch einmal begegnen – in zehnfacher Vergröberung. Das Gesagte wird zum Geschoss. Mit jedem weiteren Tag wird deutlich, dass der Sieger seinen Sieg kaum wird genießen können.

Normalerweise sind Wahlkampagnen große Werbeveranstaltungen. Die eigentliche Politik kommt danach. Diesmal könnte es anders sein. Schon mitten im Wahlkampf wird beiden Bewerbern ein saftiges Stück Politik abverlangt. Der Einzug ins Weiße Haus ist womöglich nur gemeinsam zu schaffen. Also müsste die Parole lauten: Kompromiss statt Kampf, wobei natürlich der Kompromiss die Fortsetzung des Kampfes mit raffinierteren Mitteln ist.

Ein Kapitulationssieg auf Kosten des anderen ist – angesichts des politischen Patts in der Partei – nicht mehr allzu viel wert. Die demokratische Jugend würde Hillary Clinton diesen Triumph wohl nie verzeihen. Am Tag seiner Niederlage würden die Tränen fließen, millionenfach. Auch viele Akademiker sind bereit, für Barack Obama durchs Feuer zu gehen. Für Frau Clinton würden sie in der U-Bahn nicht den Platz freigeben.

Seinen Sieg wiederum dürfte die Mehrzahl der amerikanischen Babyboomer, der Generation Clinton, als Tag ihrer Kapitulation erleben. Auch die kleinen Leute, Arbeiter mit einem Jahreseinkommen von unter 50.000 Dollar, sind in ihrer Mehrheit für seine politischen Predigten kaum erreichbar. Seine Visionen sind nicht die ihren.

Ein gefährliches Kräftegleichgewicht ist entstanden, das sich durch die weiteren Vorwahlen kaum noch auflösen lässt. Alle Argumente sind ausgetauscht, alle Schmähungen hinterbracht, die Urteile gefällt. Selbst wenn sie die noch ausstehenden Vorwahlen ausnahmslos gewinnt – was unrealistisch ist – reicht die Zahl an ordentlichen Delegierten nicht aus, sie zur Spitzenkandidatin zu krönen. Umgekehrt gilt das gleiche: Selbst wenn er alle noch kommenden Schlachten für sich entscheidet – was nahezu undenkbar ist – reicht es nicht für einen Präsidentschaftskandidaten Obama.

"Sieg oder stirb"

Das Parteiestablishment, das mit knapp 800 Super-Delegierten auf dem Wahlparteitag in Denver vertreten ist und keinem Wählervotum unterliegt, muss also die Entscheidung auf eigene Rechnung fällen. Nicht wenige von ihnen sind der Meinung, dass Obama auch als Vizepräsident prima bedient wäre. Andererseits: Als Frau mit Erfahrung könnte Clinton ihrem Land auch als Außenministerin große Dienste erweisen.

Selten zuvor standen sich zwei derart zähe Gegner in den Vorwahlen gegenüber. Einige Male allerdings wurden Persönlichkeiten, die sich nicht allzu viel zu sagen hatten, durch den Druck der Ereignisse zusammengepresst. Ronald Reagan machte George H.W. Bush zum Vize-Präsidentschaftskandidaten, obwohl der seine Wirtschaftspolitik als "voodoo economics" geschmäht hatte. Lyndon Baines Johnson half als Vize-Kandidat John F. Kennedy, die Wahlen zu gewinnen, obwohl er selbst gern Präsidentschaftskandidat geworden wäre und als Führer der Demokraten im Senat das Zeug zum gleichwertigen Gegenspieler besaß.

Die heutigen Kampagnenmanager beider Lager sind von der Aussicht auf ein solches Dream-Ticket, wie die Wahlstrategen eine Paarung zweier starker Politiker nennen, nicht begeistert. Das Clinton-Team, das einen Vize-Präsidenten Obama ins Spiel gebracht hat, will von einem Kompromiss zu ihren Lasten nichts wissen. Sieg oder stirb, do or die, rufen sie. Auch Obamas erklärtes Ziel ist ihr "Knockout".

Ein solcher Kampf auf Leben und Tod müsste im Boxring den Schiedsrichter auf den Plan rufen. In diesem Fall wären Parteichef Howard Dean, Parteilegende Ted Kennedy und die Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, als Vermittler gefordert. Einige der Genannten hört man bereits in der Kulisse tapsen.

Frühestens nach den Vorwahlen in Pennsylvania am 22. April wäre für sie ein Verhandlungsfrieden zu erzielen. Stand heute: undenkbar. Stand dann: womöglich zwingend.

Ein Kampf bis zur Kapitulation, so die sich durchsetzende Erkenntnis, würde nur den anderen nützen. Beim Tod des südkoreanischen Boxers war es genau so. Er starb, aber andere lebten dadurch länger. Während sein Herz noch schlug, wurden die Organe des Komapatienten zur Transplantation freigegeben.