Couch-Surfing: Astrid Langer reist vor der Wahl durch die USA - DER SPIEGEL
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Couch-Surfing USA: TV-Duell gucken in Santa Cruz

Foto: Astrid Langer

Unterwegs im US-Wahlkampf Amerika auf der Couch

Wie tickt Amerika? Für SPIEGEL ONLINE reist die junge Deutsche Astrid Langer bis zur Präsidentenwahl als Couch-Surferin die Westküste entlang. Jeden Tag übernachtet sie bei wildfremden Menschen. Die Tour beginnt bei Timothy im Surfer-Paradies Santa Cruz.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Noch einmal atme ich tief durch, schaue hoch in den blauen Himmel - lieber Gott, lass das mal gut werden. Dann drückt mein Finger auf die Türklingel von 1232 El Dorado Road, Santa Cruz. Wer wird mir wohl aufmachen? Bei wem schlafe ich heute Abend?

Ich werde nun Couch surfen, also bei fremden Menschen auf dem Sofa übernachten. Einmal die Westküste der USA herauf führt mich meine Route, von der Surferstadt Santa Cruz bis an die kanadische Grenze. Unterwegs will ich verstehen, was die Amerikaner kurz vor den Präsidentschaftswahlen bewegt. Was ist das für ein Volk, das am 6. November seine Stimme abgibt? Was beschäftigt die Menschen? Was sind ihre Hoffnungen, Wünsche, Ängste?

Eier aus dem Garten zum Frühstück

Die Tür geht auf, und das erste, was ich sehe, ist ein Hawaii-Hemd. "Ich dachte, ich hätte was gehört!" begrüßt mich Timothy lachend, ein Mann mit grauem Haar und festem Händedruck. "Willkommen bei uns!" Ein Schritt, und ich stehe direkt im Wohnzimmer, exotische Gitarren und bunte Bilder hängen an der Wand. Mein Zimmer sei draußen im Gartenhäuschen, sagt Timothy und führt mich wenige Schritte durch das Haus in den Garten, wo hinter Apfelbäumen eine kleine Hütte steht. Die ist zum Gästezimmer umgebaut, bunte Lampions leuchten an der Decke, das Schlafsofa erwartet mich schon ausgezogen. Manchmal könne man von hier aus das Meeresrauschen hören, sagt Timothy, der Strand sei ja nur einen Block entfernt. Und morgens würden mich vielleicht die Hühner im Garten wecken - dafür gäbe es früh aber frische Eier. "Wenn du ausgepackt hast, komm rüber zum Abendessen!" sagt Timothy und zieht die Tür hinter sich zu.

Timothy arbeitet als Schreiner in Santa Cruz, seit rund 20 Jahren lebt er hier mit seiner Frau Joanna und ihrem Sohn Diego. Timothy ist das, was die Amerikaner einen "World Traveler" nennen. Er stammt aus New York, ging zur Uni in Connecticut, lebte ein Jahr in Frankreich und einige Monate in Afrika. Mit Mitte 20 fuhr er für eine Woche nach Hawaii, die Heimat seines Vaters, und blieb zehn Jahre. Danach lebte er in Connecticut und Seattle, bevor er vor 20 Jahren nach Santa Cruz zog. Indien, Japan, Fidschi - Timothy war dort. Selbst meine Heimatstadt Saarbrücken hat er schon besucht.

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Obama vs Romney: TV-Duell in Boca Raton

Foto: REUTERS

Seit fünf Jahren gehört Timothys Familie der Couch-Surfing-Gemeinde an. Über die gleichnamige Website finden jährlich etwa sechs bis acht Reisende aus aller Welt ihren Weg in das Gartenhäuschen, das sie samt Toilette extra für Besucher hergerichtet haben. Seine Frau Joanna besucht derzeit für drei Monate ihre Familie in ihrem Heimatland Neuseeland, deswegen sitzen Timothy, Diego und ich zu dritt am Tisch, es gibt Curry mit Gemüse aus dem Garten.

Enttäuscht von Obama

Wie so viele Kalifornier ist Timothy "liberal", wie man hier sagt, also politisch eher links eingestellt. Bei den Präsidentschaftswahlen in zwei Wochen werde er Obama wählen, das sei sicher, auch wenn er von seiner Leistung etwas enttäuscht sei. "Obama ist ein Politiker geworden wie alle anderen", sagt Timothy. Heutzutage könne man dem Wort eines Politikers kaum noch trauen, viele würden immer nur das erzählen, was ihnen gerade in den Kram passe. "Warum brauchen wir nach den TV-Debatten überhaupt ein Fact-Checking? Können sie nicht einfach die Wahrheit sagen?", fragt Timothy, als wir uns nach dem Abendessen ins Wohnzimmer setzen. Einen Fernseher gibt es nicht, deswegen schauen wir die dritte TV-Debatte auf dem Laptop.

Foto: Andrew Innerarity / REUTERS

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Während Obama und Romney über den Krieg in Syrien und Libyen diskutieren, sitzt Timothy fast regungslos auf der Couch. Er ist ein ruhiger Typ, der seine Worte mit Bedacht wählt. Ihn bringt nichts aus der Fassung - bis auf Mitt Romney. "Are you kidding me?" ruft Timothy plötzlich, und springt auf. Romney hat gerade gesagt, die USA hätten noch nie einer anderen Nation Vorschriften gemacht, sondern würden Länder nur von Diktatoren befreien. "Der sollte mal in seinen Geschichtsbüchern nachschauen!" ruft Timothy aufgebracht.

Außenpolitik ist das Thema, das ihn im Wahlkampf am meisten beschäftigt. Dank seiner zahlreichen Reisen weiß Timothy, dass die USA in vielen Ländern nicht den besten Ruf genießen. Als er in den Jahren des Vietnam-Krieges in Frankreich lebte, habe er meist erzählt, er stamme aus Kanada. Auch in den Bush-Jahren habe er sich oft für sein Land geschämt. "Joanna und ich haben darüber gesprochen, auszuwandern, wenn Romney tatsächlich Präsident werden sollte - vielleicht nach Neuseeland."

Ein paar Minuten später redet Romney davon, wie man mit Pakistan als Partner im Nahen Osten umgehen sollte. "Nice phrases!", ruft Timothy plötzlich. Man würde merken, dass Romney gerade genug von Außenpolitik verstehe, um ein paar wichtige Begriffe fallenzulassen, ohne sie wirklich zu verstehen. Das Bildungssystem in den USA bereite ihm deswegen wirklich Kopfzerbrechen, sagt Timothy. "Du kannst den Wählern so viel erzählen, sie wissen es ja nicht besser!" Statt nur amerikanischer Geschichte sollten Highschool-Schüler endlich Weltgeschichte lernen müssen.

Nach 90 Minuten ist die Debatte vorbei und Timothy froh darüber. "Wenigstens hat sich Obama diesmal etwas besser geschlagen", findet er. Da klingelt der Computer - Joanna ruft aus Neuseeland an, über den Videochat lerne ich sie nun doch noch kennen. Was sie über den Wahlkampf denkt? "Ich bin wirklich froh, dass ich derzeit außer Landes bin. Da muss ich mir den ganzen Wahlkampfzirkus nicht antun!"

Etwas später stehe ich in meinem Gartenhäuschen am Fenster und schaue unter den Lampions hinaus in die dunkle Nacht - die leider auch kalt ist. Ich ziehe meine Daunenjacke an und schlüpfe unter die Bettdecke für meine erste Nacht auf der Couch. Draußen höre ich das ferne Rauschen des Meeres, vermischt mit dem Trippeln der Hühner im Stall.