Darfur: "Das Leiden wird sich noch verschlimmern" - DER SPIEGEL
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Darfur "Das Leiden wird sich noch verschlimmern"

Rebellen haben die sudanesische Hauptstadt attackiert, der Konflikt im Sudan spitzt sich zu. Im Interview spricht der ehemalige Uno-Sonderberichterstatter für Menschenrechte im Sudan und frühere Innenminister Gerhart Baum über seine Hoffnung für eine Lösung des vergessenen Konflikts - und seine Forderungen an China.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Herr Baum, am Wochenende haben Rebellen aus Darfur die sudanesische Hauptstadt Khartum angegriffen. Was bedeutet diese Eskalation für den Konflikt zwischen Regierung und Rebellen?

Baum: Das ist eine neue Dimension der Auseinandersetzung. Die Instabilität im Sudan wird wachsen. In dem Angriff kommt die ganze Hoffnungslosigkeit der Rebellen zum Ausdruck. Sie glauben nicht mehr an einen Friedensschluss.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Angriff als direkter Putschversuch zu werten?

Baum: Das war kein Angriff, der die Chance in sich trug, das Regime zu stürzen, aber ein Signal an die Machthaber in Khartum, das Beunruhigung auslöst. Denn zum ersten Mal wurde das Regime in der eigenen Hauptstadt angegriffen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird die sudanesische Regierung jetzt reagieren?

Baum: Die sudanesische Regierung reagiert seit Jahren mit Gewalt. Sie hat sich nicht bereit gefunden, den großen Konflikt, die humanitäre Katastrophe in Darfur, mit friedlichen Mitteln beizulegen. Das Regime wird auch weiterhin auf militärische Lösungen setzen.

SPIEGEL ONLINE: Hunderttausende Menschen sind in Darfur gestorben, Millionen wurden in die Flucht getrieben. Was bedeutet die jüngste Zuspitzung für die Menschen?

Baum: Das Leiden wird sich verschlimmern, es werden verstärkt Menschen verfolgt werden, Khartum wird in Darfur verstärkt Bomben abwerfen.

SPIEGEL ONLINE: Der Konflikt in Darfur dauert bereits fünf Jahre. Wie muss eine Lösung aussehen?

Baum: Es muss endlich ehrliche Friedensgespräche geben. Die Nil-Araber in Khartum, die das Land regieren und sich den Wohlstand des Landes weitgehend angeeignet haben - sie teilen jetzt ein wenig mit dem Süden - müssen Macht und Entwicklungschancen teilen. Das ist auch in ihrem eigenen Interesse. Der Sudan ist riesig, er besteht aus vielen unterschiedlichen Stämmen. Die größte Gefahr für die Stabilität sind die Regionen, die total vernachlässigt worden sind.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie soll das Regime in Khartum zum Einlenken bewegt werden und wer kann den nötigen Druck ausüben?

Baum: In dieser neuen sehr gefährlichen Situation einer flächendeckenden Destabilisierung sind die Europäer, Russland und die USA gefordert, ihr politisches Gewicht geltend zu machen - und zwar gemeinsam mit China. Es muss ein politischer Druck sein, der auch mit ökonomischem Druck verbunden werden kann. Das Regime muss wissen, was die Welt von ihm erwartet. Die internationale Gemeinschaft muss unmissverständlich formulieren: Die Fortsetzung dieses Zustandes, des Quasi-Völkermordes in Darfur, ist nicht länger hinnehmbar. Das Signal, dass die wichtigen Global Player eine gemeinsame Position vertreten, würde von dem sudanesischen Regime verstanden werden. Die Rebellen müssen davon überzeugt werden, dass es zu Verhandlungen keine Alternative gibt.

SPIEGEL ONLINE: China beliefert den Sudan mit Waffen und fördert dort Öl. Glauben Sie wirklich, dass ausgerechnet die Chinesen bereit sind, glaubwürdig Druck auf die sudanesische Regierung zu machen?

Baum: China stützt zwar das Regime in Khartum, aber ist nicht unkritisch. Die Chinesen möchten das Land entwickeln, ein Land im Bürgerkrieg kann man aber nicht entwickeln. Ich bin nicht ohne Hoffnung, dass China tätig wird. Es gibt bereits erste Erfahrungen: China hat Khartum dazu gebracht, eine internationale Friedenstruppe in Darfur zu akzeptieren.

SPIEGEL ONLINE: Diese Unamid-Friedensmission soll als weltgrößte Friedenstruppe in Darfur seit Anfang des Jahres für Frieden zu sorgen. Welche Bilanz ziehen Sie von der Arbeit der Friedenstruppe?

Baum: Die Friedenstruppen sind viel zu spät gekommen und immernoch nicht voll in Aktion. Die Umsetzung dieser Mission ist dringend erforderlich, aber sie ist auf Sand gebaut, wenn es keine wirklichen Friedensschlüsse gibt. Also keine spektakulären Friedensverträge in irgendeiner afrikanischen Hauptstadt, sondern das mühsame Geschäft, den Frieden in der Zivilgesellschaft zu verankern. Darauf kommt es jetzt an. Sonst knallt eines Tages das ganze Land auseinander - davor warnen wir seit Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich, dass der Konflikt in Darfur im Vergleich mit anderen Kriegen und Katastrophen so wenig weltweite Anteilnahme erfährt?

Baum: Er dauert zu lange, Afrika ist in unserer Wahrnehmung weit weg, es fehlen die Bilder, andere aktuelle Konflikte verdrängen das Geschehen in Darfur immer wieder.

Das Interview führte Anna Reimann

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