Darrell Issa: Der nette Hardliner der Republikaner - DER SPIEGEL
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Darrell Issa Der nette Hardliner der Republikaner

Er ist fürs Militär, für freien Waffenbesitz, fürs Abhören, für Atomkraft, gegen Abtreibung. Darrell Issa ist ein Vorzeige-Republikaner und einer der wenigen, die nicht um Wiederwahl bangen. Trotzdem mögen ihn Linke: Er lässt mit sich reden - was ihn seiner Partei suspekt macht.
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New York - Darrell Issa lässt sich gerne ins Gebet nehmen. Zum Beispiel vom linken Fernsehsatiriker Bill Maher, dessen HBO-Sendung "Real Time" der Hochaltar aller Bush-Basher ist. Dort war der Republikaner neulich als obligatorisches Feindbild zu Gast, und Maher las ihm fröhlich die Leviten zum Irak-Krieg. Bis der ihn schließlich unterbrach - und seinem verblüfften Gastgeber beipflichtete: "Man kann nicht ein Ei auf den Boden werfen und ein Omelett erwarten. Wir haben es vermasselt."

Das hört man selten aus seinen Reihen. Dabei erfüllt der Kongressabgeordnete aus San Diego, der am Donnerstag seinen 53. Geburtstag feierte, auf den ersten Blick das Klischee vom republikanischen Hardliner: Der Multimillionär ist fürs Militär, für freien Waffenbesitz, fürs Abhören, für die Ölindustrie, fürs Schulgebet, für Atomkraft, gegen Abtreibung, gegen die Schwulenehe, gegen schärferen Umweltschutz.

Und doch können ihn selbst die Linken schwer hassen: Issa, der an seinem Auto bis heute den 9/11-Aufkleber "United We Stand" trägt, vertritt Positionen, die aus tiefer Überzeugung zu kommen scheinen - und doch er lässt mit sich reden. Und sich auch mal umstimmen, anders als sein Präsident George W. Bush.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum man von Issa in diesem bitterbösen, polarisierten Kongresswahlkampf so wenig hört - obwohl seine Wiederwahl am Dienstag so gut wie sicher ist, anders als die vieler Parteifreunde.

Er passt nicht ins Bild. Er eignet sich nicht für schnelle, gallige Soundbites im Kabelfernsehen. Das einzige, wofür ihn die Blogger neulich geißelten, waren ein paar Reisen nach Las Vegas - auf Kosten der Consumers Electronics Association, deren Vorsitzender er mal war.

Brückenbau, ohne sich zu verbiegen

Mehr noch: Er ist umgänglich, sympathisch und nimmt sich selbst und seine Partei nicht allzu ernst. Er erläutert seine Positionen mit charmanter Überzeugungskraft, statt sie selbstgerecht herauszubellen. Ein Mann, mit dem sich selbst linkes Urgestein wie Maher immer gerne balgt. "Dieser Typ scheint auf unserer Seite zu stehen", jubelte ein linker Blogger nach Issas Auftritt bei "Real Time".

Von wegen. Issas Abstimmungsverhalten im Kongress wird von der erzkonservativen Christian Coalition mit satten 84 Prozent honoriert - das Gütesiegel als Rechtskonservativer. Die linke Bürgerrechtsbewegung ACLU gibt ihm dagegen nur 20 Prozent, die Abtreibungsgruppe NARAL null Prozent.

Issa sucht Brücken, ohne sich ideologisch zur Mitte zu verbiegen wie Parteikollege John McCain. In der abgelaufenen Legislaturperiode hat Issa im Kongress nur ein einziges Mal gegen die Parteilinie votiert: im September, mit einem Nein zur Vorlage HR-503 - einem Gesetz gegen Handel mit Pferdefleisch.

Aber Politik ist eben mehr als Parteilinie. Politik ist, zumindest in einer idealen Wunschwelt, Stil, Authentizität, Courage. Zum Beispiel mit Worten wie diesen mitten in einem Wahlkampf, der ja auch ein Referendum über Bush ist: "Der Präsident zieht die falschen Schlüsse und wird falsch beraten. Ich bin deshalb stark dafür, den Kreis derer, auf die er hört, auszuweiten." Issa sagte das, noch bevor viele seiner bedrängten Freunde sich im Angesicht kollabierender Umfragen von Bush zu distanzieren begannen.

Sein erster Auftritt auf der nationalen Bühne war freilich kaum als Meisterstück zu bezeichnen. Vor drei Jahren finanzierte Issa die Volksabstimmung zum Recall des damaligen demokratischen Gouverneurs von Kalifornien, Gray Davis - mit über 1,6 Millionen Dollar aus eigener Tasche. Sein Ziel: Er wollte selbst für das Amt kandidieren, lange bevor Arnold Schwarzeneggers Name ins Gespräch kam.

Doch dann holte ihn die Vergangenheit ein. 1972, damals noch ein Teenager, war er wegen Autohehlerei angeklagt worden. Der Vorwurf wurde später aus Beweismangel fallen gelassen. Trotzdem zerbröckelte der Rückhalt der Partei, als die Sache herauskam. Unter Tränen gab Issa seine Kandidatur auf und dem charismatischen Schwarzenegger den Segen.

Dabei hat er eine ähnliche Aufsteiger-Biografie wie der heutige Gouverneur vorzuweisen, noch dazu eine multikulturellere: Issas Mutter stammte aus Böhmen, sein Vater hatte christlich-libanesische Wurzeln, sein Großvater war 1913 in die USA eingewandert. Issa wuchs in einem jüdischen Viertel in Cleveland auf, wo er für einen koscheren Metzger jobbte. Er brach die High School ab, um in die Armee einzutreten, holte seinen College-Abschluss später nach und zog in einen Vorort von San Diego, wo er bis heute lebt.

749 Worte pro Rede

Dort wurde er mit dem Verkauf elektronischer Auto-Alarmanlagen reich, darunter dem immens populären "Viper"-System, das er erfand. Er wurde schnell zu einem Führer und Wortführer der Branche. 1994 ehrte ihn das Magazin "Inc." und der Buchhaltungskonzern Ernst & Young als "Unternehmer der Jahres".

Es war ihm nicht genug. Ein erster Anlauf auf den Senat 1998 scheiterte spektakulär, trotz einer persönlichen Investition von zwölf Millionen Dollar. Obwohl er sich dann nach seiner erfolgreichen Wahl in den Kongress Ende 2000 (in die er 1,5 Millionen Dollar seines Privatvermögens steckte) von allen Anteilen an seiner Firma trennte, ist er bis heute mit mindestens 136 Millionen Dollar als Rückhalt der reichste Republikaner im Kongress. Und das viertreichste Kongressmitglied überhaupt - nur knapp hinter dem Demokraten John Kerry.

In Washington hielt er sich zunächst im Hintergrund. Auch wenn ihn der Kongress-Statistikdienst GovTrack als "sehr wortreich" einordnet, mit bisher Dutzenden von Reden und durchschnittlich "749 Worten pro Rede".

Als "Dschihad-Darrell" beschimpft

Nach seinem Pyrrhussieg in Kalifornien - Davis abgewählt, Schwarzenegger Gouverneur - besann sich Issa seiner arabischen Wurzeln. Sein Nachname heißt auf Arabisch "Jesus". Er begann sich politisch in der Nahost-Debatte zu engagieren. Allerdings nicht so, wie es sich seine Partei erhoffte. Er widersetzte sich dem automatischen Flankenschutz des Kongresses für Israel, bezichtigte Tel Aviv der "Apartheid", erinnerte an die Toten auf allen Seiten, kritisierte allerdings auch die "klassische arabische Propaganda" des Senders al-Dschasira.

Beim jüngsten Kurzkrieg zwischen Israel und dem Libanon pilgerten 22 US-Abgeordnete nach Israel und nur einer in den Libanon - Darrell Issa. "Logistisch schwierig" sei es gewesen, so beschrieb er diesen Ausflug anschließend ironisch. "Die Israelis schossen auf Autos und so." Er sagte das bei einer Dia-Show vor Journalisten im National Press Club zu Washington, bei der er mit Kritik an beiden Konfliktseiten nicht sparte.

Seine profilierte Haltung machte ihm in Washington viele Feinde. Issa lebe im "Niemandsland der amerikanischen Politik - ein konservativer Republikaner mit machtvollen Sympathien für die arabische Sache", schrieb die "Washington Post". Die konservative Website WorldNetDaily.com beschimpfte ihn als "Dschihad-Darrell". Die radikale jüdische Gruppe Jewish Defense League plante 2001 einen Bombenanschlag auf sein kalifornisches Büro, der im letzten Moment vereitelt wurde.

Von der Partei ausgebremst

Die Republikaner üben sich heute in etwas feinerer Zurechtweisung. So versuchte Issa kürzlich, in die Führungsriege der Partei im Kongress aufzusteigen, indem er sich um den Vorsitz des Republican Policy Committees bewarb, das über das Schicksal wichtiger Gesetzesvorlagen entscheidet. Doch trotz seiner parteitreuen Voten über die Jahre, trotz seiner Mitgliedschaft in drei zentralen Ausschüssen bremsten sie ihn eiskalt aus.

Und so wird Darrell Issa vorerst weiter im Glied stehen. Ein Trost bleibt ihm: Sein Wahlsieg am Dienstag steht wohl kaum in Zweifel. Sein Wahlbezirk, der 49. kalifornische Distrikt nördlich von San Diego, gilt als einer der konservativsten der ganzen Nation, nur Orange County ist republikanischer. Vor zwei Jahren schlug Issa seinen demokratischen Gegner Mike Byron mit 63 zu 35 Prozent der Stimmen.

Und noch einen Trost gibt es: Bill Maher hat ihn erneut in seine Kabelfernseh-Show eingeladen.