David Rubinger Im Auge des Konflikts
Der Fotograf liegt am Boden. Er keucht ein bisschen, denn er ist gerannt, als der Rundfunk die Sensation meldete: Die 55. israelische Fallschirmjäger-Brigade hat die Jerusalemer Altstadt erobert. Über sich sieht er nun die Soldaten, die gebannt auf die Klagemauer starren. Einer der Männer hat voller Ehrfurcht den Stahlhelm abgenommen. In diesem Moment drückt David Rubinger auf den Auslöser - so entsteht das vielleicht berühmteste Bild des 6-Tage-Krieges 1967. Zum ersten Mal nach 19 Jahren jordanischer Besatzung, in denen sie keinen Zutritt zur Altstadt hatten, stehen Juden wieder an ihrer geheiligen Klagemauer.
Für Rubinger, 77, gehört dieser historische Moment zu den bewegendsten seiner Fotografen-Karriere. "Ich lag da und heulte", erzählt er. Wie die Soldaten fühlte er sich heimgekehrt an einen der zentralen Orte jüdischer Identität. Doch das israelische Glücksgefühl über den unverhofften militärischen Sieg auf ganzer Linie bedeutete Leid auf der anderen Seite: Für die Palästinenser begann an diesem Junitag die bis heute anhaltende Okkupation ihre Städte und Dörfer durch das israelische Militär.
Mit der Kamera in den Krieg
Über 50 Jahre tobt dieser Kampf zweier Völker um das gleiche Land nun schon, und Rubinger hat ihn seit der Gründung des Staates Israel 1948 begleitet. Der Fotograf wurde zum Auge, durch das die Welt den ewigen Konflikt zu Gesicht bekam, zum Zeitzeugen einer Epoche, die nicht enden will. Wer Rubingers Fotos anschaut, blättert im Geschichtsbuch des Staates Israels und der Palästinenser. Mit seiner Kamera zog der Israeli durch fünf israelisch-arabische Kriege, dokumentierte die erste Intifada der Palästinenser in den achtziger Jahren, sah er Elend, Leid und Terror.
Der Freudentaumel, der am 29. November 1947 ausbrach, als zwei Drittel der Vereinten Nationen für eine Teilung Palästinas stimmten, hielt nicht lange an. Unmittelbar darauf begannen blutige Zusammenstöße mit den Palästinensern, die den Judenstaat mit Anschlägen und Guerillakämpfen zu verhindern suchten. Wenige Stunden nachdem David Ben-Gurion schließlich am 14. Mai 1948 den Staat Israel ausgerufen hatte, schlugen die vereinten arabischen Armeen zu. Rubinger selbst, der am Tag des Uno-Beschlusses jubelnde Israelis mit selbstgemalten Flaggen fotografiert hatte, musste die Kamera gegen Uniform und Waffe tauschen. Seine Stellung lag direkt gegenüber der Jerusalemer Altstadt. Zwar besiegte Israel die fünf arabischen Armeen und vergrößerte sein Territorium, doch den historischen Stadtkern verlor es. Jerusalem wurde geteilt. Im ganzen Land flohen hunderttausende Palästinenser oder wurden vertrieben.
In Lagern im Gaza-Streifen und der Westbank, in Libanon, Syrien und Jordanien warten diese Flüchtlinge bis heute auf ihre Rückkehr. Nach Uno-Angaben sind ihre Familien heute auf knapp vier Millionen angeschwollen. Kehrten sie ins heutige Israel zurück, so die israelische Mehrheitsmeinung, würde dies das Ende des jüdischen Staates bedeuten. Israel lehnt ein Rückkehrrecht, eine der zentralen Forderungen der Palästinenser, deshalb bisher strikt ab.
Ein Argusauge aus Paris
Rubinger ist selbst ein Flüchtling. Der gebürtige Wiener floh als Jugendlicher aus dem von Hitler annektierten Österreich. Mit 15 schloss er sich der zionistischen Jugendbewegung an und ging, nachdem sein Vater aus dem KZ nach England entkommen war, nach Israel. Zunächst lebte er in einem Kibbuz im Jordantal, doch 1942, mit 18, trat er der Jüdischen Brigade der britischen Armee bei und zog in den Krieg gegen Deutschland. Erst danach kehrte er nach Israel zurück, im Gepäck seine erste Kamera - eine Argus, die ihm eine Pariser Geliebte zum Abschied geschenkt hatte.
Mit seiner Leica, die er später für zwei Stangen Zigaretten und zwei Pfund Kaffee erwarb, fotografiert er Ströme von Flüchtlingen - auf beiden Seiten. Er sieht die Freude in den hoffnungsvollen Gesichter marokkanischer Juden auf dem Schiff vor der Küste Haifas, aber auch die Trauer über das Zurückgelassene in den stummen Mienen russischer Einwanderer.
Im Sechs-Tage-Krieg wird die arabische Stadt Kalkilia auf Befehl eines israelischen Oberst, der dort Terroristen vermutete, dem Erdboden gleichgemacht. Verteidigungsminister Moshe Dayan ließ die Bewohner zurückholen. Rubinger ist dabei, als sie auf den Trümmern ihrer zerstörten Häuser Notzelte aufschlagen. Am Straßenrand vor Jerusalem trifft er auf ein würdevolles, altes palästinensisches Paar, das sich in seinen Sonntagskleidern auf die Flucht gemacht hat.
"Die Wahrheit kann man nicht verstecken"
Rubinger lernt, wie man Krieg fotografiert. "Schießende Panzer sind kein Foto. Das Bild ist der Effekt des Krieges, das Leid, das er auslöst". Im Yom-Kippur-Krieg 1973, bei dem die Araber Israel zum dritten Mal nach 1948 und 1967 angreifen, macht Rubinger dennoch den Fehler, an der Armeespitze auf den blutig umkämpften Golan zu rücken. "Wir gerieten sofort in schweres Artilleriefeuer und mussten in Deckung gehen. Noch nach Stunden hatte ich kein einziges brauchbares Foto." Die Bilder bekommt er erst, als er sich den Sanitätern anschließt.
Der Terror trifft israelische wie palästinensische Familien. 1970 feuern arabische Terroristen aus Jordanien Katjuscha-Raketen auf die israelische Stadt Bet Schean. Eines der Geschosse schlägt mitten im Unterricht in einer Schule ein. Rubingers Kamera erfasst eine verzweifelt schreiende Mutter - ihre Tochter ist unter den Toten. Aber auch jüdische Terroristen schlagen zu, legen etwa eine Bombe unter das Auto des palästinensischen Bürgermeisters von Nablus, Bassam Shak'a. Er verliert bei dem Anschlag beide Beine. Auf einem seiner irritierendsten Bilder zeigt Rubinger den Mann, wie er nach der Amputation im Kreis seiner Familie scherzt.
Nicht immer wird in Israel akzeptiert, dass Rubinger sich so ausgiebig auch für die palästinensischen Opfer interessiert. Anfang der siebziger Jahre etwa fotografiert er tobende Israelis, die erschossene arabische Terroristen aus dem Fenster werfen und dann anzünden - Bilder, die an den Lynchmord von Ramallah vergangenen Oktober erinnern. "Ein Offizier brüllte mich an, wie ich das fotografierte könne", erzählt Rubinger, "doch ich sagte ihm, die Wahrheit kann man nicht verstecken."
Noch immer hält Israel 60 Prozent der Westbank und Teile des Gazastreifens besetzt. Vom Friedensprozess bitter enttäuscht, versuchen die Palästinenser nun in einer erneuten blutigen Intifada die Besatzer abzuschütteln. "Ben-Gurion sah als einziger schon damals, dass die Okkupation zum Fluch für uns werden würde", erinnert sich Rubinger. Für den langjährigen Time-Magazine-Fotografen bleibt Israels erster Premier auch der eindrucksvollste: "Er hatte seherische Qualitäten." Rubinger kennt alle israelischen Führer aus der Nahaufnahme: Levy Eschkol. Menachem Begin, Golda Meir, Mosche Dayan, Jizchak Rabin. In der Premiers-Maschine hatte Rubinger stets einen Sonderplatz, der ihm etwa dazu verhalf, den intimen Moment festzuhalten, in dem Begin seiner Frau Alisa nach einem langen Flug die Schuhe über die geschwollenen Füße streift.
Doch es ist ein Ägypter, für den Rubinger nach Ben-Gurion schwärmt: Anwar el-Sadat, der Mann, der Frieden mit Israel schloss und 1977 in einer historischen Geste zum ersten Mal israelischen Boden betrat. "Ich werde nie den Moment vergessen, als er an diesem Novembertag in Israel landete." Durch sein 600-Milimeter-Teleobjektiv verfolgt Rubinger, wie sich die Flugzeugtür öffnet und der ägyptische Präsident die Stufen herabschreitet. "Die israelischen Truppen salutierten ihm, Sadat grüßte die israelische Fahne und rief: Nie wieder Krieg."
Palästinenserchef Jassir Arafat dagegen, der 1994 aus dem Exil in Tunis nach Palästina zurückkehrte, findet Rubinger noch nicht einmal als Fotomotiv interessant. "Der Mann ist völlig steif und ausdruckslos". Rubinger ist überzeugt, dass Arafat keinen Frieden will. "Es wird noch viel Blut fließen". Wie ein Symbol dafür hängt in seinem Büro im früher arabischen Jerusalemer Stadtteil Kattamon ein anrührendes Bild: Eine Mutter umschlingt einen Grabstein, unter dem ihr Sohn begraben liegt. "Für alle Tränen, die noch vergossen werden", lautet die Bildunterzeile.
Doch es ist sein berühmtes Klagemauer-Foto von 1967, das Rubinger derzeit heimsucht. Überall im Land ist das Bild mit den staunenden Soldaten zu sehen. Die israelische Rechte missbraucht es in ihrer Kampagne für ein rein israelisches Jerusalem. Die Armee gab das Foto heraus, ohne den Urheber zu fragen.
Um endlich Frieden zu bekommen, wäre der Fotograf sogar bereit, Teile Jerusalems den Palästinensern zu überlassen - auch wenn er von ihnen keine besonders hohe Meinung hat. "Oft wünsche ich mir, ich wachte morgens auf, und es gebe keinen einzigen Palästinenser", sagt Rubinger. Aber sie sind nun mal da, und deshalb müssen wir uns wohl oder übel arrangieren."