Deutsche Geisel in Afghanistan: Unterhändler hoffen auf Durchbruch im Fall Rudolf B. - DER SPIEGEL
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Deutsche Geisel in Afghanistan Unterhändler hoffen auf Durchbruch im Fall Rudolf B.

Die Bemühungen um die Freilassung der deutschen Geisel Rudolf B. gehen weiter. Bei den Verhandlungen kommen sich beide Seiten allmählich näher. Der Krisenstab bleibt optimistisch, doch ein konkreter Zeitplan ist noch nicht abzusehen.
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Kabul - Eine gute Nachricht gibt es im Fall des deutschen Bauingenieurs, der seit mehr als zwei Wochen in der Hand von afghanischen Entführern ist: Am Donnerstagvormittag war es den Experten aus dem Krisenstab erneut gelungen, mit dem 62-Jährigen am Telefon zu sprechen. Gesundheitlich geht es Rudolf B. demnach gut.

Dieser Satz wird allerdings stets mit dem Zusatz "den Umständen entsprechend" versehen. Stabil ist er, so jedenfalls lautet die Sprachregelung im Krisenstab. Ordnung in der Definition hilft manchmal, das Chaos in den Verhandlungen etwas erträglicher zu machen.

Am frühen Morgen gingen heute die Bemühungen um eine Freilassung des Deutschen weiter. Optimistisch ist man in den Krisenstäben in Kabul und im fernen Berlin durchaus, viel häufiger aber wird das Wort Hoffnung erwähnt. Hoffnung, dass man möglichst schnell - das kann schon am Freitag aber auch erst irgendwann am Wochenende oder noch später sein - zu einem Durchbruch kommen wird. "Wir stehen jeden Morgen auf und drücken uns gegenseitig die Daumen", sagt ein Beamter, "was sollen wir auch anderes machen".

Zu Ende, das weiß jeder der Beteiligten, ist das Drama erst, wenn die deutsche Botschaft Rudolf B. in sicherer Obhut hat. Bis dahin kann immer noch etwas dazwischen kommen. Gerede um Fortschritte stört da nur, egal ob große oder kleine.

Auch über die entführten Südkoreaner wird weiter verhandelt

Keine Fortschritte hatte es zuletzt im Fall der von den Taliban verschleppten 21 südkoreanischen Geiseln gegeben. Doch nun verhandelten die Taliban nach eigenen Angaben erstmals direkt mit Südkorea. "Wir hatten direkte Kontakte via Telefon mit südkoreanischen Delegationsmitgliedern", sagte Taliban-Sprecher Jussuf Ahmadi gegenüber Journalisten. Auch mit Botschafter Kang Sung-Zu habe es direkte Kontakte gegeben.

Die südkoreanische Delegation habe versichert, mit den USA gesprochen zu haben, so dass ein Austausch zwischen den Geiseln und Taliban-Häftlingen nun möglich sei, sagte Ahmadi weiter. Die afghanische Regierung bestätigte diese Angaben nicht. Washington hatte eine gewaltsame Befreiung der Geiseln zuletzt nicht mehr ausgeschlossen. Vor drei Wochen hatten die Taliban die ursprünglich 23 Geiseln entführt. Um ihrer Forderung nach einer Freilassung inhaftierter Anhänger Nachdruck zu verleihen, töteten sie zwei Geiseln.

Gestern schien die Freilassung von Rudolf B. bevorzustehen

Im Fall der deutschen Geisel schien gestern für Beobachter außerhalb des Krisenstabs eine Freilassung immer wieder ganz kurz bevorzustehen. Eine virulente Gerüchteküche hat sich in Kabul gebildet - viel wird telefoniert, viel Tee in Lobbys von teuren Hotels getrunken. Vor allem afghanische Quellen überschlagen sich gegenüber Journalisten mit Meldungen, ein Deal stehe kurz bevor und die Geisel werde freikommen.

Der Krisenstab kommentiert diese Meldungen nicht. Meist sind diejenigen, die die Gerüchte verbreiten, gar nicht an den Verhandlungen beteiligt. Manche wollen sich einfach wichtig machen. Andere kassieren gut für ihre Schein-Informationen. Spätestens als es dunkel wurde in Afghanistan war jedoch klar, dass es keine unmittelbaren Fortschritte mehr geben würde und Rudolf B. noch mindestens eine, wenn nicht noch mehrere Nächte in den Bergen im Südwesten des Landes verbringen muss.

Die Verhandlungen selber gleichen einem Tauziehen - nur dass dieses nicht nach bekannten oder festgelegten Regeln verläuft. Seit mehreren Tagen gibt es direkte Kontakte von afghanischen Vermittlern, die im Auftrag der deutschen Botschaft mit den Geiselnehmern reden. Doch die Verhandlungen im Distrikt Wardak, rund 200 Kilometer südwestlich von Kabul, laufen nicht nach deutschen Regeln. In Afghanistan ticken die Uhren anders. Will man etwas erreichen im Land am Hindukusch, redet man oft erst lange um die Sache herum und kommt ganz am Ende zu den eigenen Wünschen.

Viel Zeit kann dabei vergehen, selbst wenn man nur ein Hotelzimmer in Kabul mieten oder einen Fahrer für ein paar Tage engagieren will. Je mehr man Druck macht, umso höher wird der Preis. So profan der Vergleich auch erscheint, so sehr passt er auf die Gespräche über die Freilassungs-Bemühungen. Dass sie dauern, heißt nicht, dass es keine Annäherung gibt.

Allein die Suche und die Einschätzung eines oder mehrerer Vermittler für die Gespräche war in den vergangenen zwei Wochen keineswegs einfach. Immer wieder boten sich der Botschaft in den vergangenen Tagen Afghanen an, die Krise zu lösen. Recht schnell hatte man sich im Krisenstab zuvor verständigt, auf keinen Fall direkt mit den Kidnappern zu verhandeln.

Aus reiner Gefälligkeit agiert keiner der Emissäre, deshalb muss man sensibel abwägen, wer sich für die Aufgabe eignet. Trittbrettfahrer sind schwer auszumachen - vor allem meist erst dann, wenn sie schon Schaden angerichtet haben. Einem der vielen Kandidaten allerdings gelang es Ende vergangener Woche, ein Paket mit Medikamenten und warmer Kleidung für Rudolf B. in die Berge zu schicken.

Zeit-Unterschiede - eine zweiwöchige Geiselhaft ist nach afghanischer Wahrnehmung nicht lang

Spätestens seitdem ist man im ersten Stock der Botschaft in Kabul, wo der Krisenstab mehrmals täglich zusammensitzt, vorsichtig optimistisch, dass man langsam vorankommt. Von einem Zeitplan oder ähnlichem redet aber niemand, der die schwammigen Details der Verhandlungen kennt. Mal gehe es einen Schritt nach vorne - doch noch am gleichen Tage könne es auch wieder drei Schritte zurückgehen, heißt es.

Ein Grund dafür sind auch ganz simple Unterschiede in der Wahrnehmung von Zeit. Während man in Deutschland eine Geiselhaft von zwei Wochen als unerträglich lang empfindet, lösen sich afghanische Kidnapping-Krisen oft erst nach Monaten.

Unklare Rolle der Behörden

Auch die Rolle der lokalen Behörden vor Ort erscheint diffus. Offiziell vermelden sowohl der Gouverneur als auch die lokale Polizei und die unzähligen Sicherheits-Hoheiten in Wardak und Umgebung Hilfsbereitschaft, sie reden auch immer wieder mit den Kidnappern. Auf die afghanische Art wird durchaus versucht, Druck auf die Entführer auszuüben. So wurde der Vater des lokalen Milizen-Kommandeurs Mullah Nissam, der als Kopf der Entführer-Truppe gilt, vorübergehend festgenommen. Dadurch sollte der Geiselnehmer, der um die 30 Jahre alt sein soll, zur Freilassung oder zumindest zu Gesprächen gedrängt werden.

Von anderen Würdenträgern aus Polizei und Politik heißt es jedoch immer wieder, sie würden selber mit den Kidnappern gemeinsame Sache machen oder zumindest versuchen, an einer möglichen Lösung finanziell zu profitieren. Zwei von ihnen verloren in den vergangenen Tagen bereits ihre Posten.

Sorge bereitet den Experten auch die Lage im Nachbarbezirk Ghazni. Dort ist in den letzten Tagen das Militär massiv aufmarschiert. Nach offizieller Lesart handelt es sich um eine Routine-Mission. Ganz offensichtlich aber versucht das afghanische Militär, auf die Kidnapper der südkoreanischen Geiseln zumindest Druck auszuüben - oder bereitet sogar eine militärische Befreiungs-Aktion vor. Die Bewegungen mit röhrenden Hubschraubern und von den Bergen gut auszumachenden Konvois, so die Befürchtung des Krisenstabs, könnten auch die Geiselnehmer des Deutschen nervös machen und Gespräche erschweren.

Die Deutschen haben afghanische Generäle jedenfalls schon mehrfach gebeten, im Fall von Rudolf B. sensibler vorzugehen und für den Deutschen keine ähnlichen Maßnahmen zu ergreifen.