Die Tories: Kamikaze in der Wüste - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Die Tories Kamikaze in der Wüste

Markige Sprüche in der Asyldebatte und ungelenkes Krisenmanagement - die britischen Tories haben sich ihre Aussichten auf ein Comeback weitgehend verscherzt. Bei den Unterhauswahlen werden den Insel-Konservativen kaum Chancen eingeräumt.
Von Marion Kraske
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?



London/Hamburg - Endlose Leere, unwirtliche Ödnis - die Wüste ist ein Ort der Hoffnungslosigkeit. Seit die britischen Konservativen vor vier Jahren in dieselbe geschickt wurden, ist kein Anzeichen für ein politisches Wiedererstarken in Sicht.

Früher konnte eine konservative Opposition sicher sein, dass die Labour-Partei innerhalb einer Wahlperiode das Land wirtschaftlich an den Rand der Katastrophe brachte. Heute ist das Gegenteil der Fall. Ein stabiles Wirtschaftswachstum, die niedrigste Inflation seit 30 Jahren, volle Staatskassen und sinkende Arbeitslosenzahlen - die politische Stärke der Blair-Partei zumindest in der Wirtschafts- und Finanzpolitik entlarvt die Schwäche der Konservativen. Nach den jüngsten Prognosen liegen die Tories mit bis zu 20 Prozentpunkten aussichtslos abgeschlagen hinter Labour. Nicht die Tories, sondern die Presse, urteilt Robert Worcester vom Umfrage-Institut MORI, sei derzeit die einzige Opposition, die Premier Tony Blair Paroli bietet.

Tatsächlich muteten die Bemühungen der Tories, sich nach der Wahlschlappe von 1997 auf dem politischen Parkett zu profilieren, bislang unbeholfen und unprofessionell an. Mitunter gerieten die Versuche, im Wahlkampf zu punkten, gar zum politischen Kamikaze. Anfang März wetterte Tory-Chef William Jefferson Hague gegen die Einwanderungspolitik der Labour-Regierung. Großbritannien, so der Vorwurf, stehe kurz vor der Überfremdung, die Insel werde zum "foreign land". Doch der Schuss ging nach hinten los und brachte den Konservativen den Vorwurf des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit ein.

Die Geister, die Hague rief

Lange dokterten die Tories an den Folgen der geistigen Rechtsdrift herum. Inzwischen legte die Kommission für ethnische Gleichheit den Parteien und Kandidaten eine Erklärung vor, in der sie durch ihre Unterschrift geloben sollten, alle Formulierungen zu vermeiden, die die Feindschaft zwischen Gruppen verschiedener Rassen, Nationalitäten und Religionen schüren könnten. Hague hatte Mühe, die Geister, die er rief, wieder loszuwerden. Die Weigerung dreier Mitglieder der konservativen Unterhausfraktion, die Erklärung zu unterzeichnen, bot neue Angriffsfläche für Kritik, die nicht nur Labour weidlich ausschlachtete. Auch die Kommission erhob mahnende Worte. Hagues Beteuerung, seine Unterschrift sei auch für alle anderen Parteimitglieder bindend, verkam zur Lachnummer.

Wie unglücklich die Tories mitunter agieren, zeigte sich auch in der Affäre "Townend". Anfang April tönte der Hinterbänkler John Townend, Einwanderung untergrabe die "homogene angelsächsische Gesellschaft", die Briten verkämen zu einer "Bastardrasse". Sanktionen gegen den polemisierenden Scharfmacher blieben zunächst aus. Anschließend wurde der Schmusekurs in Sachen Townend selbst in den eigenen Reihen heftig kritisiert. Und auch die Medien bemängelten das unzureichende Krisenmanagement der Tory-Führung, die der Partei erheblich geschadet haben dürfte. Das schlichte konservative Boulevard-Blatt "The Sun" urteilte über die bizarre Selbstdemontage der Tories, die Konservativen seien zur Geheimwaffe von Labour geworden.

"Keep the pound"

Wie schon unter Margaret Thatcher und John Major frönen die Hague-Mannen einem populistischen Anti-Europa-Kurs. "In Europe, but not run by Europe. Keep the pound!", lautet einer der Sprüche, die die Konservativen während ihrer Wahlkampfveranstaltungen propagierten. Auf ihren Werbetouren attackierten Hague und seine Mannschaft gerne voller Verachtung die Brüsseler Bürokratie und den Euro-Kurs der Blair-Regierung, verschwiegen aber gleichzeitig, dass selbst das konservative Parteiprogramm die Beibehaltung der englischen Währung nur auf fünf Jahre vorsieht. Auch der Auftritt von Maggy Thatcher, die sich in letzter Minute ins Wahlkampfgetümmel warf, vermochte den Konservativen keinen Kick zu geben. Im Gegenteil: Ihre Äußerungen offenbarten in aller Deutlichkeit die tiefe Zerstrittenheit der Tories in der Europapolitik. Im Gegenteil zu Oppositionsführer Hague lehnt die ehemals "eiserne Lady" eine Einführung des Euro nach wie vor strikt ab.

Mit ihrer nationalistischen und anti-europäischen Ausrichtung schlittern die Tories weit an den Interessen der Wähler vorbei. Für viele Briten spielen Themen wie Einwanderung und Euro lediglich eine untergeordnete Rolle. Wesentlich dringlicher empfinden viele die Probleme des täglichen Lebens - angefangen von der Arbeits- und Jobsituation über das krankende Gesundheitssystem bis hin zum Verkehr. Antworten auf diese Fragen finden sie bei den Tories allerdings vergeblich.

Steuergeschenke und Wunder

In ihrem Wahlmanifest, das sie vor allen anderen Parteien vorlegten, versuchten sich die Tories als Wohltäter zu gerieren. Auch das blieb indes ohne Erfolg. Steuersenkungsversprechen von acht Milliarden Pfund machten aufs Wahlvolk keinen großen Eindruck. Bis zum Schluss gelang es den Tories nicht, plausibel zu machen, woher das Geld kommen soll. Die Wähler ahnen wohl, dass Steuersenkungen mit niedrigeren Sozialleistungen und Einsparungen im ohnehin desolaten National Health Service einhergehen würden - den Schaden hätten sie also selbst. Pluspunkte für die Tories vermochten die Demoskopen denn auch hier nicht zu verbuchen.

Vor den Wahlen stehen die Konservativen gänzlich auf verlorenem Posten. Umfragen sehen sie - ähnlich wie beim letzten Urnengang - bei 30 Prozent. Blairs New Labour kann dagegen mit 50 Prozent rechnen. Ein neuerliches Wahldebakel der Konservativen scheint demnach programmiert. Dabei muss sich die Tory-Führung den Vorwurf gefallen lassen, dass ein Teil der schlechten Performance hausgemacht ist. "Falsche Themen, falscher Spitzenkandidat", geißelte der "Economist" die Unzulänglichkeiten der Partei. Auch Thatcher hat ihrem ehemaligen Schützling mit ihren Äußerungen wohl keinen Dienst erwiesen. Zwar betonte sie, dass Hague das Zeug zu einem Regierungschef habe, sagte aber nicht, dass er es auch werde. Entsprechend mies ist die Stimmung in den eigenen Reihen. Nur wenige glauben daran, dass sich das Blatt noch wenden kann. Selbst Hagues Vater gesteht resigniert ein, den Tories könne lediglich noch ein Wunder zum Wahlsieg verhelfen. Wunder in der Wüste erweisen sich jedoch meistens als Fata Morgana.