Dokument oder Trophäe Das Dilemma der Sieger
Berlin - Die kleine Mappe in der Hand des US-Generals Ricardo Sanchez war gestern eines der begehrtesten Objekte in Bagdad. Zu keinem Moment ließ er sie bei der Pressekonferenz am Mittwoch aus den Augen. Nur abstrakt sprach er über den brisanten Inhalt. Man habe gut erkennbare Fotos der beiden toten Saddam-Söhne Udai und Kussei, die als Beweis des Todes dienen sollen. Wenig später entscheidet Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in Washington, dass die Bilder veröffentlicht werden sollen. Doch erst am frühen Donnerstag Abend gab die US-Regierung die Bilder frei.
Das Zögern der Amerikaner lässt die moralische Zwickmühle erahnen, in der die Sieger steckten - und das enorme Misstrauen, das zwischen Sieger und Besiegten herrscht. Die Amerikaner wussten: Wenn die Iraker die Bilder nicht präsentiert bekommen, werden sie die Nachricht vom Tod niemals glauben. Schon kurz nach den ersten Gerüchten über die Tötung der beiden waren im Irak zweiflerische Stimmen zu hören. Man glaube nicht an den Tod, solange man keinen Beweis habe, lautete der Tenor vieler Iraker.
Verständlich ist diese Haltung allemal. Zu oft haben sie Fehlinformationen von den USA bekommen, als dass irgendjemand in Bagdad, Basra oder Mossul den Amerikanern noch traut. Zu oft wurden sie von der Macht von außen belogen - etwa, als die USA sie im zweiten Golfkrieg im Stich ließ und die rachsüchtigen Schergen Saddams 100.000 Schiiten töteten. Der jetzige Krieg mit seinen windigen Begründungen, das Chaos der Nachkriegsordnung und das Auftreten der US-Sieger taugen ebenfalls kaum als vertrauensbildende Maßnahme. Die Iraker wollen die Beweise. Ohne die Veröffentlichung wäre die Geschichte von der Tötung der beiden gefürchteten Saddam-Söhne für immer unglaubhaft bleiben.
USA will sich an Bildern nicht "weiden"
Auf der anderen Seite sind sich die Strategen im Pentagon über die ethischen Probleme der Veröffentlichung bewusst. Schon am Mittwoch sagte General Sanchez, man wolle nicht den Eindruck aufkommen lassen, dass sich die USA in Siegerpose an den Opfer-Bildern "weiden". Noch ist der wütende Protest von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld im Ohr, als arabische TV-Sender im Krieg Bilder von gefangenen und getöteten US-Soldaten zeigten. Eine "Rücksichtslosigkeit" der Medien sei das, erregte sich Rumsfeld damals. Daran müssen sich die USA nun messen lassen.
Grundsätzlich sind die beiden blutigen Fotos ein deutliches Zeichen einer erfolgreichen Mission. Nach Monaten der frustrierenden Suche nach den beiden Söhne und letztlich auch nach Saddam selber haben die USA am Dienstag endlich einen Sieg errungen über die Peiniger des irakischen Volkjes, die sie zwar aus den Regierungsgebäuden vertrieben, aber eben doch nie gefunden haben.
Die Bilder sind Genugtuung, sind Triumph. Und haben nicht auch andere Regime immer wieder voller Stolz ihre toten Regimegegner zur Schau gestellt? Historische Parallelen gibt es schließlich reichlich. Als am ersten Weihnachtstag 1989 der rumänische Diktator Nicolai Ceausescu nach seiner langen Schreckensherrschaft standrechtlich hingerichtet wurde, gingen die blutrünstigen Bilder der Erschießung um die Welt. Pol Pots toten Körper fotografierte man von Fliegen umschwirrt. Der Leichnam von Andreas Baader nebst Pistole wurde abgelichtet. Nach den Nürnberger Prozessen gingen auch die Fotos der hingerichteten Nazigrößen um die Welt als Beweis, dass der Schrecken nie wiederkommt.
Köpfe der Feinde auf Holzpfähle aufspießen
Dass die Macht solcher Bilder stärker ist als alle Berichte oder offizielle Verlautbarungen, ist unter Medienwissenschaftlern kein Geheimnis. So unterschiedlich die Situationen auch sind, hatten sie doch immer ein gleiches Prinzip: Immer wieder waren es die Sieger, die sich mit den Bildern des Siegs brüsteten. Gleichsam als Beweis ihrer neu errungenen Macht ließen sie sie verbreiten. "Früher spießten die Sieger im Rausch die Köpfe der Feinde auf Holzpfähle", sagt Professor Hans Kleinsteuber von der Universität Hamburg, "heute haben sich nur die Medien geändert, nicht aber das Prinzip".
Die Veröffentlichung der Fotos von Saddams Söhnen erinnert den Medienexperten an den Tod des Revolutionärs Che Guevara. "Damals haben die USA den toten Che der Welt und vor allem seinen Anhänger vor die Augen gehalten", erinnert sich der Professor. Genau wie bei Che solle nun auch im Fall des Saddam-Clans eine Ikone zu Grabe getragen werden.
Kleinsteuber hat er Zweifel an der Legitimität an der Veröffentlichung der Bilder. "Das Zeigen von besiegten Feinden in ihrem Blut ist ein Ritual aus der Zeit der Barbarei, von der wir denken, sie überwunden zu haben", meint er. Die angebliche Wirkung auf die Iraker hält er für weit überschätzt. "Die Menschen im Irak wissen, dass Saddam mit Gewalt abgesetzt wurde und erleben das jeden Tag", glaubt der Wissenschaftler.
Von Opferbildern zu Märtyrerikonen
Eine Diskussion über eine solche Siegermentalität gab es erst kürzlich. Als russische Sondereinsatzkräfte im vergangenen Jahr mit brutaler Gewalt ein von tschetschenischen Rebellen besetztes Theater in Moskau stürmten, führten sie kurz danach Fernsehteams durch die Hallen. Mit präzisen Zooms filmten die Journalisten die meist mit Kopfschuss hingerichteten Geiselnehmer, die teilweise noch in ihrem Blut lagen oder zusammengesackt in den Kinostühlen hingen. Neben der Tatsache, dass mache Bilder von den russischen Behörden nach dem Sturm manipuliert worden waren, entbrannte im Westen eine Diskussion, ob sie nicht auch gegen die Menschenwürde verstoßen, die auch für Tote gilt.
Auch im Irak selber könnten die Bilder der beiden Toten auf eine Weise genutzt werden, die den USA kaum schmecken dürfte. Unter Saddam-Anhängern könnten die Konterfeis der von den USA getöteten Führern schnell als Helden-Bilder verehrt werden. Innerhalb von Tagen könnten sie durch technische und vor allem handgemalte Kopien genau das Gegenteil von dem bewirken, was sie Amerikaner wollten. Verbunden mit der rasend schnellen Legendenbildung in der arabischen Welt könnte schnell die Geschichte von den brutal hingerichteten Märtyrern die Runde machen. Die resultierende Legende würde für die Amerikaner schlecht ausfallen: Mit 200 Mann und Dutzenden Raketen töteten sie drei wehrlose Männer und zusätzlich einen 14-jährigen Jungen.