New York: Widerstand gegen Trump
New York Die Hochburg der Trump-Gegner
"Wir sind nicht allein", sagt Rachel Timoner. "Wir sind umgeben von Menschen, die an ein Amerika für uns alle glauben. Lasst uns also den Weg finden von Trauer zur Aktion."
Timoner, die Rabbinerin der Gemeinde Beth Elohim, blickt in den Saal. Mehr als tausend Menschen drängen sich am Dienstagabend in der Garfield-Synagoge in Brooklyn, um gemeinsam Schiwa zu sitzen. Das jüdische Trauerzeremoniell, das sieben Tage dauert, gilt diesmal aber keiner Person, sondern einer Idee - ihrem Amerika.
Denn das ist sieben Tage zuvor gestorben, als Donald Trump zum nächsten US-Präsidenten gewählt wurde. "Seither waren Hunderte Menschen bei uns, um zu weinen", sagt Timoner. "Es fühlt sich an wie ein Tod."
Doch das Treffen im Bezirk Park Slope - wo Hillary Clinton 91 Prozent der Stimmen holte - dient noch einem anderen Zweck. Nicht nur jüdische Bürger sind dem Ruf des Stadtrats Brad Lander in die Synagoge gefolgt. Sondern auch Schwarze, Latinos und viele andere, die sich vor Trump fürchten - sowie Aktivisten, Juristen und Bürgerrechtler. Ziel: den Widerstand organisieren.
Widerstand - im Großen und im Kleinen
"Lasst uns die Ärmel hochkrempeln", sagt Lander. "Lasst uns alles tun, um die Dinge zu verteidigen, die richtig sind. Um die zu beschützen, die sich nicht wehren können. Um zusammenzuhalten in konzentrierter Gegenwehr."
Eine Woche nach der Wahl stößt Trump weiter auf erbitterten Widerstand. Das zeigen die Großdemonstrationen im ganzen Land, aber auch zahllose Bürgerversammlungen und "Trump-Teach-Ins", die dieser Tage an der Nordost- und der Westküste stattfinden, wo sich die Leute trösten und zu einer neuen Mission verbünden.
Protestmarsch auf der Fifth Avenue
Foto: Kevin Hagen / dpaUnd die Hauptstadt des Widerstands, die letzte große Bastion des progressiven Amerikas, ist ausgerechnet Trumps Heimatstadt - New York. Hier bekam Clinton 79 Prozent: Zwei Millionen New Yorker wählten sie, mehr als vor vier Jahren Barack Obama. Trump landete mit 18 Prozent weit dahinter.
New York trotzt der rechten Revolution, macht seinem Namen als freizügige, aufgeschlossene, weltoffene Hochburg alle Ehre. "Und dafür werden wir bis zum letzten Atemzug kämpfen", ruft Stadtrat Lander unter lautem Jubel.
Das hat auch der demokratische Bürgermeister Bill de Blasio gleich klargemacht. Er werde sich allen Aktionen Trumps "entgegenstellen", die die New Yorker gefährdeten, sagte er: "Wir werden nichts tatenlos hinnehmen."
Bürgermeister Bill de Blasio
Foto: Drew Angerer / AFPDamit meint er vor allem die Bedrohung von Minderheiten und Migranten durch Trumps Law-and-Order-Linie. New York ist eine "Sanctuary City", eine Schutzzone für illegale Einwanderer, wie sie Trump abschaffen will. "Wir werden keine Familien auseinanderreißen", schwor de Blasio. "Wir werden alles tun, was wir können, um uns dem zu widersetzen."
Für de Blasio geht es auch um die eigene Zukunft
Seit seinem Amtsantritt im Januar 2014 ist sein politischer Stern rasant gesunken. Ein kraftvolles Auftreten gegen Trump könnte ihm nächstes Jahr die Wiederwahl sichern.
Ähnliches dürfte auch Andrew Cuomo umtreiben, den Gouverneur des Bundesstaats New York. "Hass-Gesinnungen" wie Rassismus, Frauen- und Fremdenfeindlichkeit hätten hier keinen Platz, schrieb er in einem offenen Brief nach der Wahl. "Bei dieser Wahl ging es um die Seele Amerikas, und deshalb fühlen so viele von uns, was wir heute fühlen: Unsere Seele schmerzt."
Die täglichen Protestmärsche zum verbunkerten Trump Tower an der Fifth Avenue vergällen auch Trumps reichen Nachbarn die Laune. "Sie können nicht mehr so einfach in ihre Wohnungen", klagte ein Immobilienmakler, dessen Klienten aus dem Tower ausziehen wollen, in der "New York Post" .
Anderer Anwohnerärger manifestiert sich auf der Upper West Side. Hier ließ Trump in den Neunzigerjahren eine Wohnsiedlung bauen, die er seither verkauft hat. Nur sein Name steht noch fett auf den Fassaden. Schon im Wahlkampf starteten die Mieter eine Petition, um den Schriftzug zu entfernen.
Trump-Gegnerin vor dem Trump Place in New York
Foto: Richard Drew / AP"Wir verabscheuen die Idee, mit diesem abscheulichen Mann assoziiert zu werden", sagt Brian Dumont, einer der Organisatoren der Petition, zu SPIEGEL ONLINE. Dumont wohnt seit vier Jahren im Trump Place, doch erst im Wahlkampf wurde ihm klar, "wie tief Trump wirklich sinken würde". Hinzu kommt: Für neue Interessenten wirkt der ganze Wirbel abschreckend. Andere, so heißt es, fürchten um ihre Sicherheit.
Am Dienstag gab die Immobiliengesellschaft Equity Residential nach: Man wolle "eine neutrale Gebäude-Identität, die derzeitigen und künftigen Mieten zusagt". Ab diesem Mittwoch sollen die Buchstaben abmontiert werden.
"Nach der Schiwa stehen wir auf", sagt Rabbinerin Timoner in der Synagoge. "Das heißt, dass es an der Zeit ist, weiterzumachen und vorwärts zu gehen."
Im Video: Wie New Yorker mit Klebezetteln gegen Trump demonstrieren