Frankreichs EM-Niederlage Tränen in bleu-blanc-rouge
Französische Fans in Paris
Foto: Christophe Petit Tesson/ dpaIn der Fan-Zone vor dem Pariser Eiffelturm herrschte erst Schockstarre, dann Schrecken und Entsetzen. "Mein Gott", schreit eine junge Frau umhüllt von der Nationalflagge, "das ist eine Katastrophe." Mit dem Schlusspfiff im EM-Endspiel Frankreich gegen Portugal und der Niederlage der Équipe Tricolore entluden sich vor den TV-Schirmen 120 Minuten der Anspannung, des Bangens und der Erwartungen in oft haltlosen Emotionen.
Während das Team im Stade de France weinend das Spielfeld verließ, flossen auch unter ihren Anhängern Tränen der Enttäuschung über die Gesichter - geschminkt in blau-weiß-rot: Die Erwartungen der Fußballnation zerliefen in den Farben der Trikolore.
Von Donnerstag bis Sonntag hatte der Traum gedauert, der Traum vom Sieg der Franzosen vor heimischen Publikum. "Nach der EM von 1984, der Weltmeisterschaft von 1998 musste Frankreich zu Hause gewinnen, alle Bedingungen waren erfüllt", kommentiert das Sportblatt "L'Équipe" : "Allein, das Märchen ging nicht gut zu Ende."
EM-Fanmeile in Paris: Tränengas auf der Champs-Élysées
"Eine zauberhafte Parenthese" hatte auch die linke Tageszeitung "Libération" über den Enthusiasmus vor dem Match getitelt: "Der magische Sieg über die Deutschen, die Hoffnung auf eine Krönung am Sonntag - vorübergehend ist die Begeisterung der Franzosen für die 'Blauen' wie Balsam für die Wunden einer Gesellschaft, mitgenommen von einem Jahr der Ängste."
Am Montag ist das kurzlebige Intermezzo des Hochgefühls vorüber, die Stimmung gekippt. "So grausam", titelt "Le Parisien" . Das Regionalblatt "Ouest France" schreibt: "Portugal zerstört den französischen Traum."
"Fußball ist der Wunsch nach Glück"
Dabei hatte es an Schützenhilfe auch von höchster Stelle nicht gefehlt. "Natürlich erkennt man sich wieder in diesem Team, wir wünschen uns, zusammenzustehen und glücklich zu sein", sagte Premier Manuel Valls noch am Morgen vor dem Spiel. "Es ist die Gelegenheit, auf uns selbst stolz zu sein, voller Selbstvertrauen und Vertrauen in dieses französische Team." Valls: "Fußball ist der Wunsch nach Glück."
Portugal und Frankreich: Entscheidung in Minute 109
Drei Tage waren die Sorgen der Nation wie ausgeblendet: Vergessen die Wirtschaftskrise, verdrängt die Arbeitslosigkeit, die Streiks oder die bisweilen gewalttätigen Kundgebungen gegen die Reform des Arbeitsgesetzes. Selbst die immer präsente Angst vor Anschlägen verschwand hinter der wachsenden Begeisterung für "Les Bleus".
Auch Präsident François Hollande hatte versucht, die Erfolge der Nationalelf zu nutzen. Der Staatschef, selbst nicht gerade eben sportlich, aber durchaus begeisterter Kenner der Materie, lobte die Arbeit der Spieler in Tönen, die den Wunsch nach einem ähnlichen Wirken seiner Regierungsmannschaft nahelegten.
Präsident Hollande: Miesepetrige Stimmung im Wahlvolk
Foto: KAMIL ZIHNIOGLU/ AFP"Ein sehr geschätzter Coach, dazu Freude, Ernsthaftigkeit und eine Konzentration, die auf einen schönen Abschluss deuten lässt", sagte Hollande nach einem Besuch im Trainingslager. Und erlaubte sich den Hinweis: "Ich will den Sport nicht für die Politik benutzen, das ist nicht gut für den Sport und nicht gut für die Politik."
Tatsächlich hätte Hollande - gerade noch zehn Monate vor der Präsidentschaftswahl - durchaus von einem Sieg der Nationalelf profitieren können. Der unpopulärste Staatschef der Fünften Republik konnte damit rechnen, dass die Euphorie über einen sportlichen Erfolg zumindest die miesepetrige Stimmung im Wahlvolk vertreiben würde.
"Labsal für die Herzen der Franzosen"
Zwar hatten Meinungsforscher den direkten Einfluss zwischen Sport und Politik eher bestritten. "Frankreich ist keine Fußballnation wie Italien, Spanien oder Großbritannien." Ein EM-Erflog, so Jérôme Fourquet, Direktor beim Umfrageinstitut Ifop, "kann zwar Labsal für die Herzen der Franzosen sein, aber was die Popularität des Präsidenten angeht, ist davon nicht viel zu erwarten."
Dennoch hätte ein EM-Sieg, pünktlich zum Auftakt der Sommerferien, Hollande geholfen. Denn der Sozialist versucht, seine Landsleute schon seit Monaten davon zu überzeugen, dass nach den ersten Anzeichen einer ökonomischen Besserung nun die wirkliche Wende kommt. Dennoch blieb das Mantra des Sozialisten, "Frankreich geht es besser", bislang ohne Echo.
Frankreich in der Einzelkritik: La Grande Tristesse
Nach der Niederlage im Stadion droht nun ein erneutes Absacken in den Pessimismus. Und die sportliche Niederlage addiert sich zur enttäuschenden politischen Bilanz des Staatschefs. Noch bevor Hollande die geschlagene Nationalmannschaft zum Mittagessen im Élysée empfängt, tröstet sich der Präsident mit einer Erkenntnis aus dem eigenen Alltag: "Der Sport erlaubt den Zusammenschluss, die Politik hingegen spaltet."