Ende des Geisel-Dramas Ein afghanischer Deal
Kabul - Es ist exakt 16 Uhr 27 afghanischer Zeit, als Rudolf Blechschmidt am Telefon ist. "Ich bin auf dem Weg in die Freiheit", stottert der 62-jährige Deutsche leise in ein ihm hingereichtes Handy, "hoffentlich klappt es diesmal".
Um ihn herum ist wildes Gerede zu hören. Männer schreien in Mobiltelefone, Funkgeräte krächzen. Das Auto mit Blechschmidt auf der Rückbank rappelt über eine Piste, irgendwo in den Bergen der afghanischen Provinz Wardak zwischen dem Versteck der Entführer und Truppen des Kabuler Innenministeriums. Der Deutsche, das hofft er ganz fest, ist auf dem Weg heraus aus der Geiselhaft, nach 84 Tagen in der Hand von Kidnappern. Nur noch zehn Minuten sind es bis zur Polizeistation.
Richtig fassen kann es Blechschmidt noch gar nicht, als SPIEGEL ONLINE ihn erreicht. "Ich kann noch nichts sagen", haucht er, "mir geht es gut, ich bin nur sehr müde". Kurz zuvor hatte er mit dem deutschen Botschafter telefoniert, der den ganzen Tag im fernen Kabul jedes Detail der Freilassung mitverfolgt hat und sofort nach Berlin kabelte.
Auch für den stets ruhigen Diplomaten Hans-Ulrich Seidt und die rund ein Dutzend Männer vom Bundeskriminalamt (BKA), die seit Woche im mittlerweile fest eingerichteten Krisenstab in einem Beratungsraum im ersten Stock der Vertretung brüteten, ging mit der Freilassung endlich die letzte Phase der Unsicherheit zu Ende. Seit dem 18. Juli, dem Tag als Blechschmidt entführt wurde, bangten sie um sein Leben.
Was heute passierte, hörte sich einfach an. Vier angesehene Dorfgranden fuhren in die Berge und holten die Geisel. Allerdings steckte hinter der Übergabe viel Arbeit in einem Land, in dem man zwar von Behörden spricht, diese aber nicht unbedingt wie solche funktionieren. Viel öfter als bekannt waren Versuche in den letzten drei Monaten schief gegangen. Die Geschichte dieser Geiselnahme hatte viele Tage voller Hoffnung und viele Abende voller Frust und Enttäuschung in der Kabuler Botschaft.
Immer wieder tauchten neue Akteure, angebliche Vermittler und wildere Wünsche auf. Um die große Politik der Taliban, den Dschihad oder den Kampf gegen die Besatzer in Afghanistan aber ging es nie. Von Beginn an waren die Kidnapper nur auf Weltliches aus. Politische Forderungen, wie Abzug der Bundeswehr, dienten stets nur als "Folklore" für mehr Druck. Einziges Ziel war stets der schnöde Mammon.
Paket aus Lösegeld und Komplizen des Entführers
Am Ende wagten die Experten vom BKA einen Deal mit hohem Risiko: Sie boten über afghanische Vermittler ein Paket aus Lösegeld, vier zuvor festgenommene Komplizen des Entführers und lokalen Kriminellen Nissam Udin und seinen Vater für die deutsche Geisel. Zwei von Nissams Leuten waren vor zwei Wochen bei einer gescheiterten Geldübergabe festgenommen worden. Hinzu kamen der 22jährige Sohn eines der Kriminellen und eine weitere Randfigur des Falls.
Die vier Männer, nun für den Deutschen ganz nach den afghanischen Regeln einer Entführung als menschliches Faustpfand aufgeboten, sind wie Nissam lokale Kriminelle. Genau wie ihr blutjunger Kommandeur nennen sie sich gern Taliban, bemänteln sich mit der Politik von Mullah Omar und Co. Doch für Gotteskrieger haben sie schon zu viel für Geld gemordet und gebrandschatzt.
Zusammen mit einem erheblichen Handgeld, ohne das in Afghanistan in solchen Fällen nichts geht, erreichte Deutschland schließlich die Freilassung. Es war ein problematischer und risikoreicher Deal, das wussten die Experten des BKA, aber auch die politische Führung in Berlin. Doch totale Härte inklusive des Risikos eines hingerichteten Deutschen - so kaltblütig wollte auch in der Bundesregierung niemand die Linie des nicht erpressbaren Staates durchziehen.
Es war wie oft ein Kompromiss, bei dem das Leben einer deutschen Geisel viel wert war. Unumstritten ist dieser Kurs nicht, doch am Ende wurde er durchgezogen.
Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) wurde dementsprechend auf einer Dienstreise in Frankfurt über die aktuelle Entwicklung stets informiert. Als schließlich der Botschafter mit Blechschmidt telefoniert hatte, bestätigte Steinmeier das Ende des Dramas. "Seit heute ist der in Afghanistan entführte Deutsche wieder in Freiheit, "so Steinmeier, "darüber sind wir froh und erleichtert".
Deutlich dankte er auch den afghanischen Behörden, vor allem aber Präsident Hamid Karzai und Außenminister Rangin Dadfar Spanta. Beide hatten die Deutschen immer wieder um Hilfe gebeten - ohne sie hätte die Freilassung nie geklappt. Ohne Karzai wäre der Deal auch nie abgesegnet worden. Gleich danach erinnerte aber auch an das noch offene Schicksal einer deutschen Geisel im Irak, deren Lage deutlich schwieriger ist als die in Afghanistan je war.
Die erste Nacht im Bett nach 84 Tagen
Mit der Freilassung endete für alle Beteiligten ein Nerven-Drama, das am 18. Juli 2007 begann. Blechschmidt war auf einer Inspektionstour an einem Staudammprojekt in dem schon damals als unsicher geltenden Bezirk Wardak, etwa 200 Kilometer südwestlich von der Hauptstadt Kabul, entführt worden. Gemeinsam mit dem afghanischen Unternehmer Eshak Noorzai und Blechschmidts deutschem Geschäftspartner waren auch fünf afghanische Mitarbeiter verschleppt worden. Noorzai kam nach wenigen Tagen wieder frei, da seine einflussreiche Familie Druck auf die Entführer ausübte. Blechschmidt aber blieb entgegen den Versprechungen von Noorzai in Haft.
Es war das erste Mal, dass sich der Krisenstab in Kabul und Berlin regelrecht betrogen fühlte. Dass vollmundige Versprechen in Afghanistan nicht immer eingehalten wurden, sollten die Experten aber noch oft erleben.
Was Blechschmidt gleich nach der Verschleppung mit ansehen musste, ist kaum vorstellbar. Als sein Kollege und Freund Rüdiger D. an einem der ersten Tage bei einem Gewaltmarsch in die Berge vor Schwäche zusammenbrach, feuerten die Entführer aus Kalaschnikows auf ihn. Die Leiche ließen sie einfach liegen. Später erzählte der Kidnapper, der Deutsche habe sie aufhalten wollen, damit die Polizei die Gruppe noch schnappt. Deshalb habe er ihn erschießen müssen.
Erst Tage später finden Polizisten die Leiche des Deutschen. Sie war zu dem Zeitpunkt schon so verwest, dass die Experten des BKA kaum die Einschusslöcher sehen konnten.
Kreislaufprobleme und Angst vor dem Tod
Auch Blechschmidt, einem kleinen untersetzen Mann mit argen Kreislaufproblemen, ging es während der stundenlangen Märsche sehr schlecht, doch nach dem Tod seines Freundes riss er sich zusammen. Er wusste, dass ihm das gleiche Schicksal drohte. Ohne die Möglichkeit, mit den Kidnappern zu kommunizieren, schleppte er sich so gut es ging, hinter ihnen her. Er aß das wenige, was die Kriminellen in die Berge schleppen konnten, meist nur Brot. Mit seinem bruchstückhaften Englisch versuchte er immer wieder, mit ihnen zu reden. Meist aber bedeuteten sie ihm nur mit Handzeichen, was er zu tun hatte.
In den Wochen des Julis begann ein Verhandlungsmarathon - teils über selbsternannte Vermittler, teils über die Medien. Immer neue afghanische Würdenträger, Geschäftsleute oder Politiker versprachen dem Krisenstab ihre guten Kontakte. Manche konnten tatsächlich auch Lebenszeichen von Blechschmidt übermitteln oder Medikamente und Kleidung in die Berge schaffen. Immer aber, wenn es an eine Übergabe ging, scheiterten die Bemühungen.
Auch ergaben sich immer wieder Verdachtsmomente, die angeblichen Vermittler wollten womöglich bei einem möglichen Deal mitkassieren. "Man muss mit denen tanzen, die im Saal sind", lautete eine beliebte Floskel der Diplomaten, "manchmal sind es nicht die besten Damen".
Am Mittwoch vor zwei Wochen war der Entführte dann schon einmal in Sichtweite, als er in einem Auto des Roten Kreuzes in Richtung Jagatho, der Distrikthauptstadt unterwegs war. Weil aber der afghanische Geheimdienst bei der Geldübergabe anderswo zu schnell zuschlug und zwei Komplizen festnahm, holten die Kriminellen Blechschmidt wieder aus dem Wagen.
Danach drohte der ganze Deal zu scheitern, die Entführer wurden sehr nervös und drohten plötzlich wieder mit der Exekution des Deutschen.
Immer wieder benutzten die Entführer auch die Medien für ihre Zwecke. Telefoninterviews und Videos wurden inszeniert. Stets stammelte Blechschmidt von den Taliban, die ihn in den Bergen festhielten und forderte von der Bundesregierung mehr Bemühungen um sein Leben. Nach Wochen in den Bergen, langen Märschen und eiskalten Nächten wuchs die Gruppe von Tätern und Opfern zusammen. Irgendwann waren sie alle überzeugt, dass man nicht genug für sie tue. In den vielen Telefongesprächen, die die Entführer Blechschmidt gestatteten, teils mit seiner Familie, teils mit dem Krisenstab, wurde aus dem Entführten am Ende ein Mentor der Kidnapperforderungen.
Das Drama endete schließlich am Mittwoch um 16 Uhr 40 Ortszeit. Gemeinsam mit den Dorfältesten traf Blechschmidt bei Polizisten des Innenministeriums in der Distrikthauptstadt ein, die ihn umgehend zur Botschaft nach Kabul brachten. Dort wurde er erstmal von Bundeswehrärzten untersucht, ihm geht es jedoch offenbar sehr viel besser, als manches Video es darstellte.
Am Abend stand dann nur noch ein Essen mit dem Botschafter und den Experten des BKA an. Spaghetti soll es geben in der Residenz. Vielleicht auch die ein oder andere Dose "König Pilsener" aus dem Botschaftskühlschrank. Danach wird die Ex-Geisel zum ersten Mal nach 84 Tagen in einem richtigen Bett schlafen können.