Entführungen Das Geschäft mit Geiseln
Hamburg - Knapp vier Wochen dauerte die Entführung des amerikanischen Journalisten Daniel Pearl in Pakistan, dann wurde dem US-Generalkonsulat im Februar 2002 ein Videoband zugestellt. Es zeigte, wie dem 38-jährigen Südasien-Korrespondenten des "Wall Street Journal" die Kehle durchgeschnitten wird.
Pearl hatte in Pakistan einen Kontaktmann treffen und einen Artikel über islamische Extremisten in dem Land schreiben wollen, seine Entführer wollten pakistanische Terroristen freipressen, die in Afghanistan gefangen genommen worden waren. Dies seien keine Forderungen, "die wir erfüllen oder mit denen wir uns befassen oder über die wir verhandeln können", hatte der damalige US-Außenminister Colin Powell gesagt.
Der brutale Mord sorgte für Entsetzen und Fassungslosigkeit, aber das zynische Spiel von Terroristen setzte sich seitdem mit beklemmender Professionalität fort, im Irak, in Saudi-Arabien und anderswo. Im Mai 2004 filmten Terroristen im Irak die Hinrichtung des 26 Jahre alten US-Bürgers Nicholas Berg. Die Enthauptung wurde im Internet von der Gruppe Abu Musab al-Sarkawis veröffentlicht, die sich später offiziell al-Qaida anschloss.
Wenige Wochen später, im Juni, wurde der in Saudi-Arabien entführte US-Bürger Paul Johnson Opfer von Terroristen. Falls nicht innerhalb von 72 Stunden alle Mudschahidin aus saudiarabischen Gefängnissen entlassen würden, müsse der Systemtechniker sterben, hatte Qaida zuvor gedroht. Erneut gab es grauenvolle Hinrichtungsbilder von der geköpften Leiche im Internet, später wurde auch ein Video mit Szenen der Enthauptung veröffentlicht.
"Maximale Aufmerksamkeit" sei das Ziel dieser Taten, sagt Guido Steinberg, Irak-Experte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Es gehe darum, die Heimatländer der Entführten und die gesamte Weltöffentlichkeit "zu schockieren". Steinberg unterscheidet im Wesentlichen zwei Formen der Entführung: die mit kriminellem und die mit politischem Hintergrund. Im Irak würden vor allem besonders viele jener Entführungen tödlich enden, die auf das Konto des Jordaniers Sarkawi gehen. Sarkawi ist Statthalter des Qaida-Gründers Osama Bin Laden im Irak. Bei anderen Terrorgruppen dagegen gehe es oftmals nicht allein um Aufmerksamkeit, sondern auch um Forderungen und Geld - und somit gebe es die Chance zu verhandeln.
Trotzdem ist Lösegeld für Regierungen eine durchaus heikle Angelegenheit. Der Staat könnte als erpressbar gelten, den Terroristen werden Mittel für mögliche weitere Aktionen in die Hände gespült - etwa für Waffen. Regierungen schlagen deshalb in der Regel eine harte Linie ein. So sollen etwa die USA nach der Befreiung der im Irak verschleppten Italienerin Giuliana Sgrena der italienischen Regierung vorgeworfen haben, durch Millionen Dollar Lösegeld die sunnitische Guerilla finanziert zu haben.
Auch die Bundesregierung hielt sich etwa nach der Freilassung von 14 Sahara-Geiseln im August 2003 in ihrer Kommentierung sehr zurück. Man lehne Lösegeld grundsätzlich ab, sagte der damalige Außenminister Joschka Fischer (Grüne), fügte aber einen Satz hinzu: "Sie wissen, was 'grundsätzlich' unter Juristen heißt." Übersetzt heißt das wohl so viel: Im Ausnahmefall wird Lösegeld gezahlt - wobei das Geld nicht unbedingt direkt von der Regierung kommen muss. Bei den Sahara-Geiseln soll die Regierung Malis 4,6 Millionen Euro gezahlt haben. Das Geld, hieß es damals, werde vermutlich in Form von deutscher Entwicklungshilfe zurückerstattet.
Für die Freilassung der Göttinger Familie Wallert und acht weiterer Geiseln, die im April 2000 im Osten Malaysias in die Hände von Rebellen gerieten, sollen von Libyen, Deutschland und den Philippinen sogar mindestens elf Millionen Dollar gezahlt worden sein. Libyen war damals sehr behilflich.
Schon in den siebziger Jahren musste sich die Bundesregierung der Frage nach dem Umgang mit Terroristen und ihren Forderungen stellen, als die Rote Armee Fraktion (RAF) das Land in Atem hielt. Damals hatte das Bundesverfassungsgericht erklärt, dass das Grundgesetz "eine Schutzpflicht nicht nur gegenüber dem Einzelnen, sondern auch gegenüber der Gesamtheit aller Bürger" begründe. Damit hatten die Juristen im Oktober 1977 einen Eilantrag der Angehörigen des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer abgelehnt. Der Antrag sah vor, die Politik zur Erfüllung der RAF-Forderungen zu verpflichten.
Ähnlich wie damals die Schleyer-Angehörigen äußerte sich heute die Schwester der jetzt im Irak entführten Susanne Osthoff. Sie verlangte von der Bundesregierung, den Forderungen der Entführer, die Zusammenarbeit mit der irakischen Regierung zu beenden, entgegenzukommen. "Ich hoffe, dass die Bundesregierung nicht so stur ist und sich viel mehr Gedanken über eine Veränderung in der Irak-Politik macht", sagte Anja Osthoff. Doch Kanzlerin Angela Merkel hat heute in der Regierungserklärung klar gemacht, dass man sich nicht erpressen lassen wolle.
Björn Hengst