Ermittler in der Infoflut - DER SPIEGEL
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Ermittler in der Infoflut US-Behörden blähten Terror-Datenbank auf

Seit 2011 stand der Name eines der Boston-Bombenleger in einer US-Terror-Datenbank - erkannt haben die Behörden die Gefahr trotzdem nicht. Ein Grund könnte die schiere Größe der Infosammlung gewesen sein: Binnen fünf Jahren wuchs diese um mehr als 300.000 Namen.
Polizist in New York: US-Behörden mit Terrorfahndung überfordert
Polizist in New York: US-Behörden mit Terrorfahndung überfordert

Polizist in New York: US-Behörden mit Terrorfahndung überfordert

Foto: Shannon Stapleton / Reuters
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Washington - Die Liste ist offenbar so unhandlich wie ihr Name: Im "Terrorist Identities Datamart Environment", kurz Tide, speichern die US-Sicherheitsbehörden die Daten von potentiellen Terrorverdächtigen. In der Datenbank fand sich auch der Name des späteren Boston-Attentäters Tamerlan Zarnajew. Entdeckt hat das Gefahrenpotential im Vorfeld der Anschläge auf das Marathonrennen niemand. Das scheint mit Blick auf die Tide-Eckdaten auch wenig überraschend: In den vergangenen Jahren ist die Liste um mehr als 300.000 Namen gewachsen.

Wie die Nachrichtenagentur Reuters mit Verweis auf US-Behördenvertreter meldet, lag die Zahl der Einträge im Jahr 2008 noch bei 540.000. Mittlerweise zählt Tide stolze 875.000 Namen. Seit Herbst 2011 stand auch Zarnajew auf der Liste, nachdem der Geheimdienst CIA von den russischen Behörden Hinweise auf mögliche Verbindungen zu radikalen Islamisten erhalten hatte. Auch über die Mutter des Attentäters gibt es offenbar einen CIA-Eintrag in Tide.

Mit seinem Bruder Dschochar hatte der tschetschenischstämmige Zarnajew Mitte April beim Marathon in Boston zwei Bomben gelegt. Drei Menschen starben bei den Anschlägen, 264 wurden verletzt. Die US-Ermittler waren danach erheblich unter Druck geraten, weil sie das Terrorpotential der Geschwister offenbar krass unterschätzt hatten.

Tide wird von der Nationalen Anti-Terror-Zentrale verwaltet und gilt als Informationspool für die Ermittlungsbehörden. Eine "Watchlist" im engeren Sinne ist Tide nicht. Stattdessen bietet die gewaltige Datenbank den Fahndern die Basis für ihre eigenen Listen.

Der Reuters-Informant betont zwar, dass die Datenbank trotz ihres sprunghaften Wachstums durchaus übersichtlich und bedienbar sei. Schließlich hätten die Behörden in den vergangenen Jahren gelernt, in der Datenflut zu navigieren.

Das sieht Karen Greenberg ganz anders. Sie ist Terrorismusexpertin an der Fordham Universität in New York. "Es kann nicht immer nur um Quantität gehen. Hier braucht es einen klaren Fokus."

Am Freitag war bekannt geworden, dass die Zarnajews ihren Anschlag erst für den US-Nationalfeiertag am 4. Juli geplant hatten. Zudem liefen offenbar bereits Vorbereitungen für eine weitere Attacke in New York. Der 26-jährige Tamerlan war nach dem Anschlag von Boston bei einer Schießerei mit der Polizei ums Leben gekommen. Sein jüngerer Bruder wurde schwer verletzt und liegt derzeit im Krankenhaus. Von ihm erhoffen sich die Ermittler weitere Hinweise über den Hintergrund der Bluttat.

jok/Reuters