IWF-Chef Strauss-Kahn: Festnahme auf dem Flughafen
Ermittlungen gegen IWF-Chef Strauss-Kahn steht vor dem Haftrichter
Hamburg - Was ist dran an den Vergewaltigungsvorwürfen gegen Dominique Strauss-Kahn? Zwei Tage nach der Festnahme des IWF-Chefs berichten französische Medien von entlastenden Indizien in dem Fall. Dem Radiosender RMC berichtet , er habe ein Alibi für die angebliche Tatzeit. Strauss-Kahn habe mit seiner Tochter in einem Restaurant zu Mittag gegessen, berichtete der französische Sender am Montag auf seiner Internetseite, ohne seine Quellen zu nennen. Die Anwälte Strauss-Kahns hätten Beweise und Zeugen dafür.
Die Zeitung "Le Monde" berichtet unter Berufung auf Strauss-Kahns Anwälte Ähnliches: Der IWF-Chef habe seine Hotelrechnung um 12.28 Uhr bezahlt und sich anschließend mit der Tochter zum Essen getroffen.
Der Franzose wird beschuldigt, ein Zimmermädchen in New York sexuell angegriffen zu haben. Die Polizei hatte nach CNN-Angaben erklärt, die junge Frau habe die Suite des Franzosen gegen 13 Uhr Ortszeit betreten, ohne zu wissen, dass sich dort jemand aufhalte. Anschließend habe DSK, wie der frühere sozialistische Hoffnungsträger in Frankreich genannt wird, die Frau attackiert.
IWF-Chef Strauss-Kahn: Festnahme auf dem Flughafen
Laut "Le Monde" fuhr Strauss-Kahn jedoch direkt nach dem Essen mit seiner Tochter zum Flughafen. Um 15.40 Uhr habe er für den Flug nach Paris eingecheckt, der eine Stunde später starten sollte. Das Ticket habe er lange im Voraus gebucht. Französische Medien betonten, Strauss-Kahn könne jede Air-France-Maschine auch kurzfristig nutzen.
In Paris habe Strauss-Kahn politische Gespräche mit Blick auf die Präsidentschaftswahl führen wollen, bei der er als aussichtsreichster Kandidat galt, berichtet "Le Monde". Anschließend wollte er am Sonntag nach Berlin weiterreisen, um sich dort mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zu treffen.
Laut Radio RMC wollen Strauss-Kahns Anwälte demnächst Beweise für das Essen mit seiner Tochter vorlegen. Nach ihrer Ansicht bietet das Treffen ein Alibi für den Zeitpunkt des mutmaßlichen Vergewaltigungsversuchs. Die Anwälte wollten außerdem argumentieren, dass das Zimmermädchen möglicherweise ein finanzielles Interesse gehabt habe, den IWF-Chef der versuchten Vergewaltigung zu beschuldigen, berichtete RMC. Die Anwälte bestätigten dies zunächst nicht.
Strauss-Kahn ist inzwischen in ein Gerichtsgebäude in New York gebracht worden. Dort wartet er darauf, dem Haftrichter vorgeführt zu werden. Dieser kann entscheiden, ob Strauss-Kahn gegen eine Kaution freigelassen wird - oder ob der Top-Banker wegen des Vorwurfs der versuchten Vergewaltigung in Haft bleiben muss. Strauss-Kahn will seinem Anwalt William Taylor zufolge auf "nicht schuldig" plädieren.
In Frankreich blühen inzwischen Verschwörungstheorien aller Art wegen der spektakulären Festnahme des Sozialisten in New York. Nicht nur auf der Straße und im Internet wird spekuliert, ob dem einflussreichen IWF-Chef eine Falle gestellt wurde. Auch Politiker aus dem linken wie dem rechten Lager sowie Leitartikler werfen diese Frage auf.
"Internationales Komplott" vermutet
"Man kann eine Falle nicht ausschließen", sagt Entwicklungsminister Henri de Raincourt. Die Vorsitzende der konservativen Christlich-Demokratischen Partei, Christine Boudin, vermutet: "Dahinter steckt entweder der IWF, die französische Rechte oder französische Linke."
Auch der Wirtschaftsexperte Jacques Attali, Berater des früheren sozialistischen Präsidenten François Mitterrand, spricht von "Manipulation" - zumal sich der Vorfall in einem Hotel ereignet habe, das zu einer französischen Kette gehöre. Noch weiter geht die Sozialistin Michèle Sabban, die als enge Vertraute von Strauss-Kahn gilt. Sie sieht hinter den Anschuldigungen ein "internationales Komplott", das auf den IWF abziele.
Auch mehrere Leitartikler können offenbar nicht glauben, dass der IWF-Chef tatsächlich in seinem Hotel ein Zimmermädchen sexuell belästigt haben könnte. "Das ist unmöglich! Und wenn es wahr ist, dann ist es eine Falle", kommentiert etwa die Zeitung "Le Progrès" aus Lyon.
Mutmaßliches Opfer soll aus Guinea stammen
Der bisherige Stand der Ermittlungen spricht jedoch gegen den Franzosen. Die 32-jährige Frau habe ihn bei einer Gegenüberstellung auf einer Wache in Manhattan klar erkannt, berichtete die Zeitung "New York Daily News" am Sonntag. Bei dem mutmaßlichen Opfer handelt es sich nach Polizeiangaben um eine Frau aus Guinea, die seit drei Jahren im Sofitel-Hotel nahe des Times Square in Manhattan arbeitet. Medienberichten zufolge lebt sie mit einer Tochter im Teenager-Alter in der Bronx.
Zu den Vorwürfen gegen Strauss-Kahn zählt Berichten zufolge neben versuchter Vergewaltigung auch Freiheitsberaubung. Die "New York Times" schätzt die Höhe einer möglichen Kaution auf mehrere Millionen Dollar. Strauss-Kahns zweiter Verteidiger, Staranwalt Benjamin Brafman, kündigte an, sein Mandant werde sich "mit aller Macht gegen die Vorwürfe wehren".
Aufklärung in dem spektakulären Fall versprechen sich die Ermittler vor allem von einer DNA-Analyse. Mit diesem Test soll unter anderem geklärt werden, ob Strauss-Kahn Kratzer oder DNA-Spuren des mutmaßlichen Opfers an sich trägt, etwa unter den Fingernägeln. Mit Hilfe solcher Spuren ließe sich ein möglicher Kampf zwischen Täter und Opfer rekonstruieren.
Inzwischen sind auch neue Vorwürfe aus seinem Heimatland laut geworden: Dort erwägt eine Journalistin, gegen den 62-Jährigen zu klagen. Tristane Banon ist nach eigener Darstellung 2002 von Strauss-Kahn sexuell belästigt worden.