Eskalation im Libanon: "Montag geht es los" - DER SPIEGEL
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Eskalation im Libanon "Montag geht es los"

Während eine israelische Invasion im Südlibanon immer wahrscheinlicher wird, wächst in Beirut die Angst. In der unter schwerem Beschuss liegenden Küstenstadt Tyros werden die Toten unterdessen in einem Massengrab beigesetzt.
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Beirut - Der Pizzabäcker, der Herr in der Wechselstube, das Mädchen im Schuhgeschäft wollen es wissen: "Es ist doch bald vorüber, oder?", fragen sie. Nicht einmal, mehrmals, als könne man einen Waffenstillstand zwischen der Hisbollah und Israel herbei beschwören. Je brenzliger die Lage angesichts der sich an der Grenze formierenden israelischen Truppen wird, desto mehr Beirutis weigern sich, zu glauben, was in den Zeitungen steht. "Stürmische Tage stehen bevor" und "Israel steht unmittelbar vor einer Bodenoffensive" schreibt die libanesische Presse - düstere Prognosen, die viele nicht hören möchten, weil sie Angst haben, große Angst.

Dann lieber die ausländischen Journalisten fragen, vielleicht haben die bessere Nachrichten zu bieten. Und dann steht man da, und weiß nicht, was man sagen soll: Dass die amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice mitgeteilt hat, dass sie an einem kurzen Waffenstillstand nicht interessiert ist? Dass die Regierung der USA beschlossen hat, die Lieferung von Präzisions-Bomben an Israel zu beschleunigen? Dass die französische Botschaft ihren für Montag geplanten Evakuierungskonvoi in den Süden auf Samstag vorverlegt hat, weil Montag schon zu spät sein könnte? Was nützt es, die eigenen Befürchtungen vorzutragen, wenn sie das Gegenüber nur noch mehr ängstigen?

In den vergangenen Tagen hat es so ausgesehen, als habe sich das Leben in Beirut in der zweiten Woche der Kämpfe zwar nicht normalisiert, aber doch eingespielt: Irgendwie hatten sich die Beirutis an die dunklen wummernden Detonationen in der Ferne gewöhnt. Freiwillige taten sich zu privaten Hilfsprojekten zusammen, die staatlichen Stellen kümmerten sich mit jedem Tag effektiver um die gestrandeten Flüchtlinge. Bürgerinitiativen organisierten Gedenkfeiern für die Opfer, Versicherungen richteten 24-Stunden-Hotlines für Kriegsgeschädigte ein.

"Montag geht es los"

Einzelne Läden machten ein paar Stunden am Tag auf, das ein oder andere Restaurant servierte sogar Abendessen. Mit dem Beginn der nächsten Woche könnte sich das jedoch ändern: Sollte die israelische Armee tatsächlich in den Süden einmarschieren, so wollen sowohl die Armee als auch schiitische Milizen sich dem Kampf gegen Israel anschließen: Dann wird aus dem Kampf ein Krieg.

"Montag geht es los", mutmaßt der Zeitungsverkäufer auf der Einkaufsmeile im muslimischen Stadtteil Hamra. Er ist einer der wenigen, die wahrhaben wollen, dass die Lage der Zivilbevölkerung im Libanon vermutlich eher schlechter als besser werden wird. Ob er im Ernstfall seinen Kiosk zusperren wird, um in die Berge zu flüchten? "Wozu?", fragt Nadeem. "Wenn Krieg ist, dann ist überall Krieg."

Wo sich Nadeem in Fatalismus rettet, wissen viele Menschen nicht, wie sie mit ihrer Angst fertig werden sollen. Die Zeitung "L'Orient" zog eine Psychotherapeutin zu Rate, die den Lesern in der Samstagsausgabe erklärt, dass besonders die junge Generation, die den letzten Krieg nicht miterlebt hat, unter der Unsicherheit leidet. Ein richtiges Rezept gegen die Furcht, die den Libanon in Griff hat, weiß Viviane Matar Touma jedoch auch nicht: Sie empfiehlt Gespräche im Kreise der Familie.

Beinahe jede Schule in Beirut ist bis zum letzten Klassenzimmer mit Flüchtlingen gefüllt, die Stadt ist bis zum Bersten voll mit Evakuierten. Was geschehen wird, sollte die wehrlose Hauptstadt - Bunker gibt es so gut wie keine - Kriegsschauplatz werden, ist unvorstellbar. Bis vor Beginn der Krise vor zehn Tagen hatte die Regierung keinen Notfallplan, sei es für kriegerische Auseinandersetzungen oder Naturkatastrophen, sagt Hisham Hassan, der Sprecher des Internationalen Roten Kreuz in Beirut.

Viele Opfer in der Hafenstadt Tyros

Die entsetzlichen Folgen eines Konflikts, bei dem die Zivilbevölkerung kaum eine Chance hat, aus der Kampfzone zu fliehen, zeigten sich gestern in der südlibanesischen Hafenstadt Tyros. 87 einfache Holzsärge standen dort bereit, um die Toten der vergangenen Woche aufzunehmen. Neben dem staatlichen Krankenhaus in dem palästinensischen Flüchtlingslager Al-Bass war eine Grube ausgehoben worden, in der die Toten vorläufig beigesetzt werden sollten.

Aus einem Kühl-LKW, der seit Beginn der Kämpfe als provisorisches Leichenschauhaus diente, wurden in Plastikplanen und Decken gewickelte Leichen – über die Hälfte von ihnen Kinder - auf Bahren gehoben und dann in die Särge gebettet. Ein libanesischer Soldat hakte die Namen der Toten auf einer Liste ab, mit Sprühfarbe wurden sie auf die Sargdeckel geschrieben. Von drei nicht indentifizierten Toten wurden DNA-Proben entnommen, bevor ein Bagger die rote Erde über den Särgen zuschob. Nur wenige Angehörige wohnten dem Begräbnis im Massengrab bei – weil es oft ganze Familien waren, die hier beerdigt wurden.