EU-Ratsvorsitz Silvios letzte Pointe
Rom - Es sollte die Krönung seiner Regentschaft werden, "ein Triumph für Italien" und sein Durchbruch zum international respektierten Staatsmann. Ein halbes Jahr lang war turnusmäßig Italien an der Reihe, den Vorsitz in den europäischen Ministerräten wie im Kreise der Staats- und Regierungschefs zu übernehmen, und die Geschicke der sich aktuell vom 15er zum 25er Club entwickelnden Gemeinschaft zu lenken.
Alles schien fein gerichtet. Tonnenweise ließ Berlusconi Wein, Speis' und Kunst nach Brüssel karren, um in Europas Zentrale italiensches Ambiente zu verbreiten. Auch für die heimischen Austragungsorte europäischer Polit-Shows war alles bis ins kleinste Detail bedacht, von prächtigen Antik-Säulen aus Sperrholz bis zu unsichtbaren Podesten hinterm Rednerpult, speziell für den 1,64 Meter großen Gastgeber Berlusconi gezimmert.
Glanzvoll wie ein König wollte er sich präsentieren und sich endlich vom schalen Geruch seiner Vergangenheit befreien. Doch die Sache ging gründlich schief: International hat er nun den Ruf eines mittelmäßigen Witzeerzählers und Sprücheklopfers weg, der zuhause gerade wieder einmal ein Gesetz zu Gunsten seines TV-Imperiums basteln lässt. Berlusconi könne Europa nicht führen, hatte der englische "Economist" vorab gewarnt: Er behielt Recht.
Berlusconi weckt alte Ressemtiments
Das Debakel begann schon am ersten Tag seines Euro-Jobs, am 2. Juli im Europäischen Parlament in Straßburg. Martin Schulz, Wortführer der deutschen SPD-Abgeordneten, ging den neuen EU-Repräsentanten Berlusconi an, warum dessen Regierung den einheitlichen europäischen Haftbefehl blockiere und warum Kabinettsmitglied Umberto Bossi, Anführer der populistischen Lega Nord, Europa als mal "faschistisches", mal "stalinistisches Galgenland" beschimpfen dürfe.
Berlusconi, der sich ohne vorgefertigtes Manuskript regelmäßig vergaloppiert, empfahl dem Deutschen, sich um eine Filmrolle als KZ-Wärter zu bemühen, er habe gute Chancen. Damit erweckte Berlusconi sehr gekonnt alte, tief schlummernde deutsch-italienische Ressentiments zu neuem Leben. Nationalistische Südländer und teutonische Boulevard-Zeitungen griffen dankbar zu und schaukelten sich hoch. Den Preis dafür musste am Ende Kanzler Gerd Schröder zahlen: Er stornierte seinen geplanten Italienurlaub und machte Ferien in Hannover. Und Berlusconi verstand überhaupt nicht, wieso und warum.
Weil der Mailänder Medienmogul und Mehrfach-Milliardär nur ungern Akten und Vermerke liest, formuliert er nicht immer auf sicherem Terrain. Daheim in Italien ist das nicht schlimm: Er dementiert einfach umgehend, was er zuvor sagte. Und da 95 Prozent des Fernsehangebots direkt oder indirekt seinem Zugriff unterliegen, ist das nicht schwierig.
Kuscheln mit Scharon - gegen den Willen der EU
Auf der europäischen Bühne war das ärgerlicher. So versprach Berlusconi Russen wie Türken einen baldigen EU-Beitritt und sorgte bei den Fachleuten in Brüssel wie seinen Kollegen in Europas Hauptstädten für akute Atemnot: Das Gegenteil ist nämlich Mehrheitswille. Und in Tel Aviv kuschelte er sich an Israels Premier Ariel Scharon, weigerte sich aber, Palästinenserführer Jassir Arafat zu treffen. Dass die EU sich auf eine Politik gleichen Abstands und gleicher Nähe zu den Nahost-Kontrahenten verschworen hatte, muss ihm wohl unbekannt oder gleichgültig gewesen sein.
Seine wirkliche Könnerschaft aber zeigte Berlusconi im Streit um die europäische Verfassung. In Rom, so wie einst die "Römischen Verträge", die Gründungsdokumente der Gemeinschaft, müsse das neue Grundsatz-Papier unterschrieben werden, hatte er seine Kollegen schon genervt, da hatten die Diskussionen um den Entwurf noch gar nicht begonnen. Viel mehr hat ihn offenbar auch nicht interessiert.
Denn während die Verhandlungen der alten und neuen EU-Mitglieder sich mehr und mehr festfuhren - vor allem an der Frage, mit welchen Mehrheiten und welcher Stimmverteilung die Staatengemeinschaft künftig Entscheidungen treffen will - verbreitete der Verhandlungsführer ungebrochenen Optimismus: Er habe die Lösung längst in der Tasche. Im entscheidenden Moment werde er einen Kompromiss präsentieren, den alle akzeptieren würden.
Irland muss das Chaos ordnen, das Berlusconi hinterlässt
Doch als es so weit war, in der Brüsseler Konferenzmarathon-Nacht, hatte Berlusconi zwar Witzchen und Sprüche zu bieten, nur kein Kompromisspapier. Die Verfassungskonferenz scheiterte. Nun muss der irische Premier im neuen Jahr versuchen, das Chaos zu ordnen, das Berlusconi hinterlassen hat.
Auch der Italiener war am Ende ganz froh, dass er die europäische Last endlich wieder loswurde. "Eine so dramatische Erfahrung" wolle er nicht noch einmal machen, resümierte er beim letzten Auftritt am Dienstag dieser Woche im Straßburger Parlament.
Verständlich: So spaßig Politik sein kann, wenn er mit seinen "amici" George W. Bush oder Wladimir Putin segeln oder schwimmen geht, ihnen Schlager vorträgt oder seine Luxusvillen präsentiert, so mühselig und anstrengend empfand er seine europäischen Kollegen, die ihn ständig mit Problemen behelligten: "Gut, dass es vorbei ist." Wenigstens diese Einschätzung werden viele mit ihm teilen.
Erleichtert und gelöst gesellte er sich denn auch, am Ende der Straßburger Abschlusssitzung, zu einer Gruppe Europaabgeordneter aus seinem bürgerlich-konservativen Lager und plauderte frohgemut über die neue Wirtschaftsmacht China. "Zum Glück" hätten die Chinesen so lange den Kommunismus gehabt, "wer weiß, wo sie sonst heute ökonomisch schon wären". Doch als er sich anschickte, seinen Vortrag mit einem Witz über China und die Menschenrechte zu garnieren, suchten seine politischen Freunde schnell das Weite: "No grazie, Silvio."