Ex-Geheimdienstchef Hamid Gul: "Ich lebe noch" - DER SPIEGEL
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Ex-Geheimdienstchef Hamid Gul "Ich lebe noch"

Das Gerücht verbreitete sich schnell: Taliban-Chef Mullah Omar und der frühere pakistanische Geheimdienstchef Hamid Gul seien tot, kursierten Spekulationen. Doch zumindest Gul lebt - er gab SPIEGEL ONLINE ein Interview.
Ex-Geheimdienstchef Gul: "Warum sollte Omar sich ausgerechnet in Pakistan verstecken?"
Ex-Geheimdienstchef Gul: "Warum sollte Omar sich ausgerechnet in Pakistan verstecken?"

Ex-Geheimdienstchef Gul: "Warum sollte Omar sich ausgerechnet in Pakistan verstecken?"

Foto: ? Mian Kursheed / Reuters/ REUTERS
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SPIEGEL ONLINE: Herr Gul, heute kursieren Gerüchte, Sie seien vor zwei Tagen gemeinsam mit Taliban-Chef Mullah Omar auf dem Weg von Quetta nach Waziristan getötet worden...

Gul: (lacht minutenlang, bevor er sprechen kann) Ja, das wäre wohl einigen Leuten am liebsten, die mich immer als Freund von Extremisten sahen: dass ich tot bin, dass ich nicht mehr Amerikas Politik in Afghanistan und Pakistan kritisieren und mich nicht mehr gegen Vorwürfe wehren kann, dass ich angeblich den Taliban nahestehe. Pakistan steht unter gewaltigem Druck, seitdem Osama Bin Laden Anfang des Monats in Abbottabad getötet wurde, nicht weit von der Hauptstadt Islamabad entfernt. Jetzt müssen die zeigen, dass sie energisch Terroristen bekämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Kontakt zu Mullah Omar?

Gul: Unsinn. Ständig wird behauptet, ich hätte Kontakte zu ihm, aber das ist eine Lüge.

SPIEGEL ONLINE: Da steht aber in den US-Botschaftsberichten anderes - demnach haben Sie die Taliban mit Material beliefert, unter anderem mit Motorrädern.

Gul: Diese Berichte waren alle Fiktion. Weil ich dafür plädiere, mit den Taliban zu verhandeln, sie als Menschen zu behandeln, werde ich als Feind aufgebaut.

SPIEGEL ONLINE: Warum setzen Sie sich so vehement für die Taliban ein? Warum wollen Sie unbedingt, dass die in Afghanistan wieder an die Macht kommen, obwohl sie dort großes Unheil angerichtet haben?

Gul: Mullah Omar ist wichtig für einen Friedensprozess in Afghanistan. Wenn die Amerikaner den Krieg wirklich beenden wollen, ohne dass in Afghanistan Chaos ausbricht, müssen sie mit Omar reden, nicht ihn töten.

SPIEGEL ONLINE: Sie schließen also nicht aus, dass die Gerüchte über seinen Tod stimmen.

Gul: Ich schließe es nicht aus, aber ich weiß, dass in dieser aufgeheizten Zeit viel geredet wird, was sich später als falsch herausstellt. Außerdem: Die Taliban kontrollieren doch schon jetzt große Teile Afghanistans - warum sollte Omar sich dann ausgerechnet in Pakistan verstecken? Meine Vermutung ist: Der sitzt in Afghanistan und lenkt von dort aus die Geschicke der Taliban.

SPIEGEL ONLINE: Finden Sie es nicht seltsam zu fordern, dass einer der größten Feinde der USA eine führende Rolle in Afghanistan spielen soll?

Gul: Der Westen will doch immer Demokratie. Also: Lassen wir die Afghanen entscheiden, wen und was sie wollen. Man kann die Taliban kritisieren, sie haben viel falsch gemacht. Aber sie sind nicht der Dämon, zu dem sie in der öffentlichen Wahrnehmung gemacht wurden. Außerdem: Was konkret kann man Mullah Omar denn vorwerfen?

SPIEGEL ONLINE: Er ist Chef der afghanischen Taliban, die Bin Laden Unterschlupf gewährt haben und bis heute alliierte Soldaten bekriegen. Omar ist ein Top-Terrorist, der seit Jahren gesucht wird.

Gul: Des einen Terroristen sind des anderen Freiheitskämpfer. Ich bin mir sicher, dass die Menschen in Afghanistan Mullah Omar anders einschätzen als die Menschen im Westen.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sich nicht auch freuen, wenn man demnächst Mullah Omar fasst?

Gul: Eine Festnahme von Mullah Omar wird nur ein Vorwand sein, so schnell wie möglich aus Afghanistan abzuziehen. Deshalb hat irgendjemand ja auch verbreitet, Omar sei tot. Und dass ich tot sein soll, das passt denen wunderbar in den Kram. Aber ich lebe noch.

Das Interview führte Hasnain Kazim