Flüchtlinge aus Libyen: "Wir sind Freiwild" - DER SPIEGEL
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Flüchtlinge aus Libyen "Wir sind Freiwild"

Sie wollen nur noch weg, nur noch nach Hause: Tausende ägyptische Gastarbeiter fliehen vor den Schergen des libyschen Diktators Gaddafi in ihre Heimat. Mit Sack und Pack schleppen sie sich über die Grenze. Ihre Berichte sind erschütternd.
Flüchtlinge aus Libyen: "Wir sind Freiwild"
Flüchtlinge aus Libyen: "Wir sind Freiwild"

Flüchtlinge aus Libyen: "Wir sind Freiwild"

Foto: AFP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist der Exodus der Bauleute, der Handwerker und Arbeiter. Mit ihren Schaufeln auf dem Rücken, den Schubkarren, Hilti-Bohrmaschinen und Trennschleifern ziehen sie zu Hunderten, Tausenden über den Grenzposten. Plastiktaschen an sich gedrückt, die meisten in langen Galabiya-Gewändern und einem darüber geworfenen Anorak. Einer schleppt eine Matratze auf der Schulter, zwei andere haben sich vor eine Werkzeugkiste gespannt und zerren sie über den steinigen Boden.

Libyen

Wer Glück hatte, ist mit einem Toyota-Bus gekommen, auf doppelte Höhe beladen mit Bündeln und Koffern, Deckenrollen, festgezurrten Säcken und Matratzen. Sie kommen aus Bengasi, al-Baida, Tobkruk, und sie wollen nur noch weg, nach Hause, in die Städte Ägyptens, aus denen sie einmal aufgebrochen sind nach .

Der Grenzkontrollposten in Sallum ist kaum noch als solcher zu erkennen. Auf der libyschen Seite sind die Grenzschützer verschwunden. Auf der ägyptischen ist das Tor weit geöffnet. Die Militärs hier haben Befehl bekommen, die Fliehenden als Heimkehrer zu behandeln. Es ist ein Gedrängel, Hupen, Brüllen.

Alle paar Minuten drängt sich eine Ambulanz durch den Menschenstrom, mit Blaulicht werden Verletzte aus Libyen in das Krankenhaus von Sallum gebracht. Die Staatsgrenze hat sich aufgelöst. Schon wenige Meter hinter dem Posten werden die ägyptischen Mobiltelefone reaktiviert, die Familien in Alexandria und Kairo benachrichtigt. Die Posten schauen nur flüchtig auf die Papiere. Es wird nur aufs Nötigste kontrolliert. Es sind zu viele.

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Proteste gegen Gaddafi: Libyen erhebt sich

Foto: ASMAA WAGUIH/ REUTERS

Die Region im Osten mag großteils befreit sein - aber den ägyptischen Arbeitsmigranten ist es unheimlich. Sie haben von den Aufrufen im libyschen Staatsfernsehen und im Radio gehört. Alle Bürger, hatte es dort am Dienstag geheißen, alle Soldaten und Sicherheitskräfte seien aufgerufen, jeden Ägypter zu erschießen. "Wir sind Freiwild", sagt Hussein, ein 22-jähriger Maler, Bündel unter beiden Armen. Er ist aus al-Baida gekommen. Und hat sich geschworen, nie wieder zurückzukehren. Am Freitag, erzählt er, sei aus einem Hubschrauber auf ihn geschossen worden: "Vor der großen Moschee. Wir waren nur 200, vielleicht 250 Leute."

Muammar al-Gaddafi

Die Propaganda von Oberst hatte die Schuldigen an der Revolte schon früh ausgemacht. "Kräfte aus dem benachbarten Ausland", so hieß es, stünden hinter der Rebellion. Das war leicht zu verstehen. Die Ägypter also seien schuld, Leute wie Hussein, der vor anderthalb Jahren nach Libyen emigriert ist.

"Zuerst kamen die Männer von den Volkskomitees. Sie schossen wild herum", sagt Hussein. Auch am Samstag seien Hubschrauber über die Stadt al-Badein geflogen und hätten geschossen. Er habe Explosionen von Granaten gehört. Söldner mit Anti-Panzer-Waffen auf den Schultern seien durch die Straßen gegangen, sagt er. Das sei ihm erzählt worden. Hunderte von Toten soll es gegeben haben. Am Montag hätten sie zum ersten Mal versucht, nach Osten, Richtung ägyptischer Grenze aufzubrechen. "Wir waren schon auf der Straße, als Tiefflieger kamen. Wir drehten wieder um. Sie schossen nicht, aber ich hatte Angst." Dann waren sie endlich auf der Straße. Es sei eine gute Straße gewesen: "Es gab keinen Gegenverkehr."

Die Söldner stammten aus dem Tschad, aus dem Bardae-Massiv, wo Gaddafi auch früher schon Milizen rekrutierte.

Armee in Bengasi weitgehend übergelaufen

Mohammed Salah, 25-jähriger Bauarbeiter aus Kairo, sagt: "In Bengasi standen plötzlich die Gefängnistore offen. Das führte zu Chaos. Halunken zogen herum und hatten Waffen. Dann brannten die Polizeistationen. Das waren wir nicht. Aber wir sind mit den Halunken fertiggeworden." Und auch mit den Söldnern, zumindest in Bengasi. "Sie wurden gefangen genommen und erschossen."

Die Armee in Bengasi, so schätzt dieser Mann, sei zu 80 Prozent zu den Aufständischen übergelaufen. Hinter ihm hockt ein alter Mann auf einer Leitplanke, sein Bündel neben sich und hinter sich endlos freies, mit Plastikfetzen und Steinen bedecktes Nichts.

Das ägyptische Fernsehen berichtet inzwischen von anderthalb Millionen Ägyptern, die in Libyen arbeiteten. Das ist eine politische Zahl. Bislang waren es vielleicht hunderttausend. Möglicherweise soll Stimmung für ein militärisches Eingreifen gemacht werden.

Sommul ist ein hoffnungsloser Grenzort an einer Bucht ohne Boote, mit einem britischen Heldenfriedhof als einziger Attraktion. Der Nazi-General Erwin Rommel gewann hier einst eine Schlacht gegen die Panzerverbände Montgomerys. Die Straße zur Grenze windet sich zu einem Hochplateau hinauf. Hinunter drängeln sich die Fliehenden und Verjagten.

"Ich kann die Freiheit schon riechen"

Der Rote Halbmond hat zwei Zeltlager aufgestellt. In den kommenden Tagen sollen Sonderzüge von dem Ober-Bahnhof von Sallum Richtung Alexandria und Kairo fahren. In Marsa Matruh, dem Badeort 220 Kilometer östlich, haben Salafiten, strenggläubige Muslime, Geld gesammelt für ihre Verwandten jenseits der Grenze. "Ägypter und Libyer sind ein Volk" steht auf den fotokopierten Zetteln an ihren Pick-ups. Der Satz stimmt, jedenfalls für die Beduinenstämme der Gegend.

Zwei Busse einer Ärzte-Hilfsgruppe warten, um weiter nach Bengasi fahren zu können. "Ich kann die Freiheit schon riechen", sagt Atenzah Ramadan, ein Kardiologe. Er hat sich von seinem Chefarzt in Liverpool Sonderurlaub geben lassen: "Ich konnte einfach nicht mehr arbeiten. Ich musste los. Ich habe noch nie in meinem Leben so viel geweint wie in den letzten drei Tagen, glauben Sie mir das."

Er ist ein Mann mit einem kurzgeschnittenen, aber schon weißen Bart. Sein Kollege Abubakir al-Badri ist Kinderarzt in Liverpool. Er hat Familie in Tripolis und Bengasi. Er sagt: "Gaddafi hat diese jungen und völlig verzweifelten Flüchtlinge aus den Lagern zu Söldnern ausgebildet. Das erzählen mir meine Leute. Für 12.000 Dollar, heißt es. Das ist alles eine Folge des Abkommens zwischen Italien und Libyen." Berlusconi und Gaddafi hatten 2008 einen Freundschaftsvertrag unterzeichnet. Es ging um libysches Gas und gemeinsame Patrouillen, um die Bootsflüchtlinge von Lampedusa fernzuhalten.

Die ägyptischen Lokalsender sprechen am Mittwochmorgen bereits von der "arabischen Intifada" und melden, dass auch der libysche Innenminister zurückgetreten sei: "Ich stehe auf der Seite des Volkes", habe er gesagt. Die Mobilfunknetze in Bengasi seien von den Aufständischen inzwischen wieder repariert worden.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurden Vater und Sohn verwechselt: Der Panzergeneral und "Wüstenfuchs" hieß natürlich Erwin Rommel. Sein Sohn Manfred war lange Jahre Oberbürgermeister in Stuttgart. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten ihn zu entschuldigen.