Lage im Flüchtlingscamp Idomeni Die Banalität der Gewalt
Mann flüchtet vor Tränengaswolke in Idomeni
Foto: DANIEL MIHAILESCU/ AFPDie Zusammenstöße nahe dem griechischen Camp Idomeni vom Mittwoch werden allgemein als Chaos bezeichnet. Bis zu einem gewissen Grad trifft das auch zu - die Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein, die Flüchtlinge warfen mit Steinen, es gab Verletzte. Doch der Begriff greift zu kurz.
Für die mehr als 10.000 Flüchtlinge, die in der nordgriechischen Zeltstadt Idomeni leben, ist die Gewalt zu etwas Alltäglichem geworden. Sie erleben die Zusammenstöße zwischen Flüchtlingen und der Polizei als genauso chaotisch, wie etwa ein New Yorker, der jeden Tag quer durch die Stadt pendeln muss. Ist das chaotisch? Sicher, man rechnet schon damit, wenn man morgens die Wohnung verlässt, um zur Arbeit zu fahren.
Die Banalität des Chaos und der Gewalt in Idomeni ist verstörend. Wie ein sich schnell ausbreitender Virus infiziert er jeden. Angefangen bei den Flüchtlingen selbst, der Polizei, den Hilfsorganisationen, den Ehrenamtlichen bis hin zu den Medien.
Am Mittwoch beispielsweise begannen die Zusammenstöße ganz beiläufig. Eine Gruppe junger Flüchtlinge hatte sich mit Steinen bewaffnet und näherte sich dem Zaun. Jeder, der sie sah, wusste, was kommen würde: Wie erwartet begannen sie bald, die Steine über den Zaun zu werfen, um mazedonische Polizisten damit zu treffen. Die antworteten mit Tränengas.
Video: Tränengas und Steinwürfe am Grenzzaun
Währenddessen ließen sich Flüchtlinge weiter die Haare schneiden, als in nicht einmal hundert Metern Entfernung eine Tränengaskartusche explodierte. Als griechische Polizisten einen Flüchtling vom Zaun verjagten, bevor der den nächsten Stein werfen konnte, rief er ihnen noch halb im Spaß zu: "Na los, stoppt mich doch, morgen geht's weiter!"
Eine Gruppe Erwachsener jubelte drei kleinen Kindern zu, die mit Decken versuchten, die Tränengasgeschosse unschädlich zu machen. Keines der Kinder war älter als zehn Jahre, eigentlich hätten sie zu dieser Uhrzeit in der Schule sein müssen. Aus einiger Entfernung beobachteten Mitarbeiter von Hilfsorganisationen das ungewöhnliche Spektakel - und unterhielten sich einfach weiter.
Beiläufigkeit kann tödlich werden
Wenn Journalisten zum ersten Mal hierher kommen, sind sie verwirrt, wütend, sogar verängstigt. Aber nach einiger Zeit verhalten auch sie sich wie eines der TV-Teams am Mittwoch: Sie machten Scherze, während das Tränengas und die umherfliegenden Steine ihre Live-Berichterstattung unterbrachen.
Diese Beiläufigkeit kann tödlich werden. Menschen wurden verletzt, brachen sich das Knie, bluteten am Kopf. Und nicht selten brechen am helllichten Tag Kämpfe zwischen Flüchtlingen verschiedener Ethnien aus, die manchmal mit Eisenstangen bewaffnet aufeinander losgehen.
Doch nicht die Zusammenstöße zwischen Flüchtlingen und Polizisten erstaunten die Menschen am Mittwoch am meisten, sondern der Besuch von griechischen Steuerfahndern. Sie befragten Flüchtlinge, die Eier, Olivenöl, Zigaretten und Brot in dem Camp verkaufen. Diese Untersuchungen der Inspektoren hatten etwas unfreiwillig Komisches, komplett Surreales an sich. Hochseriöse Beamte, die diese Barackenstadt mitten in Europa aufsuchen, diesen kleinen Staat im Staat, der nach seinen eigenen Gesetzen funktioniert und seine eigenen Viertel, Vororte, Geschäfte und seinen eigenen Tagesrhythmus hat.
Wenn man lang genug hier ist, kann man durch nichts mehr aus der Ruhe gebracht werden. Man fragt sich einfach nicht mehr: Kann so etwas wirklich mitten in Europa passieren? Die ständige Gewalt. Kinder, die in absoluter Armut leben und mit Steinen spielen. Die schwangeren Frauen, die in nassen Zelten schlafen müssen. Alte Menschen, die stundenlang anstehen müssen, um eine warme Mahlzeit zu bekommen.
Dem griechischen Philosophen Aristoteles zufolge ist die Gewohnheit die zweite Natur des Menschen. In Idomeni betäubt uns die Gewohnheit und macht uns blind für die Gewalt und die Verzweiflung um uns herum.
Zusammengefasst: Im improvisierten Flüchtlingscamp in Idomeni ist die Gewalt zu etwas Alltäglichem geworden. Und das Elend: Kinder, die in absoluter Armut leben und mit Steinen spielen. Schwangere Frauen, die in nassen Zelten schlafen müssen. Alte, die für eine warme Mahlzeit stundenlang anstehen müssen. Wer lange genug hier ist, stumpft ab und nimmt die Bedingungen vor Ort hin.