Flüchtlingselend im Libanon: 60 Quadratmeter, 33 Einwohner - DER SPIEGEL
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Flüchtlingselend im Libanon 60 Quadratmeter, 33 Einwohner

Kein Heim, kein Schutz, keine Privatsphäre: Die Lebensbedingungen palästinensischer Flüchtlinge im Libanon sind dramatisch schlecht - durch die Kämpfe um das Lager Naher el-Bared verschlimmert sich die Lage zusehens. Schon jetzt leben in der Zwei-Zimmer-Wohnung von Yassir Elas 33 Menschen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Naher el-Bared - Gespannte Ruhe im Norden des Libanon: Rund um das Lager Naher el-Bared hat sich die Armee eingegraben und wartet seit Tagen darauf, endlich losschlagen zu dürfen - im Camp halten sich mehrere Hundert Kämpfer der radikalislamischen Fatah-al-Islam verschanzt.

Tagsüber ist es ruhig, nachts wird geschossen. Nicht ständig, aber doch oft genug, um jeden Morgen ein paar Tausend verschreckte Zivilisten aus dem Camp fliehen zu lassen, das sie ihr Zuhause nennen. Eine friedliche Lösung ist nicht in Sicht, wird aber von allen Seiten beschworen - bis auf die zum Märtyrer-Tod bereiten Kämpfer der Fatah-al-Islam. So weit die Nachrichten.

Die Mehrheit der Libanesen würde es begrüßen, wenn die Kämpfer der islamistischen Miliz sich zur Aufgabe überreden ließen, die Palästinenser die Unruhestifter in ihrer Mitte zur Räson brächten oder mit Waffengewalt ausschalten würden. Unberechenbarer wäre es, würde die libanesische Armee eingreifen - und die Fatah-al-Islam in einer Großoffensive ausmerzen. Da immer noch Tausende Zivilisten in Naher el-Bared ausharren, wären zivile Verluste bei einem solchen Szenario wohl nicht zu vermeiden.

Zudem könnte sich durch ein gewaltsames Eingreifen der Armee die Krise auf die benachbarten Flüchtlingslager ausdehnen. Yassir Elas, lebt im acht Kilometer entfernten Bardawi Camp. Der Ingenieur im Dienst der Lagerleitung spricht aus, was viele hier denken: "Wenn das passiert, werden wir nicht untätig zusehen. Die Camps werden einander verteidigen, sollte es in Naher el-Bared ein Massaker geben, ziehen wir alle in den Krieg."

Etwa 20.000 Flüchtlinge aus dem umkämpften Lager haben im Bardawi Camp Zuflucht gefunden, die Bevölkerung des Lagers de facto verdoppelt. Für den 35-jährigen Elas, der zur Großfamilie der Mourabis gehört, heißt das vier plus neunundzwanzig. Genau so viele Verwandte beherbergt er seit Beginn der Krise in seiner Zweizimmer- Wohnung, geschätzte Größe 60 Quadratmeter. Gegessen wird umschichtig, als wir eintreffen, haben sich Frauen und Kleinkinder um das Wachstischtuch versammelt, das auf dem nackten Steinboden liegt. Es gibt Reis und Bohnen in roter Soße, etwas Salat und Brot. Es ist wenig Nahrung für viele Münder.

In einigen Gassen ist der Himmel nicht mehr zu sehen

Die Drohungen, die Elas ausspricht, zeigen wie tief das Misstrauen zwischen Libanesen und Palästinensern ist. Die Lebensumständen der Flüchtlinge sind elend, auch in Friedenszeiten. Die etwa 400.000 Menschen sind seit 1948 im Libanon als Gäste geduldet, erhalten aber keine Staatsangehörigkeit, haben nur begrenzten Zugang zu höherer Bildung und besser bezahlten Berufen.

Bis zu 200.000 Palästinenser, so wird geschätzt, leben heute in libanesischen Wohnvierteln - noch mal so viele in zwölf Camps, auf winzigen Flächen. Nach der Gründung Israels und der daraus resultierenden Vertreibung der Palästinenser wurden Zeltstädte für die Flüchtlinge errichtet. Inzwischen sind es extrem verdichtete Slums, in denen sich Wohnungen aus rohem Beton bis zu acht Stockwerke hoch ineinander verschachteln. Lagen die Camps früher in den Außenbezirken, sind viele von ihnen inzwischen von der nächsten Stadt umwuchert worden.

"Wenn die Libanesen beim Kampf mit den Islamisten palästinensische Bürger töten, werden wir alle aufstehen und kämpfen"

Bardawi liegt heute mitten in einem Wohnviertel der Großstadt Tripoli. Gut situierte Libanesen haben von ihren Balkonen beste Aussicht auf das auf 900 mal 900 Meter gedrängte Slumleben zu ihren Füßen. An den beiden Hauptzugängen wachen Soldaten der libanesische Armee, deren Befugnis im Camp selbst endet: Die Palästinenser regeln Sicherheitsfragen im Lager in Eigenregie.

Das Leben im Lager ist schwer. Wohnen, Arbeiten, Leben vermischt sich hier auf engstem Raum. In einem winzigen Internetcafe, ausgestattet mit vier Rechnern, arbeitet ein junger Mann. Und er lebt dort, tagein, tagaus. In der sechs Quadratmeter kleinen Behausung schläft auch seine Familie, sieben Menschen, auf Matratzen und verdreckten Bürosofas. Gekocht wird in einem per Vorhang abgetrennten Raum, hier ist auch ein Klo und ein Wasserschlauch - das ist die Dusche.

Ein individuelles Leben ist unter solchen Umständen kaum zu vorstellbar: keine Privatsphäre, der Lärm endet nie, überall türmt sich Dreck. Totgetretenen, fingerlange Kakerlaken kleben am Fußboden, aus leckenden Abwasserrohren rinnt Kloake, es stinkt. Die Häuser, immer weiter aufgestockt, wachsen nach oben in die Breite. In einigen Gassen ist der Himmel kaum noch zu sehen. Zudem baumeln zu Tausenden selbst verlegte Strom- und Telefonleitungen über die Wege, schneiden den Camphimmel in Scheibchen.

Trotz alledem: Die Lager sind den Palästinensern zum Zuhause geworden, dass sie unter keinen Umständen verlieren wollen. "Wir sind vorgestern aus Naher el-Bared geflohen", erzählt Saleh Dirbas. Dort sei die Lage einfach unerträglich geworden, jetzt hat er mit Frau und zwei Kindern bei seinem Cousin Elas Unterschlupf gefunden. "Ich bin 42, mein ganzes Leben habe ich gearbeitet, um im vergangenen Jahr ein Zimmer für uns vier an die Wohnung meiner Eltern anbauen zu können." Sein Heim zurückzulassen, habe ihm in der Seele wehgetan. Tausende andere, die noch in Naher el-Bared ausharrten, nähmen lieber den Tod in Kauf, als wieder alles zu verlieren, berichtet er. Dirbas entschuldigt sich fast dafür, dass er aus dem umkämpften Lager geflohen ist: "Es war nur wegen der Kinder."

Dirbas ist dafür, dass die libanesische Armee mit der Fatah-al-Islam aufräumen soll: Wie die Soldaten das hin bekommen sollen, ohne dass dabei Zivilisten zu Schaden kommen, weiß er aber auch nicht. Nur eins steht fest: "Wenn die Libanesen beim Kampf mit den Islamisten palästinensische Bürger töten, werden wir alle aufstehen und kämpfen", sagt der Bauingenieur. "Wir kochen. Wir sind randvoll."