Friedensnobelpreis: Die Schreie der Verwundeten - Kolumne - DER SPIEGEL
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Jakob Augstein

meinung •Friedensnobelpreis Die Schreie der Verwundeten

Am Freitag wird der Friedensnobelpreisträger bekannt gegeben. Aber überall herrscht Krieg. Ist der wichtigste Preis der Welt also überflüssig? Nein! Die Welt braucht Zeichen der Hoffnung.
Zerstörungen im syrischen Aleppo nach einem Luftangriff
Zerstörungen im syrischen Aleppo nach einem Luftangriff

Zerstörungen im syrischen Aleppo nach einem Luftangriff

Foto: BARAA AL-HALABI/ AFP
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"Jeder sitzt unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum, und niemand schreckt ihn auf", so beschreibt der Prophet Micha den Weltfrieden. Das kann er erst einmal vergessen. Auf allen Kontinenten bekämpfen sich die Menschen mit Pistolen und Gewehren, mit Hubschraubern und Haubitzen, mit Panzern und Raketen, mit Messern, Knüppeln und Macheten, und wenn sie nichts anderes mehr haben, mit den bloßen Fäusten. Sie werden des Gemetzels nicht müde.

Ist der Friedensnobelpreis, dessen Träger in dieser Woche bekannt gegeben wird, darum ein Hohn? Im Gegenteil! (Stimmen Sie hier ab, wem Sie den Preis verleihen würden.)

Es wird wieder schön werden. Norwegen im Winter, Oslo, die Schöne, Dunkle. König Harald erwartet die Preisträger in seinem Schloss. Nach dem Empfang begleiten Kronprinz Haakon und Prinzessin Mette-Marit die Glücklichen zur festlichen Verleihung ins Rathaus. Alles ein bisschen wie in einem Disney-Film.

Die Realität, um die es geht, sieht anders aus. Aleppo ist die Realität, Kinder, deren tote Körper aus dem Schutt geborgen werden, das ist die Realität. Krieg ist nichts, was den Menschen widerfährt. Keine Flut, kein Sturm. Krieg wird von Menschen gemacht.

Der Mensch ist schon mit der Nächstenliebe überfordert

Konrad Lorenz, der Verhaltensforscher, der sich auch mit der menschlichen Aggression befasst hatte, war noch der Ansicht, "daß der Mensch in sehr schneller Evolution begriffen ist, auch was seine Ausstattung mit Instinkten betrifft. Es ist so offensichtlich, daß ein höherer Grad von Fähigkeit zur Menschenliebe die Menschheit retten konnte und es schon mit dem Teufel zu gehen mußte, wenn der Mensch sich nicht in der Richtung größerer Liebesfähigkeit zu entwickeln vermöchte." Aus diesen Worten sprach eine alte Fortschrittsgläubigkeit.

Der ethische Fortschritt des Menschen werde mit dem technologischen Schritt halten. So dass sich die ethischen Prinzipien zu einer immer umfassenderen Ordnung entwickeln, die schließlich alle Menschen einschließt. Aus Nächstenliebe wird Fernstenliebe.

Aber in Wahrheit ist der Mensch schon mit der Nächstenliebe überfordert.

Und Zivilisation kann auch einfach verloren gehen. Wir müssen für diese Erkenntnis nicht nach Potocari fahren, jenes Dorf im Osten von Bosnien-Herzegowina, wo die Gedenkstätte für das Massaker von Srebrenica liegt. Es genügt, wenn wir in die hasserfüllten Gesichter der Menschen in Sachsen sehen. Wie viele von diesen Leuten würden auf alles schießen, was sich bewegt, wenn man ihnen eine Waffe und die Erlaubnis gäbe?

Krieg sei heute in Europa unvorstellbar, sagte der damalige europäische Ratspräsident Herman Van Rompuy im Jahr 2012 - aber nicht unmöglich. Damals hatte die Europäische Union den Friedensnobelpreis erhalten. Es war eine Entscheidung des Norwegischen Komitees, die viel Kritik erfahren hat.

Im Nachhinein blieb nur noch bitterer Spott: Dieses Europa, das sich im Angesicht der Flüchtlingskrise als egoistisch, kleingeistig und ängstlich erwiesen hat, schien nicht mehr nobelpreiswürdig zu sein. Und überhaupt habe der ganze Preis in dieser Welt keinen Platz. Aber nur in dieser Welt wird er gebraucht. Es ist ein Preis, der aus dem Krieg entstanden ist.

Stahl und Schreie, Splitter und Tumult, Rauch und Lärm, Angst und Dreck, verzerrte Gesichter, aufgerissene Augen, zerschmetterte Körper, Ströme von Blut: 40.000 Tote und Verwundete forderte die Schlacht von Solferino am 24. Juni 1859. Diese Männer hatten sich als Österreicher, Sardinier und Franzosen bekämpft. Aber für die Menschen aus den umliegenden Dörfern, die nachher als Helfer auf das Schlachtfeld kamen, waren sie bald nur noch "tutti fratelli", alles Brüder!

Ein Preis für eine Menschheit, die den Frieden nicht schätzt

"Die Schreie der Verwundeten" heißt der große Essay, in dem der viel zu früh verstorbene Henning Ritter über die Geschichte des Mitleids schreibt. Diese Schreie klingen immer gleich, egal woher einer kommt, an was er glaubt, wofür er kämpft. Nicht das Glück verbindet die Menschen, sondern das Leid. Der Schweizer Henry Dunant, der über das Schlachtfeld von Solferino gegangen war, hatte die Schreie der Verwundeten gehört.

Danach gründete er das Internationale Komitee vom Roten Kreuz. Er war der erste Träger des Friedensnobelpreises.

Seit 1901 verleiht das Norwegische Komitee den Preis an denjenigen, "der die meiste oder beste Arbeit geleistet hat für die Brüderlichkeit zwischen Nationen, für die Abschaffung oder Reduzierung stehender Armeen und bei Friedenskonferenzen". Es hat falsche Entscheidungen getroffen - Henry Kissinger hat den Friedensnobelpreis erhalten. Manchmal gibt es sonderbare Kandidaten - gerade werden dem Papst gute Chancen eingeräumt, das ist so, als würde man zusätzlich zum Hosenträger noch den Gürtel nehmen. Aber der Preis wird gebraucht. Es ist ein Preis des Friedens, für eine Menschheit, die den Frieden nicht schätzt. Sein Ziel ist die Hoffnung.

Der Philosoph und frühere britische Großrabbiner Jonathan Sacks hat einmal daran erinnert, dass Optimismus und Hoffnung nicht dasselbe sind. Optimismus ist der Glaube daran, dass die Dinge besser werden. Hoffnung ist der Glaube daran, dass wir die Dinge gemeinsam besser machen können.

Optimismus ist eine passive Tugend, Hoffnung ist eine aktive. "Es bedarf keines Mutes, um ein Optimist zu sein", sagte Sacks, "aber einer Menge, um Hoffnung zu haben."

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Foto: SPIEGEL ONLINE