Gaddafi in Brüssel: Gespräch unter Engeln - DER SPIEGEL
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Gaddafi in Brüssel Gespräch unter Engeln

Seine Leibwächter sind Frauen, die Nacht will er im eingeflogenen Beduinenzelt verbringen: Bei seiner ersten Europareise seit 15 Jahren folgt der libysche Staatschef Gaddafi seinem eigenen Protokoll. EU-Chef Prodi vertraute er seine innige Hoffnung an, dass nicht "irgendetwas Böses" ihn wieder zum Bomben zwingen werde.
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Romano Prodi holte seinen Gast persönlich mit einer langen Wagenkolonne vom Brüsseler Flughafen ab. Mehr als 200 Anhänger des aus seiner internationalen Isolation strebenden Staatschefs begrüßten Gaddafi mit Jubelgesängen, Trommeln und Transparenten mit seinem Foto im Brüsseler Europa-Viertel.

Gaddafi will sich weiter für eine Aufnahme seines Landes in das Mittelmeer-Kooperationsprogramm der EU einsetzen. Ungeachtet des betont herzlichen Empfangs für Gaddafi hat die Kommission die Aufnahme Libyens in den so genannten Barcelona-Prozess von einer Lösung unter anderem der Entschädigungsverhandlungen wegen des Anschlags auf die Berliner Diskothek La Belle abhängig gemacht.

Nach ersten Gesprächen zeigte sich Prodi jedoch zuversichtlich, dass für die Opfer bald ein Weg gefunden werden könnte. "In den nächsten Wochen werden wir zufrieden stellende Lösungen sehen", sagte er nach dem Treffen mit Gaddafi ohne explizit den Namen "La Belle" zu nennen.

Gaddafi selbst sagte nach dem Gespräch mit Prodi, er hoffe, der Westen nehme Libyens Friedensangebot ernst und zwinge sein Land nicht wieder wie in früheren Zeiten "Friedenskämpfer" auszurüsten und zu beheimaten. "Ich hoffe, dass wir nicht durch irgendetwas Böses gezwungen werden, zurück zu gehen oder zu schauen." Er hoffe, fügte Gaddafi hinzu, sein Land müsse nicht zurückkehren in jene Zeiten, "in denen wir unsere Autos in die Luft gesprengt haben und Sprenggürtel um unsere Betten und unsere Frauen gelegt haben." Er wolle nicht, dass seine Landsleute in ihrem Schlafzimmern, in ihren Häusern verfolgt werden, so wie es jetzt im Irak und in Palästina geschehe.

Die Polizei hielt vor dem Kommissionsgebäude Anhänger und Gegner Gaddafis auseinender. Während 200 Menschen Gaddafi mit Freudengesängen begrüßten, riefen 50 Exil-Libyer: "Gaddafi, Terrorist". "Gaddafi ist ein Wolf im Schafspelz", hieß es auf einem Transparent. Ein übereifriger Anhänger Gaddafis gelangte als Sicherheitsbeamter verkleidet in die unmittelbare Nähe des Staatschefs. Während dieser im Kommissionsgebäude Prodi vor Fernsehkameras zum Händedruck traf, trat der Mann plötzlich vor und hielt Gaddafi einen Brief hin. Belgische Sicherheitskräfte zogen ihn weg.

Prodi bemüht sich seit längerem um eine Annäherung Libyens an die EU. Der Besuch in Brüssel wurde erst durch die Bereitschaft Libyens möglich, Entschädigung für Bombenanschläge etwa für die Lockerbie-Opfer zu zahlen und sich zudem von Massenvernichtungswaffen loszusagen. In EU-Kreisen hieß es, möglicherweise werde Gaddafi offiziell die Aufnahme in das EU-Mittelmeerprogramm beantragen. Das Partnerschaftsprogramm regelt Handels- und Kulturbeziehungen der EU mit elf Mittelmeerländern einschließlich Israels. Prodi und Gaddafi kamen in der Kommission unter einem historischen Engelsbild zu einem ersten Gespräch zusammen.

Gaddafi wird in Brüssel in einem Beduinen-Zelt übernachten. Das Zelt im Garten einer Residenz der belgischen Regierung wurde auch mit einer Satellitenantenne ausgestattet. Gaddafi wird auch noch den belgischen Regierungschef Guy Verhofstadt treffen. Für seinen Schutz sorgt unter anderem seine eingeflogene weibliche Leibgarde, die durch leuchtend blaue Kampfanzüge auffällt.

Bei dem Anschlag auf die bei US-Soldaten beliebte Berliner Diskothek La Belle waren 1986 drei Menschen getötet und über 200 verletzt worden. Das Berliner Landgericht hatte 2001 den Geheimdienst Libyens als Urheber bezeichnet. Neben der ausstehenden Einigung über die Entschädigung der La-Belle-Opfer gilt der Fall von sechs bulgarischen Ärzten als Hindernis für eine Annäherung Libyens an die EU. Sie werden in Libyen wegen des Verdachts festgehalten, absichtlich 426 Kinder mit dem Erreger der tödlichen Immunschwächekrankheit Aids infiziert zu haben. Ein Gerichtsurteil dazu wird am 6. Mai erwartet.