Gastkommentar: Der nächste IWF-Chef muss Europäer sein - DER SPIEGEL
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Nachfolgedebatte: Kandidaten für IWF-Chefposten

Foto: Andrew Gombert/ AP

Gastkommentar Der nächste IWF-Chef muss Europäer sein

Dominique Strauss-Kahn wird nicht mehr lange IWF-Chef sein - die Debatte über den Nachfolger ist entbrannt. Für Thomas Kleine-Brockhoff vom Washingtoner Think Tank German Marshall Fund kommt nur ein Europäer für den Posten in Frage - sonst verliere Europa noch mehr Respekt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der nächste Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), sollte kurzfristig einer gebraucht werden, wird zwei Aufgaben haben: Er muss helfen, die europäische Gemeinschaftswährung zu stabilisieren und den Übergang von der westlichen in die multipolare Welt institutionell und finanziell abzusichern.

Das darf kein Europäer machen, schallt es aus der Echokammer der öffentlichen Meinung. Die Zeit sei reif für einen Inder, einen Brasilianer oder einen Südafrikaner. Das sagen nicht allein Inder, Brasilianer und Südafrikaner. Nein, auf SPIEGEL ONLINE argumentiert auch Thorsten Benner vom Berliner Global Public Policy Institute, der IWF-Chef dürfe nicht länger "europäische Manövriermasse" sein.

Es ist ja wahr: Europa muss sich in den Gremien der Global Governance anders aufstellen. Es sind Gebilde der Nachkriegszeit, und dort ist der Kontinent überrepräsentiert, auch im IWF. Europas Klein- und Relativklein-Staaten reklamieren in globalen Zirkeln extensiv Redezeit für sich.

Mit bizarren Folgen, wie Pascal Lamy beschreibt. Der Generaldirektor der Welthandelsorganisation sagt: "Wenn ein Europäer das Wort ergreift und danach noch ein Europäer zum selben Thema spricht, hört niemand zu. Entweder sagen sie dasselbe, dann wird es langweilig; oder sie sagen nicht dasselbe, dann beeinflussen sie das Ergebnis nicht." Das wird sich erst ändern, wenn Europa die Zahl derer reduziert, die für den Kontinent sprechen.

Erst dann können auch die Schwellenländer jenes Europa ernst nehmen, das sie bisher für einen Flohzirkus halten. Am Ende dieses Prozesses wird Europa mehr Einfluss haben, nicht weniger. Wenn Europa seine Macht bündelt und damit zugleich Platz macht für die aufstrebenden Wirtschaftmächte, hält es jene globalen Institutionen lebensfähig, die am Ende seinen Interessen dienlich sind.

Diese Idee unterstützt auch Thorsten Benner. Allerdings irrt er in der Annahme, es sei etwas gewonnen, wenn Europa einfach sein Gewohnheitsrecht aufgibt und nicht länger den geschäftsführenden Direktor des IWF nominiert. Guter Wille und vorbildhaftes Verhalten reichen nicht aus, werden womöglich nicht belohnt.

Machttransfer will orchestriert sein.

Erst im vergangenen Herbst waren fünf Prozent der Stimmrechte und Anteile am IWF an die aufstrebenden Staaten übertragen worden. Europa hatte nur nach langem Gezerre und auf Druck der Vereinigten Staaten zugestimmt. Die USA wollten Indien und den anderen asiatischen Verbündeten gefallen und spielten deshalb eine zwiespältige Rolle.

Dabei wird relativer Machtverlust zukünftig auch die USA treffen. Es handelt sich um ein westliches, kein rein europäisches Phänomen. Deshalb darf Europa Zugeständnisse an Schwellenländer nur noch im Takt mit Amerika machen. Wenn Europa auf das Recht verzichtet, den IWF-Chef zu nominieren, kann Amerika nicht länger den Präsidenten der Weltbank benennen wollen. Wenn Europa auf weitere Stimmrechtsanteile verzichtet, muss Amerika das auch tun - und damit auf seine Vetomacht im IWF verzichten.

Das Nominierungsrecht aufzugeben ist keine Lösung

Auch die Schwellenländer werden einen Preis für den euroamerikanischen Kompromisswillen zahlen müssen. Zu denken wäre an Mandatsveränderungen des IWF. Machtübertragung ist Verhandlungssache. Lösungen sollte es nur im Paket geben. Einfach ein Nominierungsrecht aufzugeben, wenn mal eine Stelle frei wird, ist keine Lösung.

Solche Verhandlungen der Anteilseigner können dauern, mitunter Jahre. Unterdessen wird der nächste IWF-Chef seinen Job machen müssen. Sein zentrales Bewährungsfeld wird die Euro-Krise sein. Ohne den IWF wird es für Europa keine Lösung geben. Muss, wenn es um Europa geht, der Chef ein Europäer sein? Nein, sagt Thorsten Benner: "Während der lateinamerikanischen oder asiatischen Finanzkrisen hat auch kein Europäer argumentiert, dass es einen Arzt aus der betroffenen Region brauche, um bittere IWF-Reformmedizin zusammenzumischen und verabreichen." Das stimmt ohne Zweifel.

Aber die Fälle sind nicht vergleichbar. Frühere Finanzkrisen trafen Nationalstaaten. Diesmal handelt es sich um eine Währungsunion ohne die Steuerungsinstrumente der politischen Union. In den vergangenen beiden Jahren spielte der Währungsfonds jene disziplinierende Rolle, die niemand sonst in Europa übernehmen konnte - und verfassungsgemäß durfte.

Chef des IWF als Hüter der Einheit

Die Rolle des IWF war deshalb ebenso ökonomisch wie politisch. Sie erforderte außerordentliches Fingerspitzengefühl für das Machbare. Es handelte sich nicht nur um ein Generikum der Ökonomie, das Europa verabreicht wurde. In gewissem Sinne war der Chef des IWF der beste Europäer, eine Art Hüter der Einheit. Dass er dieses komplizierte Europa kannte und verstand, ja, dass er Europäer war und ist, das wurde zur Voraussetzung für seinen Erfolg im Amt. An diesen Rahmenbedingungen hat sich einstweilen nichts geändert.

Der übernächste Chef des IWF wird mit der Euro-Krise - hoffentlich - nichts mehr zu schaffen haben. Er dürfte kein Europäer sein, so wenig wie der übernächste Weltbank-Präsident ein Amerikaner.

Thomas Kleine-Brockhoff ist Mitglied der Geschäftsleitung des German Marshall Funds of the United States (GMF) in Washington