Geiseldrama um Südkoreaner Deal mit riesigem Risiko
Berlin/Kabul/Seoul Erfolge sind in Afghanistan oft zweischneidig, vor allem wenn es um die Lösung von Geiselnahmen geht. Trotzdem überwog am Dienstag erst mal die Freude, als die vier angereisten Taliban-Vertreter vom Internationalen Roten Kreuz nach einem Gespräch mit südkoreanischen Diplomaten zurück in ihr Hoheitsgebiet im Süden der Provinz Ghazni chauffiert wurden.
Kurz vorher hatten sie und die Regierung in Seoul die gute Nachricht des Tages verbreitet: Die 19 von den Taliban gekidnappten Südkoreaner würden vermutlich schon am Donnerstag freigelassen, sagte einer der Unterhändler.
Den Transport der Geiseln nach Ghazni-Stadt werde vermutlich wieder das Rote Kreuz übernehmen. Die Angehörigen der gekidnappten christlichen Wiederaufbauhelfer jubelten: "Ich könnte tanzen vor Freude", sagte Cho Myung-ho, deren 18-jährige Tochter Lee Joo-yeon seit mehr als einem Monat in der Gewalt der Taliban ist.
Auch die Regierung gab den Durchbruch offiziell bekannt. Der Sprecher des Präsidenten nannte allerdings auch die Bedingungen für die schnelle Freilassung. Demnach kämen die 19 Geiseln nur "unter der Voraussetzung frei, dass sich die südkoreanischen Truppen und auch alle Missionare bis Ende des Jahres aus Afghanistan zurückziehen". Dies habe Seoul den Taliban zugesagt. Südkorea hatte schon vorher geplant, seine Truppen bis 2008 zurückzuziehen.
Befehl von Mullah Omar
Maßgeblich angestoßen hatte die Einigung in dem Drama, in dessen Verlauf bereits zwei männliche Geiseln erschossen worden waren, der Taliban-Chef Mullah Omar. Er hatte seine Kommandeure nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen am Montag in einem schriftlichen Befehl angewiesen, neue Verhandlungen über eine Freilassung anzustreben.
Omar, der seit Jahren untergetaucht ist, wies vor allem auf das Schicksal der Frauen in der Geiselgruppe hin. "Wir haben kein Recht, die Ehre von Frauen zu stören", schrieb Omar demnach an die Kämpfer. Von Beobachtern wurde die Note als deutliche Aufforderung gesehen, die Geiselnahme zu beenden. Bisher hatte sich Omar nie direkt in die Verhandlungen eingemischt.
Auf den ersten Blick erscheint die Lösung in dem Fall als Erfolg der direkten Diplomatie. So hatte Seoul so oder so vor, seine Truppen aus Afghanistan zurückzuholen. Dass das Land nun auch keine Aufbauhelfer mehr schicken darf, scheint im Lichte des Schicksals der 19 Geiseln verschmerzbar. Reisen an den Hindukusch hatte die Regierung verboten.
Außerdem rückten die Taliban oberflächlich gesehen von ihrer Forderung ab, inhaftierte Kämpfer müssten freigelassen werden. Folglich könnte man von einem Erfolg sprechen, der das Leben der 19 Geiseln gerettet hat.
Die afghanische Wirklichkeit ist indes komplizierter.
Hinter dem Deal tauchen schon jetzt viele Fragezeichen auf. So sorgen sich westliche Regierungen vor dem Signal, das der Durchbruch aussendet. "In jedem Fall wurde mit den Taliban verhandelt und es wurden Zugeständnisse gemacht", sagte ein hoher Beamter der Bundesregierung, "das werden sich die Kommandeure gut für die Zukunft merken".
Aus Washington kamen bisher noch keine Reaktionen. Doch gerade die US-Regierung hatte in den vergangenen Wochen klar gemacht, dass man gegenüber den Taliban absolute Härte zeigen müsste. Auch auf Kabul machte Washington enormen Druck. In keinem Fall, so die Linie, dürfte eine Freilassung von Kämpfern für die Geiseln arrangiert werden.
"Entführungen lohnen sich mehr denn je"
Die Sorge in Berlin und Washington ist stets die gleiche: Die Sicherheitsbehörden wissen, dass Zugeständnisse an die Taliban weitere Entführungen nach sich ziehen. Besonders scharf hatten die USA deshalb die Freilassung von fünf Kämpfern für einen italienischen Reporter im Frühjahr 2007 gegeißelt.
Nun sehen sich die Analysten vor einem neuen Problem. Ein Geheimdienstler in Berlin: "So schön der Deal auch erscheint, so haben die Taliban doch mit den Geiseln zumindest symbolisch den Abzug einer ganzen Nation erzwungen." Auch wenn sich Südkorea so oder so zurückziehen wollte, sei die Logik für die Taliban klar: "Entführungen lohnen sich mehr denn je."
Bei genauerer Betrachtung wirkt auch das scheinbare Abrücken der Taliban von ihren Forderungen nicht ganz so positiv. Erstens wussten die Strategen spätestens seit dem USA-Besuch des afghanischen Präsidenten Karzai, dass es in keinem Fall zur Freilassung von Kämpfern kommen wird. Zweitens sorgte sich die Taliban-Führung schon länger wegen der Entführung von Frauen. Nach dem Koran gilt dies als unislamisch. Es regte sich bereits Widerstand wichtiger lokaler Unterstützer. Folglich waren die Anweisungen von Mullah Omar nur logisch. Besser man bekommt einen psychologischen Erfolg als gar keinen, scheint seine Leitlinie zu sein. Eine Hinrichtung hätte die Taliban nur diskreditiert.
So aber haben die Gotteskrieger einen wichtigen Erfolg erzielt. Ganz plötzlich erscheinen sie international als Gruppe, mit der man ernsthaft verhandeln muss. Zudem ergaben sich durch die Gespräche Auftritte, die noch vor Monaten undenkbar waren: Taliban-Vetreter traten in Ghazni vor die Presse, wurden unter Schutzzusagen zu den Meetings chauffiert und mussten sich keine Sorgen um ihre Sicherheit machen.
Symbolisch waren diese Auftritte von unschätzbarem Wert. Die Bilder, die um die Welt gingen, stellten die von den USA nach dem 11. September 2001 vertriebenen Taliban als das dar, was sie sein wollen ein stabiler Machtfaktor, ohne den in Afghanistan nichts mehr geht.
Machtvolles Getöse von den Kommandeuren
In den kommenden Tagen bleibt abzuwarten, ob sich die Taliban an den ausgehandelten Deal halten. Der Kommandeur Mullah Abdullah, der die Gespräche maßgeblich lenkte, sagte SPIEGEL ONLINE, man warte auf Signale für den Truppenrückzug und werde dann entscheiden. "Wir warten auf Handlungen", sagte der Kommandeur mit drohender Stimme.
Detailliert beschrieb er seine Sicht des Deals. Demnach müssten nicht nur Truppen und Helfer abziehen. "Seoul hat uns zugesichert, dass alle Südkoreaner das Land verlassen werden", sagte er von einem unbekannten Ort über Telefon. Wenn dies geschehe, könne schon am Mittwoch mit der Freilassung begonnen werden.
Doch Kommandeure wie Mullah Abdullah machen aus ihrer Haltung keinen Hehl. Für ihn ist der Deal mit Seoul nur ein Eingeständnis von der anderen Seite. "Wir werden unseren Kampf weiterführen", sagte er. Solchen brachialen Ankündigungen ließ der Kämpfer dann auch gleich Drohungen folgen. "Wenn wir nach 2008 noch einen einzigen Südkoreaner in Afghanistan schnappen werden wir ihn ohne jede Verhandlungen töten", sagte er.
So sehr die wüsten Drohungen in das Kalkül der Krieger passen, so passend illustrieren sie die Hochstimmung, an der die Taliban sich berauschen. Der Durchbruch von Ghazni ist für sie nur ein Schritt zu mehr Macht im Land am Hindukusch.