Geiseln wieder daheim "Endlich ist es vorbei"
Paris - Nach viermonatiger Geiselhaft haben die beiden französischen Journalisten Christian Chesnot und Georges Malbrunot heute den Irak verlassen und kamen am Abend in Paris an. Sie wurden von ihren Familien und Staatspräsident Jacques Chirac persönlich begrüßt.
Vor den zahlreichen am Flughafen wartenden Journalisten sagte Malbrunot: "Es geht uns gut. Wir haben eine harte Prüfung durchgemacht, manchmal war es sehr hart, aber wir haben nicht die Hoffnung verloren." Sein Kollege Chesnot fügte hinzu, sie seien nicht misshandelt worden. Der 38-Jährige stotterte zuweilen beim Sprechen und schien Gewicht verloren zu haben.
Freilassung kam vollkommen unerwartet
Malbrunot berichtete, nach ihrer Entführung am 20. August seien er, Chesnot und ihr syrischer Fahrer Mohammed al Dschundi zunächst in einem Vorort von Bagdad festgehalten worden. Die Geiselnehmer hätten aber vier Mal ihr Versteck gewechselt. Für diese Transporte per Lastwagen wurden die Geiseln gefesselt und mit Laken bedeckt. "Sie haben uns gesagt, sie müssten uns aus Sicherheitsgründen verlegen", sagte Malbrunot. Die Freilassung sei für ihn vollkommen unerwartet nach einem weiteren Transport erfolgt. "Als ich aus dem Kofferraum eines Mercedes' stieg und die französische Flagge sah, sagte ich mir: 'Endlich ist es vorbei'", erzählte der 41-Jährige.
Nach Angaben von Ministerpräsident Raffarin wurde die Freilassung ausschließlich durch Verhandlungen erzielt, ein Lösegeld sei nicht gezahlt worden. Laut einem Bericht der Tageszeitung "Le Monde" trug auch der Großangriff der US-Truppen auf die irakische Rebellenhochburg Falludscha, wo die beiden Franzosen "fast bis zum Ende" festgehalten worden seien, zur Beendigung des Geiseldramas bei. Durch den Angriff hätten die Entführer schlicht und einfach ihren Unterschlupf verloren, zitierte "Le Monde" aus französischen Geheimdienstkreisen. Der mit den beiden Journalisten entführte Syrer Al Dschundi war bereits im November von US-Soldaten in Falludscha gefunden worden.
Der arabische Sender al-Dschasira erhielt gestern eine Erklärung der Organisation Islamische Armee im Irak. Darin hieß es, die beiden Franzosen seien freigelassen worden, nachdem sich gezeigt habe, dass sie keine Spione der USA seien. Zudem seien die Appelle zahlreicher islamischer Gruppen sowie die US-kritische Haltung der französischen Regierung ausschlaggebend gewesen.
Die Geiselnehmer hatten ursprünglich die Aufhebung des Kopftuchverbots an französischen Schulen gefordert; das neue Gesetz trat wie geplant im September in Kraft. Raffarin bezeichnete die Freilassung als "Ergebnis beständiger, schwieriger und diskreter Arbeit". Die Verhandlungen seien über Mittelsmänner gelaufen. Der sozialistische Abgeordnete Jean-Marc Ayrault sagte: "Wir haben uns nicht erpressen lassen Ungeachtet politischer, religiöser oder philosophischer Standpunkte sind alle zusammengerückt."
Tatsächlich nahm ganz Frankreich großen Anteil an dem Geiseldrama. Mehrere Zeitungen druckten tägliche Berichte. Prominente wie die Schauspielerinnen Catherine Deneuve und Juliette Binoche hielten jeden Tag eine kleine Radioansprache, um die Zuhörer an das Schicksal der Journalisten zu erinnern. Die Organisation Reporter ohne Grenzen hängte zwei riesige Plakate mit den Porträts von Chesnot und Malbrunot am Pariser Rathaus auf. Diese wurden heute abgenommen.
Bombe tötet fünfköpfige Familie
Bei der Explosion eines Sprengsatzes sind heute in Bagdad fünf Mitglieder einer Familie in ihrem Fahrzeug getötet worden. Dies berichtete der arabische Nachrichtensender al-Arabija. Die Bombe detonierte am Straßenrand. Der Zwischenfall ereignete sich an einer Straße, die häufig von US-Militärkonvois benutzt wird.
Bei einer Schießerei in Nadschaf wurden ein Aufständischer und ein Polizist getötet. Sicherheitskräfte stürmten am frühen Morgen ein Wohnhaus, wie die Polizei mitteilte. Vier mutmaßliche Rebellen seien festgenommen worden.
Iran macht Grenzen dicht
Iran hat angesichts der Gewalt im Irak seine Grenze zum Nachbarland geschlossen. Die Verfügung gelte bis auf weiteres, zitierte die Nachrichtenagentur Irna heute eine amtliche Mitteilung. "Die Grenze zum Irak ist ab sofort geschlossen", heißt es darin. Das Verbot bleibe so lange in Kraft, bis sich die Sicherheitslage im Nachbarland wieder gebessert habe.
Die Erklärung der Behörden richtet sich an Iraner, die Fahrten zu Pilgerstätten im Irak planen. Die Erklärung warnt ausdrücklich vor allen Versuchen, die Grenzen illegal zu überschreiten.
Wahlen im Januar: 73 Parteien treten an
Bei den ersten freien Wahlen im Irak am 30. Januar bewerben sich 73 politische Parteien oder Bündnisse um die 275 Sitze im Nationalparlament. Hinzu kommen 25 Einzelkandidaten. Das teilte der Sprecher der unabhängigen Wahlkommission, Farid Ajar, heute in der Hauptstadt Bagdad mit. Der Kommissionsvorsitzende Hussein Hendawi bestätigte den Termin am selben Tag bei einer Anhörung im Übergangsnationalrat. Ursprünglich hatten sich mehr als 200 Parteien bei der Kommission gemeldet. Viele von ihnen haben sich inzwischen zu Wahlbündnissen zusammengeschlossen. Die Platzierung auf dem Wahlschein wurde durch eine Lotterie entschieden.
Als aussichtsreichstes Bündnis gilt der schiitische Block Vereinigte Irakische Allianz, dem 22 Parteien und Gruppierungen angehören. Die beiden großen kurdischen Parteien treten ebenfalls gemeinsam an. Übergangsministerpräsident Ijad Alawi, ein moderater Schiit mit enger Bindung an die USA, setzt auf eine eigene Liste.
Neue US-Dokumente über Misshandlungen im Irak
In Washington wurden neue Fälle von Misshandlungen irakischer Gefangener durch amerikanische Soldaten bekannt. Nach Angaben der US-Bürgerrechtsvereinigung ACLU geht aus internen Unterlagen der Streitkräfte hervor, dass mehr Häftlinge als bislang bekannt unter verdächtigen Umständen zu Tode kamen. So werde gegen einen Unteroffizier ermittelt, der einem Gefangenen eine Schusswaffe geben wollte, um so einen Tötungsvorwand zu provozieren.
Der Unteroffizier soll seinen Soldaten gesagt haben: "Erschießt ihn, wenn er nach der Waffe greift!" Der Gefangene, ein irakischer Museumsaufseher, weigerte sich jedoch, die Waffe zu nehmen. Regierungssprecher Scott McClellan erklärte, dass alle Berichte von Übergriffen im Irak umfassend untersucht würden.