Generalangriff Gore rechnet mit Amerika ab
New York - Al Gore hat die Nase voll. Besser gesagt: Er schäumt vor Wut. Wut auf US-Präsident George W. Bush, dessen "reaktionäre Ideologie" nur von seinem "epischen Versagen" übertroffen werde. Wut auf die eigenen, ideenlosen Parteifreunde. Wut auf die zu reinen "Profitzentren" verkommenen Medien. Vor allem aber Wut auf Amerika überhaupt - diese einst so stolze Nation, deren Bürger immer dümmer, ignoranter, apathischer würden.
Unkenrufe aus dem politischen Exil: "The Assault on Reason" ("Der Angriff auf die Vernunft") heißt es, das neue Buch des früheren Vizepräsidenten und gescheiterten Präsidentschaftskandidaten. Seit gestern im Handel, ist es eine Generalabrechnung mit den heutigen USA, ein Rundumschlag im Stil seines Weltbestsellers "An Inconvenient Truth": ketzerisch, ernst, doch humorvoll und, obwohl mit Besserwissereien und philosophischen Exkursen gespickt, ein Page Turner - ein papierner Straßenfeger, der gleich auf Platz 3 der Amazon-Rangliste debütierte.
Wichtiger noch: Es ist das leidenschaftlichste Wahlprogramm der Saison - verfasst von einem, der bekanntlich (noch) nicht kandidiert und das bei jeder Gelegenheit betont. So auch gestern wieder, beim üblichen Lesereisen-Zwischenstopp im Studio von CNN-Cheftalker Larry King, wo er sich mit gekonnter Galanterie herausredete - und zugleich alles offen hielt: "Ich erwäge nicht, ein Kandidat zu sein. Ich habe keine Pläne, ein Kandidat zu sein." Und dann aber: "Ich habe nicht ausgeschlossen, irgendwann in der Zukunft in Betracht zu ziehen, ein Kandidat zu sein."
Wenn es je ein Argument für eine Gore-Kandidatur gab, so ist es dieses Buch. "Al Gore, unzensiert", betitelte die "Los Angeles Times" ihre Rezension. Das Augenfälligste an diesen 308 Seiten, inklusive 31 Seiten Anmerkungen: Gore, vom Wahlverlierer zum Weltenretter mutiert, nimmt kein Blatt mehr vor den Mund. So wie er in "An Inconvenient Truth" über die Klimakrise Tacheles redete, so geht er nun mit den USA zu Gericht. Denn in beiden Fällen sieht er das gleiche Prinzip: Amerika ignoriere die "unbequemen Wahrheiten", sowohl im Umweltschutz wie in der Politik.
Keine Spur mehr von dem Gore, der im Wahlkampf ungelenk vom Teleprompter ablas, Zielgruppen-totgetestet und von Demoskopen souffliert. Die bisherigen Debattenbeiträge der Präsidentschaftsaspiranten beider Parteien wirken dagegen wie heiße Luft. Gore entlarvt sie als meist leeres Soundbite-Geschwafel - und empfiehlt sich damit als The Real Thing.
"Katastrophal verfehlte Entscheidungen"
Er will aufrütteln. "Amerikas Demokratie ist in Gefahr", postuliert er dramatisch. Diese Gefahr drohe nicht von außen, sondern von innen. Und zwar von eigennützigen Plutokraten, von selbstgerechten Theokraten, von strategischen Panikmachern, von einem korrupten System, vom Zusammenbruch der Kommunikation, von Gleichgültigkeit, Ignoranz, Ungebildetheit, Angst und den Medien als Handlangern dieser Show. "Etwas ist entsetzlich schief gelaufen."
Diese Argumente sind kaum neu. Viele geistern seit Monaten in irgendeiner Form über den US-Buchmarkt, parallel zum Imageverfall Bushs. Viele wurden schon von früheren Visionären vorgezeichnet, man denke nur an Neil Postmans Kulturkritik "Wir amüsieren uns zu Tode" von 1985. Und viele, so macht Gore selbst klar, ahnten sogar die US- Gründerväter bereits, deren verfassungsmäßige Vorsorge heute immer weiter ausgehöhlt werde. Neu jedoch ist die Ballung all dieser Einzelthesen zu einem Manifest von didaktischem Durchmarsch - ein Manifest über Amerika am Abgrund.
Was Gore an Bush und den Demokraten missfällt
Hauptzielscheibe der Gore'schen Wut ist Bush, der Mann, der ihm 2000 den Einzug ins Weiße Haus verwehrte: "Ich habe ihn nicht gewählt", juxte er gestern. Bush, wettert Gore, sei "der Realität entrückt", praktiziere eine "Politik des blinden Glaubens", habe "Furcht missbraucht, um den politischen Prozess zu manipulieren", habe mit "Falschheiten" einen unnötigen Krieg angezettelt und argumentiere nicht anders als Richard Nixon in seinen letzten düsteren Watergate- Tagen ("Wenn ein Präsident etwas tut, dann heißt das, dass es nicht illegal ist").
Solch klaren Worte sind neu im Pietätsreigen des Wahlkampfes. "Seine Rücksichtslosigkeit stellt die Sicherheit und den Schutz des amerikanischen Volkes auf Spiel", schreibt Gore. Bush habe über "eine Serie katatrophal verfehlter Entscheidungen in Fragen von Krieg und Frieden, Weltklima und menschlichem Überleben, Freiheit und Barbarei, Gerechtigkeit und Fairness" präsidiert. Fazit: "Wegen seiner Politik sind wir weniger sicher."
Hypnotisierte Hühner
Doch Bush ist nicht der Einzige, den Gore im Visier hat. Ihn frustrieren auch die eigenen Demokraten: "Gute Menschen, gefangen in einem schlechten System." Er klagt den gesamten Kongress an: "Senatoren haben das Gefühl, dass das, was sie im Plenum sagen, nicht mehr allzu viel zählt." Er eifert gegen Washington schlechthin: Der Wähler gelte dort nur noch als "Ware, die vom höchsten Bieter zu kaufen ist". Und er zeiht seine Landsleute, die sich von Propaganda zudröhnen ließen, des politischen Abschaltens: "Millionen Amerikaner haben einfach aufgehört, Zeitung zu lesen."
Am detailliertesten - und überzeugendsten - aber macht sich Gore über die "Medien-Machiavellis" her: Journalismus sei zum Entertainment verkommen, und das Fernsehen - ein Werkzeug der Manipulation mit dem einzigen Auftrag, Werbegelder einzufahren - flankiere mit seiner "Simulation von Realität" die "beispiellose und andauernde Kampagne der Massentäuschung" des Weißen Hauses nur.
All das vereint sich in Gores Augen zu einem apokalyptischen Strudel. In dem drohten die alten Werte der Republik - deren Entstehung er ausführlich, einleuchtend und geradezu nostalgisch nachzeichnet - unterzugehen.
Gores Diagnose: Die Vernunft, einst Grundlage aller US-Politik, sei heute keinen Cent mehr wert. "Vernunft, Logik und Wahrheit scheinen eine scharf reduzierte Rolle zu spielen dabei, wie Amerika wichtige Entscheidungen fällt", klagt er. Statt dessen werde Politik mit Gefühlen gemacht - und mit perfide geschürter Angst. Die pawlowsche Reaktion des Volkes darauf, die Gore mit faszinierenden Ausflügen in die Verhaltensforschung illustriert, vergleicht er mit der von hypnotisierten Hühnern, einer etwas bizarren Erinnerung aus seiner Kindheit.
"Perfekter Tarnkandidat"
Dies sind keine bloßen Tiraden. Gore versieht jedes Argument mit akribischen Fußnoten samt Internet-Links, wie eine Doktorarbeit. So adelte er schon "An Inconvenient Truth". Dessen Erfolg, sein Oscar und seine Friedensnobelpreis-Nominierung geben ihm nun eine moralische Autorität, ohne die "The Assault on Reason" verpuffen würde. Es ist auch die Autorität des Unbekümmerten, der sich um keine Stimmen mehr sorgen muss - und eine, die zurzeit keiner der Kandidaten hat, Republikaner wie Demokrat. Insofern ist Gores Wahlkampf-Koketterie verständlich: Als "elder statesman" ist er vorerst wirksamer.
"'The Assault on Reason' offenbart einen empörten, leidenschaftlichen Al Gore", lobt Literaturkritikerin Michiko Kakutani in der "New York Times". Die Konservativen dagegen toben, wie erwartet: "Verblüffend sowohl in seiner Chuzpe wie seiner Irreführung", schimpft der Blogger Michael Geer und setzt hinzu, als Herabwürdigung gemeint: "Er ist nicht Amerikaner. Jede seiner Äußerungen und jede Überzeugung ist europäisch-sozialistisch, mit beachtlichem Training in Propaganda."
So oder so, Gore hegt trotz allem Hoffnung. Seine "größte Quelle der Hoffnung" ist dabei das Internet, dessen Basisdemokratie "eine Plattform für das Streben nach Wahrheit" sei. Sprich: "Eine Plattform für die Vernunft."
Und nun? "Es wäre spaßig, wenn Al Gore seine Meinung ändern und für die Präsidentschaft kandidieren würde", schreibt E. J. Dionne in der "Washington Post". Spaßig nicht unbedingt für die Partei, aber "zumindest für die Wähler". Doch Gore begnügt sich mit der Rolle des "perfekten Tarnkappen-Kandidaten" ("Time"). Vorerst jedenfalls: "Wir sind", sagte er gestern, "500 Tage von der nächsten Wahl entfernt".