George Tenet Mann mit Überlebensinstinkt
Hamburg - Im Grunde war es eine Frage der Zeit, bis George Tenet als Chef des US-Geheimdienstes CIA abgelöst wird. Viele Beobachter hatten damit spätestens Mitte April gerechnet, als der Untersuchungsausschuss zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ihn scharf kritisierte. Die Kommission warf ihm und der Behörde eine ganze Serie schwerer Fehler und Mängel vor und stellte fest, dass ohne dieses Versagen das Komplott hätte aufgedeckt werden können. Der gebürtige New Yorker musste sogar zugeben, falsche Angaben gemacht zu haben.
Auch im Irak-Krieg spielte der Geheimdienst keine besonders rühmliche Rolle. Den offiziellen Kriegsgrund, der Irak habe unter Diktator Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besessen, konnte die CIA nie bestätigen. Allerdings übernahm der Chef-Spion die Verantwortung für falsche Passagen in einer Rede von Präsident Bush, die als Rechtfertigung für den Krieg dienten.
Immer wieder stellte sich aber auch Bush schützend vor seinen Geheimdienstchef. Noch im Februar versicherte Bush, Tenets Job sei nicht gefährdet, die CIA werde von ihm gut geleitet. Nun trat der 51-Jährige aus "persönlichen Gründen" zurück. Zweifel an dieser Begründung sind angebracht. Zumal Tenet noch ein Mann aus der Riege von Bush-Vorgänger Bill Clinton ist.
Mitarbeiter von John Heinz
Tenet studierte an den renommierten Universitäten Georgetown in Washington und Columbia in New York Politik und internationale Beziehungen. Der Sohn griechischer Einwanderer arbeitete zunächst einige Jahre als Angestellter eines Energieunternehmens. Mit 29 stieß er zum Stab des Senators John Heinz aus Pennsylvania - dem später tödlich verunglückten Ehemann von Teresa Heinz, die heute als Ehefrau an der Seite des Demokraten John Kerry in den Wahlkampf gegen Bush zieht. Mitte der achtziger Jahre wurde Tenet erstmals für einen Geheimdienstsonderausschuss des US-Senats tätig, dessen Chef er später wurde.
Nach Clintons Wahlsieg 1992 gehörte der Karrierebeamte erst dem Übergangsteam des demokratischen Präsidenten an. Schließlich wurde er Clintons Sonderberater und ranghöchster Direktor für nachrichtendienstliche Programme im Nationalen Sicherheitsrat.
Am 3. Juli 1995 wurde Tenet in der Folge eines Spionagefalls Vize-Chef der CIA. Nach jahrzehntelanger Fixierung der kalten Krieger auf die frühere Sowjetunion rückte nun langsam die Bekämpfung des internationalen Terrorismus in den Vordergrund der US-Geheimdienste. Tenet schien der richtige Mann für diese Aufgabe zu sein
Kurz nach Clintons zweitem Wahlsieg wurde die Stelle des CIA-Direktors frei. Clintons erster Wahl, Anthony Lake, konnte sich nicht gegen die Widerstände der Republikaner durchsetzten; schließlich zog er seine Kandidatur zurück. Damit schlug Mitte 1997 Tenets Stunde - er wurde CIA-Direktor. Seine Aufgabe umfasste nicht nur die Leitung der Auslandsaufklärung, sondern auch die Koordination aller zwölf US-Geheimdienste.
Nach Bushs knappen Wahlsieg vor vier Jahren blieb Tenet auf Wunsch des neuen Präsidenten auf "unbestimmte Zeit" weiter im Amt, denn inzwischen hatte er sich mit seiner hemdsärmeligen Art parteiübergreifend Ansehen und Unterstützung erarbeitet. Bush mochte den gewissenhaften Beamten. Anders als sein Vorgänger ließ er sich die neuesten Geheimdiensterkenntnisse jeden Morgen persönlich von seinem CIA-Chef vortragen - damit war Tenet einer der häufigsten Besucher im Oval Office.
Und Tenet wurde der erste CIA-Chef nach mehr als einem Vierteljahrhundert, der trotz des Regierungswechsels sein Amt behalten konnte. Ein Mann mit Überlebensinstinkt.
Lars Langenau