Gestik im US-Wahlkampf: Zeig mal - DER SPIEGEL
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Gestik im US-Wahlkampf Zeig mal

Keine Szene ist im US-Wahlkampf häufiger zu sehen: Der Kandidat erscheint auf einer Bühne, die Menge jubelt. Dann streckt er den Arm aus - der Zeigefinger deutet pfeilgerade ins Publikum. Newt Gingrich kann die Geste sogar synchron. Was steckt eigentlich dahinter?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Keine Frage: Nixon verlor die Wahl gegen Kennedy, weil er schwitzte. Am 26. September 1960 traten beide zum TV-Duell an. Der Demokrat Kennedy braungebrannt, der Republikaner Nixon blass und schlecht rasiert. Die Leute daheim vorm Schwarz-Weiß-Fernseher achteten gar nicht mehr auf das, was Nixon sagte - sondern auf seinen Oberlippenschweiß.

Wissenschaftler meinen ohnehin, dass der Mensch bei Gesprächen den überwiegenden Teil der Informationen über sein Gegenüber nicht aus dessen Worten, sondern aus der Körpersprache zieht. Und: Im Bild steckt die Botschaft.

Im Wahlkampf 2012 ist Schweiß noch das geringste Problem der Republikaner. Denn Rivale Barack Obama gilt als Meister der Geste. Neulich wurde ein Foto publik, auf dem der Demokrat zu sehen ist, wie er einen Putzmann begrüßt, indem er seine Faust gegen die des Mannes drückt. Cool.

Sie erinnern sich an das Bild? Sehen Sie, Obamas Geste hat gewirkt. Und Zufall war das sicherlich nicht.

Fotostrecke

Gesten in der Politik: Aussehen wie Sieger

Foto: Michael Nelson/ dpa

Vielleicht haben Sie auch das Foto von Präsidentschaftsbewerber Mitt Romney gesehen, das kurz darauf kursierte: Wie der Multimillionär auf einem Flugfeld sitzt und sich offenbar die Schuhe polieren lässt. Doch der Schein auf dieser schon älteren Aufnahme trog. In Wahrheit wurden Romney Schuhsohlen während einer Sicherheitskontrolle gescannt. Zwei Gesten, zwei Images.

Noch mal Daumen hoch, das Bild zählt

Schulterklopfen, Daumen hoch, schwerer Händedruck. So sehen Männerbündnisse aus. Zum Beispiel in Las Vegas, wenige Stunden vor der Republikaner-Vorwahl im Wüstenstaat Nevada. Da herzen sie sich, der Tycoon und der Kandidat: Bauunternehmer Donald Trump und Romney im glitzernden "Trump Tower". Trump hat Romney soeben als Kandidaten empfohlen. Dass es am selben Morgen noch Gerüchte gegeben hatte, Trump würde Romneys Kontrahenten Newt Gingrich empfehlen - Schwamm drüber! Noch mal Daumen hoch, noch mal die Schultern geklopft. Das Bild zählt.

Und wenn ein Politiker ganz großes Glück hat, begegnet er einem noch nicht sprachfähigen Kind, am besten also einem Baby. Aber sogar das kann total daneben gehen.

George W. Bush erwischte es vor ein paar Jahren in Trinwillershagen, Deutschland: Sie reichten ihm ein Baby, das aber sofort zu schreien begann. Auch Obama ereilte das Bad-Baby-Szenario, er aber wusste die Situation zu drehen: Als seine Frau Michelle das Kind hielt, weinte es bitterlich. Dann nahm er es in den Arm, wippte ein bisschen und plötzlich war Ruhe. Das Weiße Haus postete das Video über YouTube, bis heute hat es mehr als 1,5 Millionen Klicks eingefahren.

Romney als US-Ausgabe von Edmund Stoiber

Generell ist das Gesten-Geschäft ein mühsames. Schauen Sie sich nur Mitt Romney an. Wie der Mann sich durch seine Gesten quält! Stets marschiert er wie ein Roboter ein, hält seine Rede, reißt ein paar vorbereitete Witze, und wenn er fertig ist, hat er ein Problem: Die Menge jubelt.

Romney greift dann gern auf jene Polit-Geste für Einsteiger zurück: den Zeiger. Arm ausstrecken (Linkshänder den linken, Rechtshänder den rechten) und wahllos auf irgendwelche Leute zeigen. Nicken, Zwinkern, "Yeah" rufen. Fertig. In der US-Politik funktioniert der Zeiger eigentlich immer, hat aber seine natürlichen Grenzen. Sie können das nicht ewig machen. Wenn Romney damit durch ist, tritt eine gefährlich gestenlose Situation ein. Nun wissen wiederum die Anhänger nicht: Was tun? Der Jubel erstirbt, Romney steht jetzt grinsend und verloren mitten auf der Bühne.

Seit Florida ist ihm auch noch seine Siegermusik abhanden gekommen, "Wavin' Flag", bekannt als Fußball-WM-Hymne von Südafrika. Der Rapper K'naan drohte Romney mit dem Anwalt; betonte aber zugleich, dass er Obama seinen Song gern zur Verfügung stellen würde. Bitter. Wie auch immer, es gibt ja noch Romneys Frau Ann. Die zeigt dann auf einzelne Honoratioren in Reihe eins, denen Romney die Hand schütteln kann. Sie können sich den Mann auch gern als US-Ausgabe von Edmund Stoiber vorstellen. Dann haben Sie einen guten Vergleich, wobei Stoiber den Zeiger meist durch das Victory-Zeichen ersetzte.

Jetzt zu Newt Gingrich: Der ist in allem der Gegenentwurf zu Romney. Zu Obama natürlich auch. Und zu überhaupt jedem, der jemals auf dieser Welt Politik gemacht hat. Glaubt er zumindest. Seine Einzigartigkeit unterstreicht der 68-Jährige stets mit der Welterlöser-Geste: Die Arme so weit wie möglich ausgebreitet, die Handflächen im 45-Grad-Winkel himmelwärts geneigt. Wie die Jesus-Statue von Rio de Janeiro (28 Meter Spannbreite). Extrovertierter geht es nicht.

Gingrich ist keine Geste zu groß

Es ist nicht so, dass Romney diese Geste nicht auch im Repertoire hätte. Aber im Gegensatz zu Gingrich winkelt er die Arme meist an, heißt: Gleich die ganze Welt will er dann doch nicht umarmen. Gingrich, der wegen ethischer Verfehlungen in den neunziger Jahren verjagte Ex-Parlamentspräsident, kennt da nichts. Allerdings muss zu seinen Gunsten angemerkt werden: Bei ihm gibt es keinen Gegensatz zwischen Sprache und Gestik.

Denn Gingrich ist der Kandidat mit der dicken Hose. Zudem ist er nach eigenen Angaben der "legitime Erbe" von Ronald Reagan. In den Achtzigern hat er als Kongressabgeordneter demnach 16 Millionen Jobs geschaffen, in den Neunzigern noch mal elf Millionen draufgelegt. Und zwischendurch die Sowjetunion kaputtgemacht. Zu Gott gefunden hat er auch - während der dritten Ehe und ein paar Affären. Welche andere als die Welterlöser-Geste würden Sie da für angebracht halten?

Gingrich macht auch gern die Waage: Arme ausbreiten, linke und rechte Hand öffnen und ein bisschen mit dem Kopf wackeln. In der einen Hand sitzt bei Gingrich der "radikale", "gescheiterte", "europäische" Präsident Obama. In der anderen der "konservative Anführer Newt Gingrich". Die Waage neigt sich entsprechend deutlich.

Rick Santorum, der erzkonservative Kandidat, stemmt meist die Arme in die Hüften und macht dazu einen ganz bösen Gesichtsausdruck. Mit dem Mann ist nicht zu spaßen. Auch hier passen Sprache und Gestik zusammen, keine Einwände. Anders bei Ron Paul. Der ist bei seinem dritten Anlauf aufs Weiße Haus mittlerweile auch schon 76 Jahre alt - und hat es weder mit der Mimik noch der Gestik. Stets scheint es so, als würden seine ein paar Nummern zu großen Jacketts mit ihm zu TV-Debatten erscheinen und nicht umgekehrt. Einmal machte auch seine verrutsche Augenbraue Schlagzeilen.

Da können Pauls traditionell sehr entschlossene Anhänger - deren Mehrheit hobbymäßig in Verschwörungstheorien unterwegs ist - natürlich nur kühl kontern: Der Inhalt zählt, nicht die Show. Klar, das wäre generell fein, ganz unabhängig von den liberalen Freibeuteransichten des Doktor Paul. Aber wie der deutsche Physiker Hermann von Helmholtz feststellte, beherrscht der visuelle Eindruck den menschlichen Verstand mit "geradezu despotischer Gewalt".

Und wenn Romney nicht über eine solch finanzstarke und wohl organisierte Wahlkampfmaschinerie verfügte, müsste ihm Gingrich jetzt große Sorgen bereiten.