Gesunkenes Atom-U-Boot Die Rettungsaktion läuft
Hamburg/Moskau/Oslo - Im Nordpolarmeer, rund 180 Kilometer nordwestlich vom Militärhafen Murmansk, läuft die Rettungsaktion auf Hochtouren. Von dem Bergeschiff "Rudnizki" wurde eine Tauchglocke zu der in 108 Metern Tiefe liegenden "Kursk" abgelassen. Ob die Kapsel andocken konnte, ist nicht bekannt.
In der Glocke können nur zwischen 15 und 20 Mann Platz finden. Insofern sind mehrere Tauchgänge zur "Kursk" nötig. Der Oberste Flottenchef Russlands, Wladimir Kurojedow, schätzt die Dauer der Rettungsaktion auf sechs bis sieben Stunden - vorausgesetzt, es kommt kein neuer Sturm auf. Die Windgeschwindigkeit ist auf zwei Beaufort zurückgegangen.
Das Schicksal der Besatzung ist weiter unklar. Tote werden auch von offizieller Seite nicht mehr ausgeschlossen. Die Marine teilte mit, die Klopfzeichen der Besatzung seien schwächer geworden. Da der Sauerstoff zur Neige gehe, schränkten die Seeleute offenbar ihre Bewegungen ein.
Entgegen bisherigen Angaben ist die "Kursk" bereits am Samstag gesunken. Das russische Außenministerium räumte gegenüber der norwegischen Regierung ein, dass bereits Samstag bei dem Boot ein "Verlust der Schwimmfähigkeit des luftdichten Rumpfes" eingetreten sei.
Die geplante Rettung mit einer Tiefseekapsel setzt allerdings voraus, dass die "Kursk" gerade auf dem Meeresgrund liegt. Bei einer extremen Schieflage ist ein Andocken fast unmöglich. Ein weiteres Problem ist die Strömung in dem Seegebiet, die das Manövrieren des Rettungsgefährts erschwert. Die russischen Rettungsglocken werden an einer Versorgungsleitung in die Tiefe hinabgelassen und sind somit nur bedingt manövrierfähig.
Sowohl die USA als auch Großbritannien hatten der russischen Marine den Einsatz ihrer unabhängig vom Mutterschiff arbeitenden Rettungs-U-Boote angeboten. Es ist jedoch nicht klar, ob die jeweiligen Systeme mit dem der "Kursk" kompatibel sind. Moskau lehnte die ausländische Hilfe ab. Trotzdem wollen mehrere Admiräle der russischen Flottenstabs "in nächster Zeit" nach Brüssel fliegen, um mit den Nato-Staaten über die Rettung des gesunkenen U-Bootes zu beraten, so der Pressesprecher des Flotten-Stabes, Igor Dygalo.
Die Rettung der Mannschaft mit Tiefsee-U-Booten scheint der einzige Weg zu sein. Die Besatzung könne unmöglich schwimmend durch die Torpedorohre flüchten, hieß es aus Marinekreisen gegenüber SPIEGEL ONLINE. Schon bei einem Ausstieg aus 80 Metern wird damit gerechnet, dass nur 15 Prozent der Besatzung überleben. Der Druck in diesen Tiefen ist zu groß. "Die Lungen der Soldaten platzen", so ein Experte. Hinzu kommt, dass die "Kursk" nur Torpedorohre im Bugbereich hat, der vermutlich überflutet ist.
Kurojedow berichtete bereits, dass die "Kursk" schwere Schäden im Bugbereich habe. In Russland wird deshalb spekuliert, dass es im Torpedoraum zu einer Explosion gekommen sei. Es wird aber auch nicht ausgeschlossen, dass das U-Boot auf eine Mine aus dem Zweiten Weltkrieg aufgelaufen ist.
Die Mannschaft könnte nach Angaben des Konstruktionsbüros Rubin, das die "Kursk" gebaut hatte, noch zwei Tage im U-Boot überleben. Niemand wisse jedoch, ob die Reserve-Sauerstoffsysteme des Havaristen überhaupt noch funktionieren. Der Sprecher der Nordflotte, Wladimir Nawrozki, geht allerdings nicht davon aus, dass die Seeleute an Sauerstoffmangel leiden. Das Boot vom Typ "Antej" verfüge über ein modernes Lufterneuerungssystem, das auch ohne Strom funktioniere.
Bis Dienstagmittag hatten heftige Stürme in der Barentssee Rettungsmaßnahmen verhindert. Kurojedow hatte sich in einem Bericht an den russischen Präsident Wladimir Putin pessimistisch über die Chancen für eine Rettung der Mannschaft geäußert. Die Lage sei trostlos.
Messungen norwegischer Stellen in dem Gebiet ergaben keine erhöhte Radioaktivität in der Luft. Die "Kursk" hat nach offiziellen Angaben keine Atomwaffen an Bord.