Golanhöhen: Israel feuert auf Syrien - DER SPIEGEL
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Golanhöhen: Israel feuert Rakete nach Syrien

Foto: MENAHEM KAHANA/ AFP

Warnschüsse auf Syrien Israel feuert aus Ratlosigkeit

Die israelische Armee reagiert auf eine kleinere Grenzverletzung und beschießt Syrien - erstmals seit Jahrzehnten und ohne konkretes Ziel. Nun hoffen die Militärstrategen in Jerusalem, dass ihre Drohgebärde ausreicht. Denn sie fürchten eine neue Front.
Von Gil Yaron
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hart und unverzüglich - Israel antwortet auf palästinensischen Terror stets mit "Abschreckung". Am Wochenende beschoss Israel Gaza mit Panzern und aus der Luft, nachdem eine Grenzpatrouille angegriffen wurde. Die Bilanz: Vier zum Teil schwerverletzte Soldaten, fünf Palästinenser starben, rund 50 Raketen gingen auf israelische Städte nieder. Dennoch blickt die Welt auf die Golanhöhen, obwohl dort am Sonntag nur eine einzige syrische Granate niedergegangen war. Und selbst die nur neben einem Posten der israelischen Armee - die daraufhin bloß Warnschüsse abfeuerte, womöglich nur einen, die Aussagen israelischer Militärs sind in diesem Punkt nicht eindeutig.

Eigentlich ist also fast nichts passiert, so zaghaft reagiert Israel selten.

Doch die Schusswechsel, die ersten seit dem Jom-Kippur-Krieg 1973, markieren für die Sicherheitspolitiker in Tel Aviv einen bedeutenden Paradigmenwechsel. Fortan, so ließ Verteidigungsminister Ehud Barak die Uno an Damaskus übermitteln, würde jede Grenzverletzung mit einer "echten Reaktion" beantwortet werden.

In den Golanhöhen herrschten bisher andere Regeln als im Gaza-Streifen. Als in den vergangenen Tagen syrische Kugeln den Jeep einer israelischen Grenzpatrouille trafen oder eine Granate in einem Dorf nahe der Grenze niederging, klang es fast so, als nähme Israel die Syrer in Schutz. Unbeabsichtigte Fehler, hieß es. Die Angriffe hätten nicht Israel gegolten, sondern syrischen Rebellen, die in der demilitarisierten Zone Schutz suchen.

Syrien galt zwar immer als Feind, sicher - in vier Kriegen hatte das Land gegen Israel gekämpft. Damaskus unterstützte über Jahrzehnte palästinensische Terroristen, die Israels Existenzrecht verneinen. Und fast soll es Assad gelungen sein, eine eigene Atombombe zu bauen, hätte Israel - dafür sprechen verschiedene Hinweise - nicht 2007 das Gelände bombardiert.

Raketen aufs Badeparadies

Dennoch galt die Waffenstillstandslinie auf den 1981 von Israel annektierten Golanhöhen als sichere Grenze. Der Diktator in Damaskus war feindlich gesinnt, aber berechenbar. Unterstützte Assad die Terroristen zu offen- oder großherzig, ließ Israel Kampfjets über dessen Sommerpalast in Latakia die Schallmauer durchbrechen. Überhörte er das, bombardierte man Trainingslager.

Der Arabische Frühling hat dafür gesorgt, dass es diese fast schon bequeme Option nicht mehr gibt. Israel muss befürchten, dass der Golan vom beliebten Naherholungsgebiet, geschätzt als Anbaugebiet vollmundiger Rotweine, zum militärischen Brennpunkt wird. So wie es an der Grenze zu Ägypten geschehen ist, in Eilat, Israels Vergnügungsenklave am Roten Meer.

Kairo entglitt dort die Kontrolle über den nahen Sinai, nachdem Diktator Husni Mubarak im Januar 2011 gestürzt worden war. Nun beherrschen Islamisten, Drogenhändler und Schmuggler weite Teile der Halbinsel. Bereits mehrmals griffen Terroristen von hier aus Israel an, töteten Soldaten und Zivilisten und beschossen das Badeparadies Eilat mit Raketen. Anders als in Gaza kann Jerusalem weder militärisch vorbeugen noch zurückschlagen. Der Friedensvertrag mit Ägypten degradiert Israels Soldaten zu Zuschauern.

Ähnliches befürchtet man nun auf dem Golan. Israels Handlungsspielraum ist hier zwar durch keinen Friedensvertrag mit Syrien eingeschränkt. Dennoch benötige man jetzt "Nerven aus Stahl", wie Avi Dichter, Minister für Zivilschutz, sagte.

Denn angesichts des Chaos in Syrien gebe es dort derzeit schlicht keinen Adressaten für Abschreckungsmaßnahmen. Zudem ist Jerusalem besorgt darüber, dass Assads Niedergang mit dem Aufstieg radikal-islamischer Dschihadisten einhergeht. Selbst Brigadegeneral Mustafa al-Scheich, Kommandant des Obersten Militärrats der aufständischen Freien Syrischen Armee (FSA), warnte Ende Juli vor der Gefahr, die vom Terrornetzwerk al-Qaida und mit ihm verbündeter Islamisten ausgehe: "Jeden Tag nehmen sie immer wichtigere Stellungen ein". Gruppierungen wie Jabhat al-Nusra, offen von al-Qaida unterstützt, vermelden immer öfter militärische Erfolge und Selbstmordattentate. Übernähmen sie im Golan das Ruder, eröffnete das eine neue Front gegen Israel.

So sieht Israel sich zu Vorsicht gezwungen. Jerusalem will nicht in den syrischen Bürgerkrieg verwickelt werden oder dem Erzfeind Assad einen Anlass für einen patriotischen Schlachtruf liefern, der dessen innenpolitische Position stärken könnte. Andererseits befürchtet Israel, eine stille Duldung der Grenzübergriffe könnte als Schwäche ausgelegt werden - und Islamisten dazu ermuntern, die Attacken der syrischen Armee absichtlich nachzuahmen.

Daher drohte Israel erst einmal nur, beim nächsten Zwischenfall eine heftige Reaktion folgen zu lassen. In der Hoffnung, dass dies nicht nötig sein wird.