Gouvernator Schwarzenegger: Herr der Krisen - DER SPIEGEL
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Gouvernator Schwarzenegger Herr der Krisen

In der Wirtschaftskrise wurde Arnold Schwarzenegger mit Immobilien reich. Die Haushaltskrise machte ihn zum Gouverneur. Die Umweltkrise sicherte ihm die Wiederwahl. Aber wohin jetzt? Seine Ambitionen sind größer als alle Ämter, die er noch erreichen kann.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wir reisen zu dritt, Arnold Schwarzenegger, sein Assistent Clay Russell und ich, einmal quer durch den Krisenstaat Kalifornien. Es ist ein Freitag im Mai 2009, ein Tag in der Kette der Katastrophen, die zuletzt Schwarzeneggers Amtszeit durchzieht.

Auch dieser Tag beginnt mit einer schlechten Nachricht, gleich morgens um neun. Mit schweren Schritten nimmt Arnold Schwarzenegger die Stufen zu seinem Privatjet, wo ihn Russell erwartet und pausenlos das Rädchen an seinem Blackberry auf und ab schnurren lässt. "George kann nicht kommen", sagt Russell. "Seine Frau wird gerade an der Hüfte operiert." Wortlos geht Schwarzenegger zu seinem Sitz. Keine Regung, keine Frage, kein Bedauern, keine spontane Reaktion, nichts.

Schwarzenegger nimmt erst einen Schluck aus der Wasserflasche.

Es ist nur ein kleiner Rückschlag, gemessen an dem, was in diesen Tagen sonst noch so passiert, Finanzkrise, Haushaltskrise, Regierungskrise. Schwarzenegger wollte George Shultz treffen, der unter Ronald Reagan Außenminister war. Shultz ist sein Freund und einer seiner wichtigsten Berater. Shultz hat ihn auf das Projekt aufmerksam gemacht, das er nun einweihen will: das weltgrößte Lasersystem im "Lawrence Livermore National Laboratory", 70 Kilometer von San Francisco entfernt.

"Sollen wir anrufen?", fragt Russell.

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Politiker Schwarzenegger: Gouvernator im Golden State

Foto: Getty Images

Schlechte Nachrichten? Er wirkt dann wie eine Maschine

Schwarzenegger würde sich nie anmerken lassen, wenn ihn eine schlechte Nachricht trifft. Er wirkt dann wie eine Maschine. Es ist seine Art, mit Krisen umzugehen, mit Pannen wie dieser, mit der Finanzkrise, mit dem kalifornischen Haushaltsdesaster, das er mitverantwortet hat und das sein Erbe als "Reform-Gouverneur" ernsthaft gefährden könnte. Er wurde schließlich gewählt, weil sein Vorgänger Kalifornien heruntergewirtschaftet hatte.

Russell liest die E-Mail noch einmal. "Könnte sein, dass sie jetzt schon operiert wird", sagt er, will es aber trotzdem versuchen. Er wählt.

Russell ist Schwarzeneggers wandelndes Büro, er nimmt alle Anfragen entgegen, per Telefon und per E-Mail. Er verbindet Schwarzenegger mit Politikern, Staatsmännern und mindestens einmal pro Tag auch mit Maria Shriver. Russell bezeichnet sich gern als Schwarzeneggers "Telefonzentrale", das gehört zu seinem trockenen, selbstironischen Humor.

Schwarzenegger nimmt das Handy, das klein aussieht in seiner Hand. "Charlotte", ruft er ins Telefon. Wie ein Coach redet Schwarzenegger nun auf die Frau von George Shultz ein, erinnert an seine eigene Hüftoperation, daran, dass man fast sofort wieder gesund ist. "Du wirst es sehen", dröhnt er, "nach eineinhalb Stunden ist alles vorbei." Das Flugzeug ist inzwischen zur Landebahn gerollt, er muss eigentlich auflegen, aber lässt sich noch kurz Shultz geben und wünscht auch ihm alles Gute. Dann beschleunigt der Pilot und hebt ab.

Wie ein König erklärt er sein Land

Schwarzenegger ist stolz auf Kalifornien, diesen Staat, den er regiert. Er sagt, es hat ihn groß gemacht, als Bodybuilder, Schauspieler und Politiker, und was er geschafft hat, hätte er nirgendwo anders geschafft. Nicht einmal 20 Prozent davon.

"Schauen Sie sich die Welt an", sagt er, "da ist Kalifornien nur ein so kleiner Punkt. Und genau dort bin ich gelandet." Er schaut aus dem Fenster, und wie ein König erklärt er sein Land, die Kanäle, die Kaliforniens Wüsten durchziehen, die Städte und Felder. Er bewundert die Kühnheit, mit der Kalifornien eine Zivilisation in der Wüste aufgebaut hat.

"Wenn man runter auf die Welt schaut, dann würde man sagen: Was zum Teufel, sind diese Leute verrückt?" Und manchmal denkt er das auch von sich selbst: "Als ich auf der Bühne stand und versuchte, den Mr.-Universum-Titel zu gewinnen, sagte ich mir: Ist das nicht absolut lächerlich und verrückt? Da stehst du nun und versuchst, der muskulöseste Mann in der Welt zu sein." Alles, was er sich vorgenommen hat, hat er auch erreicht. Nummer eins im Bodybuilding ist er geworden, einer der großen Filmschauspieler seiner Zeit, Gouverneur von Kalifornien. Auf 100 Millionen Dollar wird sein Vermögen geschätzt. Er mag Luxus, große Uhren und protzige Autos, er kann sich alles leisten, aber er ist trotzdem rastlos geblieben, voller Ideen, angetrieben von dem Ehrgeiz, dass es immer weiter gehen muss, immer höher.

Alles muss er sich erst verdienen

Sich zu quälen gehört bei ihm dazu, alles muss er sich erst verdienen, selbst sein Frühstück, sonst kann er es nicht genießen.

Jeden Tag macht er das so. Auch heute ist er um sechs Uhr aufgestanden, ist Trimmrad gefahren, hat den Pressespiegel gelesen, danach Telefonate geführt. Und nun, vier Stunden später, im Flugzeug auf dem Weg von Santa Monica nach San Francisco, serviert Russell ihm das Frühstück, Haferschleim mit Bananen.

Er redet nun über die Termine des Tages. Es sind keine unverzichtbaren Termine, aber jeden einzelnen nimmt er ernst, vor allem den Besuch im "Lawrence Livermore National Laboratory". Das Projekt begeistert den Buben in ihm, Fortschritt und Größe, und natürlich auch das Militärische, denn dort gab es nicht nur die schnellsten Supercomputer der Welt, dort wurden im Kalten Krieg Atombomben und der Raketenabwehrschirm SDI entwickelt. "Wenn ich das nächste Mal nach Deutschland komme", sagt er mir, "zeigen Sie mir auch mal so was." Es ist nur ein Scherz, aber er will, dass man zu schätzen weiß, was er bietet.

Vom Flughafen sind es zehn Autominuten bis zum Forschungszentrum. Schwarzenegger will seine Rede noch einmal lesen. Er ist ein unermüdlicher Schüler, nach wie vor. In seinem Leben ist ihm nichts zugeflogen, er hat sich alles erarbeitet, er ist fleischgewordener Fleiß.

In seinem Leben wurde er immer unterschätzt

Mehr als tausend Leute sind gekommen, und eine Reihe von Rednern steht bereit, deren Namen er nicht kennt und nicht kennen muss, mit Ausnahme der demokratischen Senatorin Dianne Feinstein natürlich, einer der mächtigsten Politikerinnen Kaliforniens. Sie begrüßen sich kurz vor der Zeremonie, und Feinstein möchte Schwarzenegger gleich informieren, dass Shultz heute nicht kommt. Aber Schwarzenegger weiß ja bereits Bescheid.

Es ist nur eine Kleinigkeit, aber die Tatsache, dass Feinstein glaubt, sie habe ihm etwas voraus, fordert ihn heraus. Und deshalb wird er am Rednerpult genauer als nötig: "Ich erinnere mich bestens daran, wie ich mit meinem guten Freund George Shultz das erste Mal hier war. Es ist schade, dass er heute nicht da sein kann, weil er bei seiner Frau im Krankenhaus ist. Sie wird im Moment an der Hüfte operiert. Ich wünsche ihr eine schnelle Genesung." In seinem Leben wurde er immer unterschätzt, wegen seiner Herkunft, seines Akzents, seines massigen Körpers. Es sei ihm wie einer "Blondine mit dicken Titten" gegangen, sagte er früher einmal. Aber er hat es den Leuten gezeigt.

Fast sechs Jahre ist er nun im Amt, Hunderte von Waldbränden hat Kalifornien in dieser Zeit erlebt, Tausende große und kleine Erdbeben überstanden. Aber schwere Zeiten hat Schwarzenegger immer auch genutzt. Als Immobilienspekulant ist er während der Wirtschaftskrise der siebziger Jahre Millionär geworden, die Haushaltskrise Kaliforniens hat ihn zum Gouverneur gemacht, die Umweltkrise hat seine Wiederwahl gesichert. Es ist, wie der amerikanische Filmkritiker Jim Hoberman in seinem Aufsatz "Nietzsches Junge" über Schwarzenegger schreibt: "Er brauchte den Body-Horror, die Ausbreitung der Umweltvergiftung, die Seuche Aids und die Verunsicherung der achtziger Jahre, um groß zu werden." Schwarzenegger, der Krisengewinnler.

Als sein Vater starb: keine Fragen, kein Bedauern, nur Leere

Als sein Vater starb, war er Mitte 20 und trainierte wie besessen, um der erfolgreichste Bodybuilder der Welt zu werden. Er hatte zu jenem Zeitpunkt nicht viel Kontakt zu seiner Familie in Österreich, zu seiner alten Heimat, die er mit Erleichterung verlassen hatte. Als er vom Tod seines Vaters erfuhr, ließ er sich nichts anmerken, er reagierte wie an diesem Mai-Morgen im Flugzeug: keine Fragen, kein Bedauern, einfach nur Leere. "Ich spürte keinerlei Feindseligkeit in mir", erinnert sich Schwarzenegger, als müsste er auch das noch ausschließen, das letzte denkbare Gefühl.

Er beugt sich vor aus seinem Sitz, über Gefühle redet er nicht gern, aber das war ein wichtiger Moment in seinem Leben, der mehr über ihn aussagt als viele andere Geschichten. Vielleicht hätte er damals gern etwas empfunden, vielleicht war er auch ein bisschen ratlos, ja erschrocken über sich selbst, weil er nicht empfand, was er empfinden sollte.

"Ich bin nicht wie meine Frau, die erst mal zusammenbricht", sagt Schwarzenegger. "Ich baue eine Mauer um mich. Ich lasse nichts an mich heran und beschäftige mich mit Problemen erst, wenn ich mit ihnen umgehen kann, Stück für Stück." Es ist seine Überlebensstrategie, die ihm jene Härte gibt, die diese Karriere gefordert hat, eine Karriere, die immer wieder gegen die Regeln des guten Geschmacks verstieß. Wer einzigartig sein will, darf sich nicht anpassen.

Seine Ambitionen sind zu groß für die Ämter, die er noch erreichen könnte

Um das höchste politische Amt, das das Land zu vergeben hat, das Präsidentenamt, kann er sich nicht bewerben, weil er dazu in Amerika geboren sein müsste. Minister in der Regierung oder Senator zu werden, schließt er nicht aus, aber begeistert scheint er davon nicht zu sein. Er ist jetzt Gouverneur von Kalifornien, er ist am Ziel, und das erste Mal in seinem Leben weiß er nicht, wie er sich noch übertreffen kann. Wo soll er noch hin? Seine Ambitionen sind zu groß für die Ämter, die er noch erreichen könnte.

Wir sind nun wieder auf dem Heimweg. Clay Russells Blackberry schnurrt. "Es gibt Anfragen, ob Sie etwas zu Ihrem Geburtshaus sagen wollen", sagt Russell. "Es wird verkauft. 400.000 Euro." Keine Regung. Das Thema ärgert Schwarzenegger, weil es offenbar immer noch Menschen gibt, die ihn unterschätzen. Für 1,5 Millionen Euro wollte man ihm zunächst sein Geburtshaus verkaufen, zum Mehrfachen seines Werts.

Er hätte nicht all seine Millionen gemacht, sagt er, wenn er sich so leicht hereinlegen ließe. Es geht ihm nicht um die Summe, um 100.000 mehr oder weniger, sondern um ihn selbst. Um das, was man von ihm denkt. Was von ihm bleibt.

"Wollen Sie etwas zu Ihrem Geburtshaus sagen?", fragt Russell. "Irgendein Statement?" Schwarzenegger wendet sich ab, schaut aus dem Fenster und sagt: "Da unten sind Kühe."