Großbritannien: Lindsay Hoyle wird neuer Speaker - DER SPIEGEL
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Neuer Unterhauspräsident in Großbritannien New Order

Als neuer Unterhauspräsident ist er einer der wenigen, die Premier Boris Johnson noch in die Quere kommen können. Doch er gibt sich harmlos. Wer ist Sir Lindsay Hoyle?
Angekommen und ziemlich happy: Sir Lindsay Hoyle
Angekommen und ziemlich happy: Sir Lindsay Hoyle

Angekommen und ziemlich happy: Sir Lindsay Hoyle

Foto: PRU/ AFP
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Schon im ersten Wahlgang hatte er 211 von 562 Stimmen, die zweitplatzierte Kandidatin hatte fast hundert Stimmen weniger. In den folgenden zwei Wahlgängen vergrößerte sich der Abstand, und nach dem vierten stand fest: Sir Lindsay Hoyle ist der neue Präsident des britischen Unterhauses, der neue Mister Speaker. 325 Abgeordnete stimmten für ihn, nötig war die absolute Mehrheit, also mehr als 270 der 540 im letzten Wahlgang abgegebenen Stimmen.

Schon vor der Wahl galt der 62-Jährige als haushoher Favorit, Onlinewettbüros nahmen Wetten auf ihn mit 16:1 auf. Und nach einem so klaren ersten Wahlgang verschiebt sich das Ergebnis für gewöhnlich nur dann noch grundlegend, wenn Abgeordnete eines bestimmten Lagers einen Kandidaten unbedingt blockieren wollen. Das wäre keine Überraschung in der hitzigen und teilweise vergifteten Atmosphäre, die in den vergangenen Wochen im Unterhaus herrschte, wo der Brexit die Fronten verhärtet hat und der Ton rauer wurde. Der neue Speaker aber gilt über die Grenze seiner Labour-Partei als weithin akzeptiert.

Hoyle sitzt seit 1997 für die Labour-Partei im Parlament, er vertritt Chorley, einen Wahlkreis an der Nordwestküste Englands. Bevor er in das Parlament gewählt wurde, betrieb er eine Firma für Textildrucke. Mit dem Amt des Speakers hat er Erfahrung, seit 2010 war er einer der drei Stellvertreter des nun scheidenden John Bercow. Hoyles Vater war ebenfalls Labour-Abgeordneter, er sitzt mittlerweile als Baron Hoyle im Oberhaus.

Wer ist Sir Lindsay Hoyle?

Bekanntheit und Sympathie erlangte Hoyle 1997, in seinem ersten Jahr als Abgeordneter. Nach dem Tod von Prinzessin Diana setzte er sich für die Gründung eines Kinderkrankenhauses mit ihrem Namen ein, als Andenken an sie und ihr wohltätiges Engagement. Außerdem forderte er die Umbenennung des Londoner Flughafens Heathrow in "Diana Princess of Wales Airport". "Dies wäre ein idealer Weg, um ihren Namen für immer im Gedächtnis zu behalten, bei Menschen auf der ganzen Welt", sagte er damals zu britischen Medien. Beide Gesuche wurden abgelehnt - Hoyle erarbeitete sich hingegen einen Namen bei den trauernden Briten.

Zwei Tage vor der Wahl des neuen Speakers veröffentlichte Hoyle ein Foto auf Twitter, das ihn zu Hause beim Rugbyschauen zeigt. Er sitzt dabei in einem Sessel, im falschen Winkel zum Bildschirm, etwas verloren in einem zu großen und zu leeren Raum, zu weit entfernt von einem Tisch mit Teetasse, im Pullover, ohne Schuhe, mit pink-blau gestreiften Socken. Wenn aus diesem Bild nicht mediale Unerfahrenheit spricht, ist die Nachricht klar: Hoyle gibt sich harmlos, als volksnaher Gegenentwurf zum zeitweise steif wirkenden Abgeordneten mit Krawatte - normalerweise tritt er so im Unterhaus auf.

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Doch wie wird Hoyle sich als Speaker machen? Sein Vorgänger Bercow setzte die Messlatte denkbar hoch. Er führte das Unterhaus mit Charisma und Humor, und er setzte sich bedingungslos für die Rechte des Parlaments ein. Das No-No-Deal-Gesetz, das Johnson zwang, eine Verschiebung des Brexits in Brüssel zu beantragen, wäre nicht ohne seine Intervention zustande gekommen, ebenso hatte er sich vehement gegen die ungewöhnlich lange Zwangspause des Parlaments eingesetzt, mit der Premier Boris Johnson seinen Brexit-Kurs durchbringen wollte und die letztendlich vom obersten britischen Gericht als unrechtmäßig verurteilt wurde. Wie hält Hoyle es mit der Unabhängigkeit des Unterhauses - und was ist sein Standpunkt zum Brexit?

Als Schiedsrichter gegen die Hackordnung

In seiner fünfminütigen Bewerbungsrede, mit der Hoyle sich vor den Abstimmungen über den neuen Speaker den Abgeordneten präsentieren durfte, sagte er, es komme ihm darauf an, dass das Parlament die Regierung zur Rechenschaft ziehe. Dabei habe er schon in den Jahren als Stellvertretender Speaker versucht sicherzustellen, dass jeder Abgeordnete Gehör finde - "nicht nur Leute, die hier schon seit 35 Jahren sind". Es solle keine Hackordnung im Parlament geben, sondern Gleichheit unter den Abgeordneten. Der britischen "Sunday Times" gegenüber bezeichnete er sich zuvor als Schiedsrichter.

Allerdings blieb Hoyle in seiner Rede vage, gab sich eher verträglich als entschlossen. Er klang dabei deutlich weniger ambitioniert als etwa seine Mitbewerberinnen Harriet Harman und Eleanor Laing, die grundlegenden Wandel und Modernisierung im Parlament forderten. Er merkte unverfänglich und wenig konkret an, das Unterhaus bliebe im Moment unter seinen Möglichkeiten - es gebe aber großartige Ideen, wie es besser gestaltet werden könnte. Außerdem wolle er die Sicherheit der Abgeordneten und ihrer Familien verbessern. So weit - so vage.

Und wie es um seine Qualitäten als Versöhner zwischen den mittlerweile weit entfernten Lagern der ehemaligen Mitte - den Tories und Labour - steht, muss ebenfalls die Zeit zeigen. Die Leichtigkeit und Gewitztheit Bercows ist ihm nicht zueigen, gegebenenfalls kann er sie jedoch durch einen etwas zurückhaltenderen Charme und genügend Übung wettmachen. Eine Szene könnte als Ausblick auf seine kommenden Versuche als Speaker gelten:

Als Abgeordnete der schottischen SNP im Jahr 2017 anfingen, im Parlament "Freude schöner Götterfunken" zu singen, musste er sie zur Ruhe aufrufen. Mit der europäischen Hymne wollten sie vermeintlich außerhalb der Tagesordnung ihre Haltung gegen den Brexit kundtun. Als er den Gesang bemerkte, reagierte Hoyle mit einer Mischung aus Überforderung und Härte - rettete die Situation aber schließlich mit einer charmanten Kehrtwende. Sichtlich unerfreut über die Aktion brüllte er die dirigierende Abgeordnete zuerst an, das Singen zu unterlassen - schloss aber versöhnlicher mit der Begründung, sonst würden sich womöglich andere Sänger anschließen, die "nicht die Stimme dazu hätten". Insgesamt ist Hoyle für sanfte Töne bekannt und wird dafür auf beiden Seiten des Sitzungssaals respektiert.

Brexit - vielleicht

Was den Brexit angeht, hat Hoyle seine Position nie offengelegt. Das könnte pure Taktik sein, denn sein Wahlkreis stimmte im Brexit-Referendum 2016 mit 56,8 Prozent für den Austritt des Königreichs aus der EU. Bei einem so knappen Ergebnis liefe er Gefahr, rund die Hälfte der Wähler gegen sich aufzubringen - egal welche Position für oder gegen den Brexit er bezöge. Mit seinem Stillschweigen fährt Hoyle außerdem die offizielle Parteilinie, die Labour-Chef Jeremy Corbyn vorgibt - nämlich, mit entschlossener Unentschlossenheit bezüglich des Brexits möglichst viele Wähler zu halten, linksliberale Proeuropäer wie Euroskeptiker.

Seine zukünftige Arbeit als Speaker betreffend, könnte diese vermeintliche Neutralität ein Vorteil sein - schließlich muss er sich von nun als Unparteiischer für die gesittete Verständigung unter den Abgeordneten einsetzen. Eine starke Meinung zum Brexit würde da vielleicht nur stören.

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