Großbritannien: "Showdown" an der Zapfsäule - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Großbritannien "Showdown" an der Zapfsäule

In Großbritannien haben durch den Protest von Spediteuren und Lastwagenfahrern schon rund 3000 der insgesamt 8000 Tankstellen keinen Kraftstoff mehr. Die Regierung kündigte an, gegen die Boykotteure hart durchzugreifen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

London - Die Proteste gegen die hohen Treibstoffpreise haben sich in Großbritannien zu den folgenschwersten Boykottaktionen seit über zehn Jahren ausgeweitet. In Wales mussten bereits alle Tankstellen schließen. Premierminister Tony Blair forderte die Ölgesellschaften auf, trotz der Proteste die Versorgung sicher zustellen. Auch Schatzkanzler Gordon Brown verlangte, Treibstoff müsse "ohne Unterbrechung und Barrikaden" zum Verbraucher gelangen.

Blair sagte alle Termine ab und hielt in London ein Krisentreffen mit Polizei und Sicherheitskräften ab. Zuvor hatte sich die Regierung von Königin Elizabeth II. mit Sondervollmachten ausstatten lassen, die sogar ein Eingreifen der Streitkräfte erlauben. Polizeichef Sir John Evans sagte nach einem Gespräch mit Innenminister Jack Straw, die Blockaden sollten aufgelöst werden: "Wenn Leute die Gesetze brechen, werden wir entsprechend gegen sie vorgehen."

In der englischen Grafschaft Norfolk erzwang die Polizei am Dienstag erstmals seit Tagen den Zugang zu einem blockierten Benzindepot. Alle betroffenen Ölgesellschaften wiesen die Fahrer ihrer Tanklastwagen jedoch an, vorerst nicht loszufahren, weil das Risiko einer Konfrontation mit den Streikenden zu groß sei. Es könne zu gefährlichen Unfällen kommen. Sollten die Blockaden von Öldepots und Raffinerien fortgesetzt werden, wird nach Zeitungsberichten am Donnerstag in ganz Großbritannien kein Benzin mehr zu haben sein. Diese Spekulationen führten am Dienstag zu verstärkten Panikkäufen.

Kliniken verschoben Krankentransporte, die nicht unbedingt nötig waren. Ärzte sahen von Hausbesuchen ab. Manche Züge konnten nicht fahren, Supermärkten gingen die Vorräte aus. Der Sprecher der streikenden Bauern und Lastwagenfahrer, Brynle Williams, gab der Regierung die Schuld daran. "Tony Blair hat einen großen Fehler gemacht", sagte er. "Ob wir nachgeben werden? Nie!" Der Labour- Politiker Jeff Jones erregte Aufsehen, indem er die Bauern mit Nazis verglich: "Diese Sorte von Menschen hätte Hitler gewählt." Der Vorsitzende der oppositionellen Konservativen, Michael Ancram, warf der Regierung Versagen vor.

Die Presse verglich die Situation mit dem Kräftemessen zwischen der Bergarbeitergewerkschaft und Premierministerin Margaret Thatcher Anfang der 80er Jahre. Auch wurden Vergleiche zu den massiven Protesten gegen die Gemeindesteuer "Poll Tax" gezogen, die 1989 Thatchers Niedergang eingeleitet hatten. "Showdown an der Zapfsäule", "Panik" und "Eine Nation kommt zum Stillstand", hießen am Dienstag die Schlagzeilen am Zeitungskiosk.