Großbritannien vor dem Krieg Blair kommt mit blauem Auge davon
London - Vor den Houses of Parliament am Ufer der Themse skandierten Anti-Kriegsdemonstranten: "One, two, three, four, we don't want your fucking war." Drinnen verkündete gestern Abend um zehn nach zehn der Sprecher des Hauses nach neuneinhalbstündiger Debatte und anschließender Abstimmung das von Tony Blair und seiner Regierung in ängstlicher Spannung erwartete Ergebnis. Als klar war, dass nur 217 Abgeordnete, davon 139 der 410 Köpfe starken Labour-Fraktion, für den Antrag der Kriegskritiker votiert hatten, sah man den belagerten Premierminister zum ersten Mal seit Tagen wieder lächeln. Am Ende wurde mit 412 zu 149 Stimmen ein Antrag der Regierung angenommen, wonach ein Militäreinsatz gegen den Irak auch ohne eine zweite Uno-Resolution möglich ist.
Dabei hatte der Tag für die Regierung nicht gut angefangen. Im Viertelstundentakt waren vier parlamentarische Sekretäre und zwei Staatssekretäre von der Fahne gegangen. Der Rücktritt des Parlamentspräsidenten Robin Cook, der seit über 20 Jahren eine führende Figur in der Labour Party ist, musste Blair fürchten lassen, dass sich weitere unentschiedene Labour-Abgeordnete gegen die bevorstehende Invasion des Irak stellen würden. Schließlich hatten vergangenen Monat bereits 122 Labour-Abgeordnete gegen den Kriegskurs votiert.
Obwohl der ehemalige Anwalt alle rhetorischen Register zog, hatte er es nicht unbedingt seiner Überzeugungskraft zu danken, dass er die parlamentarische Nagelprobe für seinen Kriegskurs zwar beschädigt, aber doch klar überstand. In einer 45 Minuten langen Rede hatte Blair noch einmal jene Argumente vorgetragen, mit denen er bislang die Mehrheit der Briten nicht von der Notwendigkeit des Krieges überzeugen konnte: Die Massenvernichtungswaffen Saddams, ihre mögliche Weitergabe an Terroristen, das moralische Gebot, die Iraker von ihrem Tyrannen zu befreien. Erstaunlich, dass der Premier nach seinen nicht gerade erfreulichen Erfahrungen mit dem Uno-Sicherheitsrat bereits unverdrossen forderte, dass jetzt schnellstmöglich eine Resolution für den Wiederaufbau des Irak beschlossen werden müsse.
Gleichzeitig strickte Blair weiter an jener derzeit in London so populären Dolchstoßlegende, nach der Jacques Chirac dafür verantwortlich sei, dass Saddam Hussein nicht auf friedlichem Wege entwaffnet werden konnte. Bei dieser erstaunlichen Erklärung des offenkundigen Scheiterns der anglo-amerikanischen Diplomatie unterstützte ihn Außenminister Jack Straw, der erklärte, mit der Invasion des Irak werde "die Autorität der Vereinten Nationen aufrecht erhalten".
"Immenser Druck", so der BBC-Politik-Chef Andrew Marr, sei auf die potenziell illoyalen Labour-Abgeordneten ausgeübt worden. In der Tat hatte die Regierung seit Montagmorgen alles versucht, um die Mehrheit in der eigenen Fraktion zu retten. In Einzelgesprächen und Fraktionssitzungen waren die Abgeordneten bearbeitet worden. Mit der Drohung, Tony Blair werde sofort zurücktreten, wenn die Mehrheit seiner Fraktion gegen den Krieg stimme, hatten die Fraktionsvorsitzenden möglichen Abweichlern gedroht. Sogar Cherie Blair hatte sich ins Zeug gelegt und eine Reihe weiblicher Abgeordneter zur Unterstützung des Krieges ihres Gatten aufgefordert.
Es erscheint auf den ersten Blick absurd, dass Blair zwar die größte Rebellion hinnehmen musste, die jemals ein Premier der Labour Party zu gewärtigen hatte, aber gleichzeitig eine bitter nötige Atempause gewonnen hat. Sobald nämlich die Soldaten der "Koalition der Willigen" gen Bagdad marschieren, kann Blair im Unterhaus mit einem temporären Burgfrieden rechnen. Um den eigenen Truppen am Golf nicht in den Rücken zu fallen, wollen die Dissidenten ihren Widerstand gegen Blairs Krieg aussetzen.
Für den Premier hängt jetzt alles davon ab, ob der Krieg schnell und mit möglichst wenigen Opfern unter Zivilisten und britischen Soldaten über die Bühne geht. Die Friedensaktivistin Bianca Jagger hat daran allerdings starke Zweifel. "Es wird kein schneller und leichter Krieg werden", sagt die Ex-Gattin von Mick Jagger. "Tausende, vielleicht Zehntausende von Menschen werden sterben."
Die Anti-War-Coalition, zu deren prominenten Aktivisten Bianca Jagger gehört, hat zu direkten Aktionen aufgerufen, sobald die ersten Cruise Missiles in Bagdad einschlagen. Seit Anfang dieser Woche musste Tony Blair bereits mehrmals die Hintereinfahrt zu seinem Dienstsitz in der Downing Street nutzen, weil die Hauptzufahrt von Friedensdemonstranten blockiert war. Für den Kriegsbeginn hat die Anti-War-Coalition, beflügelt von der Millionen-Demonstration Mitte Februar, einen nationalen Aktionstag mit Protestmaßnahmen im ganzen Land geplant.
In London werden die Kriegsgegner sich zunächst auf dem Parliament Square am Fuße des Big Ben versammeln und versuchen, das Regierungsviertel lahm zu legen. Gewerkschafter wollen die Arbeit niederlegen, Schüler sich zu den Houses of Parliament aufmachen. Es ist trotz alledem nicht damit zu rechnen, dass Tony Blair, für den der 11. September 2001 zu einem Erweckungserlebnis wurde, sich bei seinem Kampf gegen das Böse in aller Welt von diesen Protesten in irgendeiner Weise beeinflussen lassen würde.
Eher ins Grübeln könnte ihn vielleicht bringen, dass seine bis vor kurzem treueste publizistische Unterstützerin, die "Guardian"-Kolumnistin Polly Toynbee, inzwischen davon überzeugt ist, dass er nie mehr jene Popularität erreichen wird, die er hatte, bevor er sich auf Gedeih und Verderb mit George W. Bush liierte. "Zu viele Menschen", so prophezeite Toynbee, "werden zu viele Dinge nicht vergessen".