Guantanamo: Exkursion in den Terrorknast - DER SPIEGEL
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Guantanamo Exkursion in den Terrorknast

Im berüchtigten "Camp X-Ray" wuchert schon Unkraut - bald will Barack Obama das Lager Guantanamo ganz dichtmachen. Jetzt lädt das Pentagon noch mal zur Besichtigung: um zu zeigen, wie human es dort zugehe. Und wie schade es wäre, das Camp zu schließen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Guantanamo Bay – Eine Reise ins bekannteste, berüchtigste Gefängnis der Welt stellt man sich unangenehm vor. Denn jeder kennt die Horror-Geschichten von Guantanamo: Wie die Häftlinge auf dem Flug nach Kuba angekettet wurden, wie sie halb erfroren, mit verbundenen Augen und total verwirrt im Lager ankamen. Sie wussten damals nicht, wo sie waren - und viele von ihnen sind heute noch hier, im Anti-Terror-Knast der USA.

Komfortabler machte sich kürzlich eine Reisegruppe der besonderen Art auf den Weg. In aller Früh traf man sich auf der Andrews Air Base bei Washington, dort wartete schon eine Chartermaschine der "North American Airlines". Das Reiseziel mit dem Airport-Code NBW, weit weg vom US-Rechtsstaat, heißt im Militärslang nur GTMO. Die Bordkarte dorthin war nur das erste skurrile Souvenir der Reise.

Eigentlicher Zweck des Trips war der 9/11-Prozess. Doch neben Terrorexperten lud Pentagon-Sprecher Jeffrey D. Gordon diesmal auch eine Gruppe von internationalen GTMO-Neulingen ein, die bisher nicht über die Tribunale berichtet hatten. Journalisten aus Brasilien, Japan, Dubai, Frankreich, Spanien, Israel und Saudi-Arabien nutzten die "letzte Chance, das Lager zu sehen" (Gordon).

Medien-Trips nach GTMO sind nicht ungewöhnlich. Nur Wochen nach dem 4. November, dem Wahlsieg von Barack Obama, der die Schließung des Lagers versprochen hat, wirkte der jetzige Trip indes wie eine letzte verzweifelte PR-Maßnahme. Mit vollem Programm, inklusive Besuch ausgesuchter 9/11-Opferfamilien, kämpft das Pentagon um den Ruf des Lagers, der doch längst verloren ist.

In der Boeing 757 nach Guantanamo denkt man unweigerlich an die CIA-Entführungen hierher, doch nichts erinnert daran. Statt Fußfesseln gibt es Beinfreiheit, statt Beruhigungsdrogen ein Truthahnsandwich, statt lichtdichter Kapuzen werden Kopfhörer für den Streifen "Hancock" mit Will Smith gereicht.

"Willkommen auf unserem Flug nach Guantanamo Bay", dröhnt es aus den Lautsprechern, "ich hoffe, Sie genießen ihn."

Für US-Soldaten ist Guantanamo eine Art Traumurlaub

Dass GTMO unter Soldaten als Station beliebt ist, leuchtet nach der Ankunft schnell ein. Nicht Stacheldraht und Gefängnistürme empfangen einen, sondern ein typisches US-Kaff - mit dem einzigen McDonald's im Staatsbesitz und seinen subventionierten Hamburgern, einem Freilichtkino, Golfplatz, diversen Boots- und Tauchschulen.

Dem Traumurlaub während der sechsmonatigen Dienstzeit steht in GTMO nichts im Wege. Statt der in den USA allgegenwärtigen Tafeln mit den verschiedenen Farben der Terrorwarnstufen werden hier im Ort Luft- und Wassertemperatur angezeigt. Das ganze Jahr lang kann man baden, segeln und tauchen. Bei den Soldaten außerdem sehr beliebt: Alkohol ist sogar auf der Basis selbst erlaubt.

Neigt sich der Tag, lädt das irische Pub "O'Kellys" zum Bier, nebenan wird Bingo gespielt. Etwas feiner wird im Offiziersclub diniert. Liebhaber herzhaften Essens ziehen das "Jerk House" vor; und direkt am Wasser, in der "Tikki Bar", treffen sich die Typen von der CIA nach Vernehmungen auf einen Drink. Doch um Urlaub sollte es bei diesem Trip nicht gehen - auch wenn Commander Gordon, meist in kurzen Hosen und T-Shirt, von den Strandausflügen schwärmte. Die Reporter drängte es zu den "Camp Tours", die aus Platzgründen auf zehn Teilnehmer begrenzt waren. Wie auf Klassenfahrt stritten sich gestandene Journalisten um den "trip behind the wires" – in das berüchtigte Gefangenenlager "Camp Delta".

Vor dem Start ist einiges zu unterschreiben. Auf fünf Seiten ist aufgelistet, was nicht fotografiert oder geschrieben werden darf. Unbemannte Wachtürme oder das Meer hinter dem Gefangenenlager sind zum Beispiel tabu. Das Formular schließt mit dem Hinweis, dass alle Bilder auf den Kameras und gegebenenfalls auch die gesamte Festplatte von Laptops vom Militärzensor gelöscht werden dürfen.

Die Tour beginnt mit dem Lager, das GTMO weltbekannt gemacht hat: "Camp X-Ray", Symbol des Unrechtssystems, das die USA nach dem 11. September 2001 installierten. In kleinen überdachten Drahtkäfigen, keine zwei mal zwei Meter, ohne Toilette, wurden hier Ende 2001 die ersten Terrorverdächtigen interniert, die aus Afghanistan ankamen.

Die Bilder aus "Camp X-Ray" gingen um die Welt: Gefangene in orangefarbenen Anzügen, auf den Knien, die Augen verbunden. Heute wirkt das Camp, das seit 2002 verlassen ist, wie ein großer Hundezwinger. Das Gras wächst kniehoch, die Zäune sind zugewachsen. Unser Aufpasser redet lieber über lokale Schlangenarten als über Gefangene. Er schwitzt, selbst im Dezember ist es noch unerträglich heiß.

"Die modernsten und humansten Gefängnistrakte der Welt"

Die US-Armee hätte "Camp X-Ray" gern schnell abgerissen, doch ein US-Richter ordnete an, es als Beweismittel für mögliche Prozesse wegen Misshandlungen stehen zu lassen. Gründlich wurden die Vernehmungszellen gesäubert, selbst Steckdosen und Lichtschalter abgeschraubt. Nur Soldaten-Gekritzel, Totenköpfe und Schriftzüge wie "warriors of the night" erinnern an das Jahr 2002.

Keine zehn Minuten Fahrt von hier, am Golfplatz vorbei, liegt das neue Gefangenenlager: "Camp Delta". Vor dem Tor steht ein Schild, das den value of the week ankündigt, den Wert der Woche. In dieser Woche lautet die Parole für die Soldaten "Respekt". Unsere Umhängeschilder werden einzeln kontrolliert. Der Fahrer weist uns an, keine Fotos von den Wachen zu machen.

Camp Delta teilt die Gefangenen in drei Klassen: gefügig, kooperativ, resistent

Der Kommandeur der 2200 Soldaten, Admiral David Thomas, nennt die neuen Anlagen die "modernsten und humansten Gefängnistrakte der Welt". In sechs verschiedene Teile ist das "Camp Delta" unterteilt: I bis III sind für gefügige und kollaborierende Gefangene reserviert, "Camp IV" für einigermaßen kooperierende, die beiden anderen für resistente Häftlinge.

Daneben gibt es noch mehrere Sonderlager. Im "Camp VII", schon dieser Name ist geheim, sind die high value detainees interniert: hochrangige Terroristen wie Khalid Scheich Mohammed. Wo sich das Lager befindet, ist Verschlusssache der nationalen Sicherheit. Weniger geheim sind das "Camp Ecco", erst kürzlich für Anwaltsbesuche eingerichtet, oder das "Camp Iguana", in dem die die harmlosesten Verdächtigen einsitzen.

Was der Knastchef, ein lächelnder Navy-Commander, im "Camp IV" zeigt, wirkt wie eine Jugenderziehungsanstalt. Tischfußball, Fitnessgeräte, Schachbretter. In kleinen Klassenräumen, allesamt klimatisiert, hängen Bilder von Afghanistans Bergen und der blauen Moschee in Masar-i-Sharif. Nur die Fußfesseln unter den Metalltischen erinnern daran, wo man eigentlich ist.

Den Unterricht in verschiedenen Sprachen - Englisch, auch Dari und Paschtu - verstehe man als "intellektuelle Stimulanz", damit die Gefangenen etwas zu tun haben, sich nicht nutzlos fühlen, sagt der Commander.

Exakt gefaltet auf den sechs Betten einer Zelle liegt die Gefängniskleidung. Orange steht für resistente Insassen, beige für kooperative und weiß für gefügige.

Das Gefängnis, von Amnesty International als Gulag kategorisiert, wirkt schon jetzt museal. Gefangene sieht man kaum. Einst für mehr als 600 Verdächtige errichtet, füllen die 255 übrig gebliebenen Männer die Lager nur noch teilweise. Hinter Zäunen sehen wir schemenhaft einige Männer, die draußen auf dem Boden kauern. Es dauert nicht lange, bis das Fotografieren recht ruppig unterbunden wird.

Vor "Camp V" eine kurze Erinnerung an die Wirklichkeit: Komplett in schwarzer Kampfmontur, mit Plastikschilden, Helmen und Knieschonern ausgerüstet, rückt eine Einheit der Schnellen Eingreiftruppe QRF ins Gebäude vor. Unter den Gefangenen sind die Einheiten wegen ihrer gewalttätigen Missionen nur als "Ninjas" bekannt. Jetzt aber wollen sie nur zu einem Trainingseinsatz, sagt die Pressefrau.

Alle Bilder der "Ninjas" werden kurz vor der Abreise von zivilen "Sicherheitsbeamten" gelöscht. Die Veröffentlichung würde "die nationale Sicherheit gefährden". Auf Nachfrage berichtet der Knast-Chef, dass es mindestens einmal pro Woche zu Übergriffen von "unkooperativen Gefangenen" kommt. Deren Zahl, um die 20 Prozent aller Insassen, hat nicht abgenommen.

Im Gebäude selber herrscht gespenstische Stille; "Camp V" wurde einem Hochsicherheitsgefängnis im Bundesstaat Indiana und "Camp VI" einem in Michigan nachempfunden. Nur 40 Prozent der Zellen sind belegt, alles ist blitzblank geputzt. Der Commander preist die "Gemeinschaftsräume" mit Tischen und Bänken. Zur Sicherheit werden die Gefangenen auch hier am Boden angekettet.

Die Genfer Konventionen in sieben Sprachen

In den Gängen demonstriert die US-Armee ihre zynische Haltung zur internationalen Kritik an Guantanamo. In sieben Landessprachen hängen die Genfer Konventionen aus - Grundregeln für Kriegsgefangene, die die Regierung Bush bewusst gebrochen hat. Selbst die Adresse des Supreme Court ist nachzulesen, jenes höchsten US-Gerichts, das erst Jahre nach der Eröffnung die Rechte der Gefangenen bestätigt hatte.

Was uns hier gezeigt wird, ist eine Standardtour der Militärs. Anwälte, Menschenrechtler, Politiker – alle haben genau diese Schauplätze gesehen. Alles, was wir von Guantanamo mitbekommen, ist schon in einem Stück des "New Yorker"-Autors Jeffrey Toobin vom April 2008 nachzulesen. Nur die Zahl der Hungerstreikenden hat sich auf 18 erhöht. Bei seinem Besuch waren es zehn Männer.

Als wir das "Camp VI" verlassen, sind Fragen nach der Zukunft des Lagers nicht mehr zu vermeiden. Mehrmals hatte die Pressefrau gesagt, dass die Soldaten solche politischen Fragen "nicht beantworten wollen". Der Commander äußert sich zumindest indirekt.

"Es wäre schade", sagt er, "wenn man dieses Gefängnis, das den besten Ansprüchen genügt und vollkommen sicher ist, leer stehen lassen würde."

SPIEGEL-ONLINE-Reporter Matthias Gebauer beobachtet die Militärtribunale in Guantanamo Bay seit Beginn und war in der vergangenen Woche dort.

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