Häftlinge in Bagram: Entführt im Auftrag Amerikas - DER SPIEGEL
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US-Gefängnis Bagram: Aus Pakistan entführt

Foto: Reprieve

Häftlinge in Bagram Entführt im Auftrag Amerikas

Mehrere junge Männer sind in Pakistan verschwunden - im US-Gefängnis im afghanischen Bagram tauchten sie wieder auf. Sie wurden offenbar im Auftrag Washingtons verschleppt, werden ohne rechtliche Grundlage gefangen gehalten. Britische Menschenrechtler wollen jetzt klagen.
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Es gibt keine Augenzeugen, nicht einmal einen genauen Tatort in Pakistan. Irgendwann vor sechs Jahren verschwand Saifullah, ein armer Lohnarbeiter von etwa 26 Jahren. "Er kam einfach nicht mehr nach Hause", sagt Mohammed Haroon Shah, sein Onkel. "Wir meldeten ihn als vermisst, aber nichts passierte. Ein Jahr lang war er verschwunden, bis wir einen Brief vom Roten Kreuz erhielten. Darin stand: Saifullah sitzt im US-Gefängnis in Bagram ein."

Jemand musste also Saifullah festgenommen und ihn nach Afghanistan gebracht haben. Aber wer? Und warum?

"Wir wissen, dass die Amerikaner ihn gefangen halten. Aber wir wissen nicht aus welchem Grund", sagt Shah und seufzt. Saifullah werde Nähe zu Terroristen vorgeworfen, "aber das kann ich absolut nicht bestätigen". Auch sei er verwundert, wie es sein könne, dass sein Neffe in seinem eigenen Land entführt und ins Nachbarland gebracht worden sei, ohne dass die Familie sofort informiert wurde. "Wer tut so etwas?" Shah spricht für die Angehörigen, denn Saifullahs Vater ist kürzlich gestorben. "Aus Kummer", sagt der Onkel. "Weil er dachte, er sieht seinen Sohn nie wieder."

Insgesamt sieben junge Männer sind in den vergangenen Jahren in Pakistan verschwunden und später im berüchtigten Gefängnis in Bagram wieder aufgetaucht. "Wir untersuchen auch noch einen achten Fall", sagt die Anwältin Sarah Belal, die für die britische Menschenrechtsorganisation Reprieve arbeitet. Nach Erkenntnissen dieser Organisation wurden die Männer im Auftrag der USA entführt und nach Afghanistan gebracht. "Proxy detention" nennen sie diese Art der - illegalen - Festnahmen: geplant und ausgeführt von Stellvertretern der Amerikaner.

Menschenrechtler vermuten den Staat hinter den Entführungen

Reprieve und deren Partnerorganisation Justice Project Pakistan haben die Fälle dieser Verschwundenen im Herbst 2010 vor den Obersten Gerichtshof in Lahore gebracht, der Prozess dauert noch an. Da es bislang keine Signale von US-Offiziellen gibt, die inhaftierten Männer anzuklagen oder freizulassen, prüfen die Aktivisten jetzt auch juristische Schritte in den USA.

Die Menschenrechts-Experten vermuten, dass das pakistanische Militär oder deren Geheimdienst ISI hinter den Verhaftungen steckt - jene Organisation, die die USA in den geheimen Guantanamo-Dokumenten wenig sensibel zusammen mit Terrororganisationen wie al-Qaida und Hamas aufführen. US-Generalstabschef Admiral Mike McMullen warf dem Geheimdienst vergangene Woche bei seinem Besuch in Pakistan Verbindungen zum terroristischen Haqqani-Netzwerk vor. Umso verwunderlicher, dass ausgerechnet der ISI im Auftrag Washingtons pakistanische Staatsbürger entführt und an die Amerikaner in Afghanistan übergeben haben soll.

Für Aufsehen sorgt auch der Fall von Hamidullah, der im Alter von 14 Jahren verschwand.

Waqil Khan, sein Vater, räuspert sich mehrmals, bevor er mit leiser Stimme zu erzählen beginnt. "Wir kommen aus Waziristan, die pakistanische Armee führt dort Krieg gegen Aufständische. Deshalb sind wir nach Karatschi geflohen." Hamidullah sei mit einigen Cousins zurück nach Waziristan gereist, um ein paar Dinge von zu Hause zu holen, Kleidung und Geschirr. "Wir gingen ja inzwischen davon aus, dass wir für längere Zeit in Karatschi bleiben müssen."

Kontakt mit den gefangenen Verwandten per Skype

Aber die Cousins kehrten ohne Hamidullah zurück. Hamidullah war plötzlich weg. "Sie haben nicht mitbekommen, was passiert ist. Wir gingen davon aus, dass er irgendwo in den Bergen gestürzt ist oder dass ihn vielleicht ein wildes Tier angefallen hat", berichtet Khan, der in Karatschi als Wachmann arbeitet.

"Eines Tages kam ein Brief des Roten Kreuzes", sagt der Vater. Hamidullah gehe es gut, stand da, er sei in Bagram. "Einen Grund, warum man meinen Sohn festgenommen und dorthin verfrachtet hat, haben wir nie erfahren."

US-Offizielle in Bagram geben auf Nachfrage zu, dass sich der Verdacht, die jungen Männer hätten Kontakte zu terroristischen Gruppen oder seien selbst Terroristen, bislang nicht bestätigt hat. "Von ihnen geht keine Gefahr für die USA oder für US-Interessen aus", sagt einer, der namentlich nicht genannt werden möchte.

Mit welcher Begründung sind die Männer trotzdem noch in Haft? Wann werden sie freigelassen? Und entspricht es jetzt amerikanischer Gepflogenheit, Menschen, die - vermeintlich oder tatsächlich - US-Interessen schaden, entführen zu lassen und festzuhalten? Auf alle Fragen: Schweigen. Ein Schweigen, das das Bild einer Regierung entstehen lässt, die im Kampf gegen Terroristen die Maßstäbe verloren zu haben scheint.

Nachdem die Angehörigen wussten, wo die vermissten Verwandten waren, durften sie alle drei Monate ein paar Minuten lang mit ihnen telefonieren. Später setzte das Internationale Komitee des Roten Kreuzes durch, dass die Familien einmal im Monat mit ihren gefangenen Angehörigen sprechen können. "Wir bekommen einen Anruf vom Roten Kreuz, dann gehen wir in deren Büro in Karatschi und setzen uns vor einen Computer", berichtet Shah. "Und plötzlich sehen wir Saifullah auf dem Bildschirm. Wir dürfen eine halbe Stunde lang mit ihm reden. Ich glaube, man nennt das Skype", sagt Shah und lächelt. "Wenigstens wissen wir jetzt, dass er wirklich lebt und dass es ihm gut geht." Beim letzten Gespräch habe man seinem Neffen angesehen, dass er zugenommen habe.

Wie der pakistanische Staat Hunderte Staatsfeinde entführt und liquidiert

Über die Haft und darüber, wie die Männer festgenommen wurden und was ihnen vorgeworfen wird, dürften die Angehörigen nicht mit ihnen sprechen. "Das ist tabu", sagt Shah. "Da sitzen immer irgendwelche Leute neben den Jungs, die würden das Gespräch sofort unterbrechen, wenn wir danach fragen."

"Diese Menschen werden jahrelang ohne Anklage, Prozess und juristische Hilfe festgehalten", sagt Jurist Clive Stafford Smith, Chef von Reprieve, britischer und US-Staatsbürger gleichzeitig. Die Beweislage sei "außerordentlich dünn", die Festnahmen basierten auf "undurchsichtigen Informationen". "Man kann es nicht anders sagen: Der Anti-Terror-Kampf der USA ist kontraproduktiv, unzivilisiert und dumm." Smith zieht dieses Fazit, nachdem er insgesamt 83 Häftlinge in dem anderen illegalen US-Gefängnis, in Guantanamo auf Kuba, vertreten hat. 66 von ihnen sind inzwischen frei.

Die Menschenrechtsorganisationen vermuten, dass Washington Druck auf pakistanische Sicherheitskräfte ausübt, Verdächtige zu verhaften und ins Ausland zu bringen. Die Regierung in Islamabad weist diesen Vorwurf von sich. Aber es deutet vieles darauf hin, dass die Pakistaner Vollstrecker der amerikanischen Haftbefehle sind.

Über 100 Entführungen und Hinrichtungen in Balutschistan

Prominentester Fall in Pakistan ist das Schicksal der Ärztin Aafia Siddiqui. Sie verschwand im März 2003 gemeinsam mit ihren drei Kindern aus Karatschi und tauchte fünf Jahre später unter ungeklärten Umständen im afghanischen Ghazni auf, wo sie angeblich auf US-Soldaten schoss. Siddiqui, behaupten amerikanische Ermittler unter Berufung auf - unter Folter gemachte - Aussagen von verhafteten Qaida-Mitgliedern, sei eine hochrangige Terroristin und eine Vertraute Osama Bin Ladens. Im vergangenen Jahr wurde sie in den USA zu 86 Jahren Haft verurteilt.

"Meine Schwester ist unschuldig, die Vorwürfe sind frei erfunden", behauptet dagegen ihre Schwester Fauzia Siddiqi. Sie sei vielmehr verschleppt und gefoltert worden. In der pakistanischen Öffentlichkeit wird "Dr. Aafia" als unschuldiges Opfer einer amerikanischen Willkürjustiz angesehen.

Die pakistanischen Sicherheitskräfte gehen aber auch ohne amerikanischen Auftrag nicht gerade zimperlich mit Menschen um, die sie als Gefahr ansehen. In den vergangenen Monaten sind Hunderte von Menschen in Pakistan verschwunden, insbesondere in der rohstoffreichen, aber dennoch armen Provinz Balutschistan, in der es eine starke Unabhängigkeitsbewegung gibt.

Pakistans Regierung führt einen heimlichen Krieg gegen Mitglieder dieser Bewegung. Seit vergangenem Juli sind nach Angaben von Amnesty International mehr als 100 Menschen entführt worden - Juristen, Studenten, Lehrer, Bauern. Viele von ihnen fand man Wochen später tot, gezeichnet von Folterspuren. Zuletzt wurden Ostermontag fünf Leichen von Unabhängigkeitsaktivisten entdeckt, alle Männer waren erschossen worden.

Die Polizei reagiert auf diese Fälle gleichgültig. Bislang gab es keine einzige Festnahme. Ermittlungen werden, wenn überhaupt, mit wenig Energie betrieben. Die pakistanische Presse berichtet zurückhaltend über die Entführungen und Hinrichtungen. "Die Arme des Militärs und des Geheimdienstes sind lang", sagt ein pakistanischer Menschenrechtsaktivist. "An das Thema traut sich niemand ran."