Hamas-Triumph in Gaza Iran - nur fünf Minuten von Israel entfernt
Tel Aviv - "Willkommen in der Hölle", titelt die Zeitung "Maariv" und meint: "Israel ist jetzt von einem zusätzlichen feindlichen und nervösen Staat umgeben." Auch die Konkurrenz malt schwarz. "Iran: Fünf Minuten von Aschkelon entfernt", beschreibt das Massenblatt "Yedioth Achronot" die neue Gefahr nach dem Putsch der radikal-islamischen Hamas im Gaza-Streifen. Von Aschkelon, einer Stadt mit 110.000 Einwohnern, sind es nur wenige Kilometer bis zum Gaza-Streifen. Die achtgrößte Stadt Israels, warnt "Yedioth Achronot", könnte demnächst von Kurzstreckenraketen der Hamas angegriffen werden, welche von Teheran geliefert würden.
Ins selbe Horn stößt die zum rechtsnationalen Lager gehörende Zeitung "Makor Rischon". Die Hamas werde schon bald über dieselben iranischen Kurzstreckenraketen verfügen, die im vergangenen Sommer von der Hisbollah gegen Israel eingesetzt wurden. Dafür werde die islamische Republik sorgen: Sie unterstütze die Hamas nicht nur militärisch, sondern auch finanziell.
Alle israelischen Medien räumen militärischen Fragen noch mehr Raum ein als sonst. Die einen fordern den Einmarsch israelischer Truppen in den Gaza-Streifen, um das tödliche Waffenpotential Made in Teheran zu vernichten. Andere treten dafür ein, Gaza noch hermetischer abzuschließen als bisher oder internationale Truppen aufbieten, die den Waffenschmuggel nach Gaza unterbinden sollen.
Weil sich in Israel jeder als Militärexperte versteht, gibt es zu jedem Vorschlag gleich kritische Gegenargumente. Die Regierung müsse sich jetzt etwas Kreativeres einfallen lassen als die Stationierung internationaler Truppen an den Grenzen, meint zum Beispiel ein Kolumnist in "Haaretz". Als es bei den palästinensischen Sicherheitskräften noch Ansprechpartner gab, mag dies sinnvoll gewesen sein. In Gaza sei das jetzt aber nicht mehr der Fall.
Indem Premier Ehud Olmert diese Idee lanciert habe, beweise er nur, "dass er die kritischen Entwicklungen im Gaza-Streifen noch nicht internalisiert hat", so "Haaretz": "Mit wem sollten sich denn internationale Truppen koordinieren, jetzt, da die Hamas an der Macht ist?" Und überhaupt: Die Hamas sei ja nicht bereit, internationale Truppen zu akzeptieren. Womit der Vorschlag bereits zu den Akten gelegt werden kann.
Auch politische Optionen werden diskutiert - sogar die Aufnahme von Gesprächen mit dem Feind, der Hamas. In den vergangenen Monaten hätten Vermittler durchaus prüfenswerte Vorschläge der Hamas in Israel deponiert, behauptet "Maariv" - zum Beispiel die Idee eines Gefangenenaustausches einschließlich eines Waffenstillstandes. "Vielleicht", fragt einer der führenden Kommentatoren des Blattes, "sollten wir diese Vorschläge jetzt ernst nehmen". Man dürfe die Hoffnung ja nicht aufgeben, dass die Hamas am Ende doch noch zu einer pragmatischen Partei mutiere, mit der man reden könne.
"Drei Staaten für zwei Völker"
Diesen Optimismus teilen allerdings nur wenige. Die moderaten Kräfte seien bei der Hamas derzeit "eine seltene Spezies", kontert "Haaretz". Der radikale Flügel, der den Ton angebe, sei nicht zu Gesprächen mit Israel bereit: "Wenn es nach ihm geht, sollten die Anstrengungen zur Zerstörung Israels anhalten." In einem Punkt sind sich hingegen die meisten Kommentatoren einig: Es gehe jetzt in erster Linie darum, eine Machtergreifung der Hamas auf der Westbank zu verhindern. Dort sei die Hamas zwar deutlich schwächer und weniger populär als in Gaza. Aber das Image der Fatah-Partei habe nach dem Kollaps im Gaza-Streifen auch in der Westbank gelitten, warnt die "Jerusalem Post": "Die Bilder von halbnackten Fatah-Offizieren, die sich (in Gaza) der Hamas ergeben, sind sicher nicht dazu angetan, das Ansehen von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas bei seinen Anhängern in der Westbank zu erhöhen".
Deshalb sei es jetzt dringend notwendig, mit Abbas zu sprechen, um zu verhindern, dass sich die Hamas auch der Westbank bemächtige. Die meisten Berater Olmerts würden den Premier dazu drängen, möglichst schnell auf Abbas zuzugehen und ihn zu unterstützen, behauptet "Maariv".
Olmert solle schleunigst die Gelder überweisen, die Israel seit Monaten blockiert hat, obwohl sie der Palästinensern gehören. Er solle zudem palästinensische Gefangene freilassen - eine Geste, die Abbas stärken würde. Schließlich sollte Olmert Abbas Verhandlungen über eine definitive Lösung des israelisch-palästinensischen Konfliktes anbieten. Dabei könne es aber nur um die Westbank (und vielleicht Ost-Jerusalem) gehen, Gaza sei wohl verloren. "Drei Staaten für zwei Völker", fasst "Maariv" die künftige Ausgangslage auf der Titelseite in dicken Lettern zusammen.
Vorwürfe an Olmert
Die Machtergreifnug der Hamas im Gaza-Streifen hätte sich laut "Yedioth Achronot" vermeiden lassen: Olmert habe nämlich zu wenig unternommen, um die gemäßigten palästinensischen Kräfte zu stärken. Die Treffen zwischen Olmert und Abbas seien nutzlos und für den Palästinenserpräsidenten demütigend gewesen, schreibt ein Kolumnist des Blattes: "Israel hatte keine langfristige Gaza-Strategie. Die Hamas hat dieses Vakuum gefüllt".
Auch militärisches Versagen wird der Regierung vorgeworfen: Niemand einschließlich Israel - habe die Hamas daran gehindert, die Macht in Gaza an sich zu reißen: "Auch während des vergangenen Monates, als (die südisraelische Stadt) Sderot mit Kassam-Raketen angegriffen wurde, verpasste Israel die Chance, der Hamas einen empfindlichen Schlag zu versetzen", wirft "Maariv" der Regierung Olmert vor.
Doch wie soll Israel jetzt mit dem von der Hamas kontrollierten Gaza umgehen? Im Verteidigungsministerium habe man derzeit kein Interesse, in den innerpalästinensischen Machtkampf einzugreifen, hat "Haaretz" erfahren. Noch ist die israelische Regierung ratlos, wie sie auf den Putsch in Gaza reagieren soll. Doch viel Zeit bleibt ihr nicht, um sich zu entscheiden. Denn die Grundbedürfnisse der Bevölkerung müssen befriedigt werden.
In wenigen Wochen werde sich die humanitäre Krise in Gaza bedenklich zuspitzen. Israel werde deshalb die Grenzübergänge in den Gaza-Streifen nicht lange geschlossen halten können, so "Haaretz".
Pierre Heumann ist Nahostkorrespondent der in der Schweiz erscheinenden "Weltwoche"