Hillary Clinton Die Emanzipation der First Lady
Washington Der Präsident schlug sich während der Rede der First Lady immer wieder die Hand vor den Mund und schüttelte den Kopf, als könne er nicht recht glauben, was er da sah. Energisch, souverän und kämpferisch zeigte sich seine Frau, als sie am Sonntag offiziell ihre Bewerbung um den Senatorensitz für den Bundesstaat New York bekannt gab. "Es ist mir eine Ehre, hier und heute meine Kandidatur anzukündigen", sagte Hillary Rodham Clinton, 52, vor rund 2000 Zuschauern in der State University of New York in Purchase, einer Gemeinde nahe ihrer neuen Wahlheimat Chappaqua. Es ist das erste Mal in der amerikanischen Geschichte, dass sich eine First Lady um ein politisches Amt bewirbt, während ihr Gatte Präsident ist.
Doch leicht wird sie es nicht haben. Dass Mrs. Clinton eine der bekanntesten Frauen der Welt ist, hat ihr bislang keine Bonuspunkte eingebracht. Auch ihre emsigen Bemühungen, sich als "echte" New Yorkerin zu präsentieren, verfolgte die Lokalpresse mit höhnischem Spott. Als sie sich im vergangenen Herbst plötzlich eine Baseballkappe aufsetzte und sich zum "langjährigen Fan" der Yankees erklärte die Yankees, die außerhalb der Stadt am Hudson River so beliebt sind wie Bayern München in Dortmund, hatten gerade die amerikanische Meisterschaft gewonnen wurde ihr monatelang anbiederndes Getue vorgeworfen. "New York hat die Schnauze voll von Hillary Clinton. Und auch wenn es sexistisch klingt, wir verstehen jetzt, warum Bill fremdgegangen ist," ätzte das Boulevardblatt "New York Post".
Das plötzliche Interesse der First Lady an einem politischen Amt stößt in dem Bundesstaat, der sich von der Atlantikküste bis an die Großen Seen erstreckt, auf Misstrauen. Was will die Frau hier, die in Illinois geboren wurde und aufgewachsen ist, in Connecticut studiert und in Arkansas gearbeitet hat und die als First Lady von Little Rock ins Weiße Haus nach Washington wechselte, fragen sich die New Yorker. Und wie kann sie unsere Interessen vertreten, wo sie gerade mal vor gut einem Monat in die Region gezogen ist? Die Antwort auf diese Fragen gab die First Lady am Sonntagnachmittag selbst: "Ich mag vielleicht neu zugezogen sein. Eure Sorgen sind mir trotzdem vertraut. Wenn ihr mich wählt, werde ich für euch kämpfen." Ihre plötzliche Lust an einer eigenen politischen Karriere begründete Hillary Clinton damit, dass sie ihr ganzes Leben für Frauen und Kinder, Gesundheit- und Umweltthemen gestritten habe. Meinungsbilder in ihrem neuen Heimatstaat haben ergeben, dass drei Viertel der Befragten das Motiv für das späte Polit-Coming-Out in ihrer verkorksten Ehe sehen, berichtete die "Washington Post" kürzlich. Die First Lady wolle sich so von ihrem ehebrecherischen Gatten emanzipieren.
Als Präsident Clinton wegen der Lewinsky-Affäre im vergangenen Jahr bangen musste, vom Kongress des Amtes enthoben zu werden, hätte Gattin Hillary den New Yorker Senatorenposten nach Umfragen mit Leichtigkeit gewonnen. Doch inzwischen scheint die Sympathie verpufft, die vor allem Frauen der Gedemütigten und Betrogenen entgegenbrachten. Unter weiblichen Wählern liegt die First Lady jetzt hinter ihrem vermutlichen Konkurrenten, New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani, zurück. 58 Prozent der weiblichen Bevölkerung hätte sie damals gewählt. Heute sind es nur noch 44 Prozent. Der Republikaner Giuliani konnte dagegen einen Stimmenzuwachs verbuchen. Auf ihn wären vor zwölf Monaten 34 Prozent der weiblichen Stimmen entfallen, heute sind es 44 Prozent.
Auf die Nachfrage eines Reporters, warum sie gerade unter Frauen so wenig Zustimmung erhalte, sagte Hillary Clinton kürzlich: "Vielleicht mögen sie meine Frisur nicht." Kontroverser als ihre Haartracht scheint jedoch die Scheidungsfrage zu sein. Weil sie Bill Clinton nicht verlassen hat, werfen ihr Frauenrechtlerinnen vor, sie habe die Frauenfrage verraten. Aus konservativen Kreisen heißt es, das sei der Beweis dafür, wie prinzipienlos sie sei.