Ein Tag mit Hillary Clinton Das Endspiel
Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton
Foto: Andrew Harnik / AP9.30 Uhr, Fort Lauderdale, Ritz Carlton, Großer Ballsaal. Die Bombenentschärfer und ihre Spürhunde haben übernommen, Taschen werden beschnüffelt, wer sich Hillary Clinton nähern will, wird durchleuchtet wie am Flughafen. Auf der Straße fährt eine Motorradstaffel der Polizei vor.
Der Clinton-Tross besteht aus rund 20 Agenten des Secret Service, ebenso vielen Mitarbeitern ihrer Kampagne und 52 Reportern und Kameraleuten, die sie in diesen letzten Tagen des Wahlkampfs begleiten, darunter der SPIEGEL.
Um kurz nach 10 Uhr verlässt Clintons Wagenkolonne das Hotel, erster Stopp des Tages ist ein Shoppingcenter, in dem ein Wahllokal eingerichtet wurde. 150 Anhänger warten auf sie und jubeln. "Geht wählen", sagt Clinton. "Wir brauchen euch alle."
Clinton, Personenschützer in Lauderhill, Florida
Foto: Jewel Samad / AFPZurück im Auto stellen ihre Leute sie zum Radiosender WRUM-RUMBA durch.
"Hi, hier spricht Hillary Clinton", sagt sie.
"Hi", antwortet der Radiomoderator, den die Wucht des Augenblicks zu übermannen droht. "Wow, meine Nerven machen mich fertig, weil Sie meine Heldin sind. Ich liebe Sie so sehr!"
Der Radiosender richtet sich an die spanischsprachigen Einwanderer, sie sollen Clinton in Florida zum Wahlsieg tragen. Die Umfragen sehen sie hier gleichauf mit Donald Trump, er ist stark bei den weißen Wählern, sie bei den Minderheiten. Beide Kandidaten investieren viel in Florida, der Bundesstaat könnte wie so oft in der US-Geschichte zum Schlüssel werden, Al Gore verlor hier die Wahl 2000 mit weniger als 300 Stimmen Differenz. Das soll ihr nicht passieren. Also weiter.
Clinton zeichnet noch ein zweites Interview mit einem weiteren Sender auf, dann geht es zurück zum Flughafen. 11.35 Uhr: Ihre Maschine mit dem blauen Schriftzug "Stronger Together", eine umgebaute Boeing 737, die früher mal als Linienmaschine für Air Berlin flog, wartet auf dem privaten Teil des Flughafens von Fort Lauderdale, dort, wo sonst nur die Jets der Reichen parken. An der Gangway patrouillieren zwei mit Maschinenpistolen und Helmen ausgerüstete Polizisten.
Clintons Jet beim Anflug auf Las Vegas
Foto: Brian Snyder / REUTERSUm 12.03 Uhr hebt ihr Flieger ab, die knapp fünf Stunden Flugzeit erinnern daran, wie groß und wie schön dieses Land ist, Atlantikküste, der Golf von Mexiko, der Grand Canyon, all das ist aus der Luft zu sehen.
17.15 Uhr, Clinton landet in Las Vegas, Nevada, die Uhren werden um drei Stunden zurückgestellt. Die Fassade des Mandala Bay funkelt golden in der Nachmittagssonne. Noch auf dem Rollfeld gibt sie ein drittes Interview, in Nevada liegt sie leicht hinten, aber ihre Leute glauben daran, dass sie es drehen kann. Zeit ist kostbar in diesen letzten Tagen des Wahlkampfs, die Frage, wo und wie oft die Kandidaten auftreten, zählt zu den wichtigsten strategischen Entscheidungen. Clinton wird an diesem Tag neben Florida auch Nevada und Arizona besuchen, zwei Staaten, die traditionell republikanisch wählen, von denen ihre Leute aber glauben, dass ihr hier eine Überraschung gelingen kann.
Hinter dem Mirage am berühmten Strip hat die Polizei die Straße abgesperrt, Clinton fährt vor und grüßt ein paar Hotelarbeiter, das halbe Küchenpersonal des Mirage ist gekommen, allesamt hispanische Einwanderer. Der nächste Stopp. In einer Flachhalle am Stadtrand warten rund 200 Heizungsinstallateure und Elektriker auf sie, die örtliche Gewerkschaft hat eingeladen. Clintons Leute lassen einen der Arbeiter aus dem Trump-Hotel in Las Vegas auftreten, der dazu aufruft, nicht seinen Chef zu wählen.
Als Clinton auf die Bühne steigt, hält sie eine seltsam kraftlose Ansprache. Die Umfragen sind eng, es geht um alles, sie müsste die Menschen begeistern und aufrütteln. Aber Clinton spricht 15 lange Minuten nur über Trump. "Sehen wir den Tatsachen ins Auge, viele Amerikaner sind entschlossen, Trump zu wählen, und viele weitere liebäugeln damit", sagt sie. "Und viele sagen: Schauen wir doch mal, was passiert, wenn er gewinnt." Sie bittet die Arbeiter, die Augen zu schließen. "Stellt euch vor, wie es wäre, wenn am 20. Januar tatsächlich Donald Trump ins Weiße Haus einzöge!" Trumps letztes Opfer, das sagt sie mit düsterer Stimme, werde die Demokratie sein.
Clintons bester Trumpf ist die Angst vor ihrem Rivalen. Auf den letzten Metern dieses Wahlkampfs ist sie ist zu einer Nur-nicht-Trump-Kandidatin geworden.
Auf dem Weg zum Flughafen hält ihr Wagen noch zweimal, zuerst bei einem Wahlkampfbüro der Demokraten, wo Clinton Durchhalteparolen verbreitet und sich bei ihren Unterstützern bedankt; anschließend bei einem Friseursalon, der hauptsächlich afroamerikanische Kunden bedient. Ihre Botschaft ist überall die gleiche: "Geht wählen!"
Visite im Friseurladen
Foto: Brian Snyder / REUTERSDie Maschine verlässt Las Vegas gegen 17.30 Uhr Ortszeit, ein Unwetter ist im Anmarsch, die Piloten drängen zur Eile. Clinton hat zwölf Stunden Wahlkampf hinter sich, auf dem Programm steht noch ein Auftritt in Arizona. Ihre Stimme ist heiser, die Strapazen sind ihr anzumerken. Es gibt keine Hintergrundgespräche mehr mit Journalisten an Bord ihres Kampagnenflugzeugs wie in den vergangenen Wochen, keine kleinen Scherze ihrer Leute. Das Team Clinton gleicht eine Fußballmannschaft in der 83. Minute, die mit letzter Kraft versucht, ihren Vorsprung über die Zeit zu bringen.
Der Tross landet gegen 18.45 Uhr in Phoenix, Arizona, Clintons Kolonne besteht aus zwölf gepanzerten Wagen und einem Reisebus für die Journalisten. Motorradpolizisten fahren vor und sperren den Highway ab, es geht nach Tempe, einem Vorort von Phoenix, wo sie an der Arizona State University sprechen wird. Ihre Leute sind aufgeregt: Die örtlichen Beamten haben 15.000 Zuschauer gezählt! Die Zahl der Zuhörer ist in diesem Wahlkampf zum Politikum geworden, eine Messlatte des Erfolgs, seit Donald Trump keine Gelegenheit ungenutzt lässt, auf die große Zahl seiner Anhänger zu verweisen. 15.000, das ist eine Zahl, die Trump erst mal übertreffen muss.
Auftritt in Sanford, Florida
Foto: Jewel Samad / AFPSie soll im Footballstadion der Universität reden, mobile Tribünen sind auf dem Rasen aufgebaut, ein DJ legt auf, um die Leute einzustimmen. Aus den Boxen klingt "Sexmachine" und "Voulez-vous coucher avec moi?", was angesichts der Vorwürfe sexueller Belästigung gegen Trump einen irritierenden Beigeschmack hinterlässt.
Unter die Fans von Clinton haben sich ein paar Trump-Anhänger gemischt, sie skandieren "Sperrt sie ein!", ehe die Polizei sie abdrängt. Clinton steht auf der Bühne, lila Kostüm, heisere Stimme, sie erinnert daran, dass Arizona seit 1948 nur ein einziges Mal demokratisch abgestimmt hat, "1996 für meinen Mann Bill!"
Sie nutzt den Abend, um sich präsidentiell zu zeigen, verspricht, eine Staatschefin für alle Amerikaner zu sein, falls sie gewählt wird. "Selbst, wenn Sie nicht für mich waren, ich werde als Präsidentin für Sie sein", ruft sie. Die Luft ist erfüllt von einer Mischung aus Euphorie und Angst, der Angst, was wohl mit diesem Land passieren wird, falls er und nicht sie gewinnen sollte.
"Manchmal entscheidet sich das Schicksal großer Nationen in einzelnen Momenten", sagt Clinton. "Einer dieser Momente ist jetzt gekommen."
Gegen 21 Uhr gehen die Menschen nach Hause, an der Ostküste ist es schon Mitternacht, Clinton ist seit 16 Stunden auf den Beinen, am nächsten Morgen geht es um 5.30 Uhr weiter. Aber noch ist der Abend nicht vorbei. Es spielen die Chicago Cubs gegen die Cleveland Indians um die US-Meisterschaft im Baseball, eine Begegnung, die fast ebenso viel Drama beinhaltet, wie das Duell Clinton gegen Trump. In der Best-of-7-Serie steht es ausgeglichen 3 zu 3, an diesem Abend kann es nur einen Sieger geben.
Endspiel gewonnen
Foto: Andrew Harnik / APClinton steht in einem Zelt auf dem Campus, einer ihrer Helfer streamt das Spiel auf einem iPad. Clinton schaut gebannt, wie die Cubs im zehnten Inning beim Stand von 8 zu 7 den letzten Spieler der Indians rauswerfen. Freudenschreie. Vorbei.
Die Cubs haben ihr Endspiel gewonnen.
Clinton steht das ihre noch bevor.