Hillary Clinton: Jeanne d'Arc auf dem Seil - DER SPIEGEL
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Hillary Clinton Jeanne d'Arc auf dem Seil

Hillary Clinton geht ins Rennen ums Weiße Haus. Doch so sicher, wie viele glauben, ist ihre Kandidatur längst nicht. Vieles steht dem "Clinton-Express" noch im Wege, darunter Parteirivale Barack Obama - und sie selbst.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Eigentlich hatte sie noch warten wollen. Doch dann kam ihre politische Nemesis dazwischen, Wunderkind-Senator Barack Obama, ihr gefährlichster Konkurrent in der Partei, der am Dienstag seinen Hut in den Ring warf und ihr so das frühe Rampenlicht stahl. Also schmiss sie kurzerhand ihren Zeitplan um und erklärte schon heute, woran sowieso ja keiner mehr gezweifelt hatte: "Ich bin dabei."

Sprich: Der Sondierungskommission für eine Präsidentschaftskandidatur, die Hillary Clinton gegründet hat, wird ohne Zweifel auch die offizielle Kandidatur folgen - die erste einer Frau fürs Weiße Haus, so sie tatsächlich die Nominierung gewinnen sollte, und die erste einer ehemaligen First Lady. "Ich bin dabei, um zu gewinnen", fügte sie in einem Video auf ihrer frisch renovierten Wahlkampf-Website hinzu, der für die YouTube-Generation immer üblicheren Kommunikationsmethode auch für Politiker, die auf die jüngeren Wähler schielen (Obama erklärte sich ebenfalls via Web-Video).

Da lehnte sie leger auf dem Sofa, daheim im Salon in Chappaqua bei New York, von Pastell-und Eierschalenfarben umgeben und einem Blümchenkissen gestützt. Ein Lämpchen spendete sanftes Kuschellicht, das Beistelltischchen zierten rosa Rosen (Ton in Ton mit ihrem Sakko) und Familienfotos mit dem Gatten, der schon war, wo sie nun hin will. Die Wahlkampfmaschine surrte auf vollen Touren: Alles an dem Statement zielte darauf, ihre kontroversen Kanten zu schleifen, sie weichzuzeichnen für den Wähler der Mitte.

Der "500-Pfund-Gorilla"

So auch ihre Worte. Sie sprach von "kühnen, aber praktischen Änderung" in der Politik, von einem "richtigen Ende" für den Irak-Krieg, vom verlorenen "Respekt Amerikas in der Welt", vom maroden Gesundheitswesen, von Rentensicherheit und dem Schlagwort du jour, "Energieunabhängigkeit". Konkreteres gab's da erwartungsgemäß nicht - außer einer Breitseite gegen George W. Bush, welcher die Mehrheit der Amerikaner in allen Umfragen zustimmt: "Nur ein neuer Präsident wird Bushs Fehler rückgängig machen und unsere Hoffnung und unseren Optimismus wiederherstellen können."

Dazu servierte sie, wie bei so was üblich, geschickt den strategischen Hinweis auf die eigenen Wurzeln "im Mittelstand" und "in der Mitte Amerikas" (wobei sie natürlich längst Multimillionärin ist) und die Aufforderung zum "Dialog über Ihre Ideen und meine". Unter anderem durch Online-Videochats, von denen der erste schon am Montag stattfinden soll.

Hillary Clinton, die virtuelle Kandidatin für jedermann. Gleich neben dem Video konnten sich Wahlkampfspender per Mausklick erleichtern lassen - in praktischen Raten von 25, 50 oder 100 Dollar bis hin zu 4100 Dollar und "anderen Summen" (Visa, Mastercard, American Express). Kein Wunder, dass sie derzeit 14,4 Millionen Dollar in der Kriegskasse hat, mehr als sonst ein Aspirant, egal welcher Partei. Sie ist der "500-Pfund-Gorilla", wie es die US-Kommentatoren gestern formulierten.

Ein Bein nach links, eins zur Mitte

Doch das ist natürlich auch viel Medien-Hype. Denn wer genauer hinguckt, der merkt, dass der "Clinton-Express", so der Kolumnist Bob Herbert, nicht unbedingt freie Fahrt haben wird - auch wenn sie sicher den besten Wahlkampfmanager aller hat (Bill Clinton). In Umfragen liegt im Moment nämlich das politische Sexsymbol Obama vorne, der sich mit seiner Unerfahrenheit clever zum Bannerträger eines neuen Anfangs stilisiert und und mit dessen Namen sie inzwischen sogar schon Tangas bedrucken ("Obama 2008", neun Dollar, via Internet-Shop Cafepress.com).

Im berüchtigt pingeligen Vorwahlstaat New Hampshire etwa sieht das demokratische Feld nach Erhebungen des Demoskopie-Instituts Zogby im Moment so aus: Obama 23 Prozent, Clinton und John Edwards, der frühere Vize-Kandidat, je 19 Prozent. Unter ferner liefen: die Senatoren Joe Biden und Christopher Todd, der Dauerkandidat Dennis Kucinich, der Ex-Gouverneur John Vilsack und der Gouverneur von New Mexico, Bill Richardson. Bei den Republikanern führt Senator John McCain vor New Yorks Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani. Und die schlagen Clinton in landesweiten Kopf-an-Kopf-Umfragen derzeit beide um Längen.

Viel zu tun also. Schon morgen will Clinton vor die Presse treten, am nächsten Wochenende dann treckt sie ins eisige Iowa, den Staat mit der ersten Vorwahlstimme. Es dürfte spannend werden, wie die einstige Jeanne d'Arc der Linksliberalen den Seiltanz diesmal angeht - jenen Spagat, mit dem auch schon Bill Clinton einst erfolgreich auf Wählerfang ging: ein Bein nach links gereckt, das andere zur Mitte, das politische Herz dazwischen fein ausbalanciert. (Ein nationaler Trend, der sich auch bei der letzten Kongresswahl nur bestätigt hat.)

Irak-Votum als Ballast

"Mrs. Triangulation", so nennt sie der Parteikenner Matt Bai von "Time", der gerade an einem Buch über die Demokraten arbeitet. Hillary Clinton, Version 3.0 (Version 1.0 war die First Lady, Version 2.0 die Senatorin): Einerseits Moralapostelin, die "immer viel betet", die gewaltsame Videospiele verteufelt und sich mit den konservativen Kollegen verbrüdert. Andererseits die Bush-Basherin, die der linken Basis weiter die ideologische Treue schwört, durch diskrete Sigale, unterschwellige Botschaften und Tiraden hinter verschlossener Tür - eine Strategie, die sie in ihren sechs Jahren im Senat perfektioniert hat.

Ihr Stimmverhalten dort plaziert sie zumindest in Fragen nationaler Sicherheit rechts der Parteifreunde, als eine der konservativsten Demokraten. Auch ihr Lebenslauf legt das nahe. Aufgewachsen als Republikanerin und Kirchgängerin, dann in die Studentenunruhen der 60er Jahre geworfen: Beide Einflüsse, glaubt Bai, seien bei ihr zu "philosophischen Impulsen" verschmolzen, die sie bis heute prägten. Oder ihr wie Ballast anhängen, so ihr Votum für den Irak-Einmarsch vor vier Jahren.

Erster Schritt zur Vermenschlichung

Und dann bleibt auch noch ihr größtes Hindernis auf dem Weg ins Weiße Haus - sie selbst. Darin sind sich Demokraten wie Republikaner einig: In einer Umfrage des "Atlantic Monthly" identifizierten beide Gruppen Clintons "Mangel an personality" mehrheitlich als ihr größtes Wahl-Manko. In der Tat gleicht Clintons öffentliches Auftreten, trotz des dramatischen Image-Makeovers der letzten Jahre, auch weiter einer Kabuki-Inszenierung. Ihr Lächeln wirkt oft aufgesetzt, ihr Interesse gespielt, ihr Gesicht erstarrt zur grellen Maske, sobald eine Kamera in Sicht ist. "Es ist schwer, sie nicht ein bisschen unmenschlich zu finden", schrieb Jacob Weisberg einmal in "Slate".

Ergo das heimelige Video von heute - der erste Schritt zur Vermenschlichung der Hillary Clinton. "Am 4. November 2008 kommt die Wende", prophezeit sie auf ihrer Website. Die Amerikaner stimmen zumindest dem zu: Die meisten wollen einen neuen, frischen Wind im Weißen Haus. Ob eine Ex-Mieterin dafür die beste Wahl ist, wird sich erst zeigen müssen.